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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Vortrag von Thomas Stöckle "Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung“.

Historiker Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, spricht am 8.9.2015 in Radolfzell über das Thema „Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung“.

Mit dem Stolperstein für Anna Maria Ronkat wird - 75 Jahre nach den NS-„Euthanasie“- und Krankenmorden in Grafeneck 1940 - erstmals an ein Radolfzeller Opfer dieses Menschheitsverbrechens erinnert.

Vor diesem Hintergrund lädt die Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion sehr herzlich ein. Ort der Veranstaltung ist die Aula der Teggingerschule Radolfzell. Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

"Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung“

http://www.gedenkstaette-grafeneck.de/

Diskussion

sw, 2015/09/10 00:57

Veranstaltungsbericht

Die Vortragsveranstaltung des Gedenkstättenleiters von Grafeneck, Thomas Stöckle, war gut besucht, die Größe der Aula der Teggingerschule passte zur Zahl der Anwesenden. Hervorzuheben ist, dass sich unter ihnen auch Angehörige von Radolfzeller Opfern der Euthanasiemorde befanden.

Markus Wolter, Historiker und Mitglied der Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“, führte mit viel Einfühlungsvermögen und Sachverstand durch den Abend. Er sprach die Begrüßung und führte kurz in das Thema und dessen Bedeutung für Radolfzell ein.

Sodann gab Herr Stöckle einen gründlichen und umfassenden Überblick über die Geschichte des ehemaligen Samariterstiftes Grafeneck. Den Schwerpunkt der Darstellung nahm selbstverständlich die gut einjährige Phase von 1939 bis 1941 ein, in der Grafeneck als NS-Tötungsanstalt im Rahmen der (Mord)- Aktion T4 1) fungierte. Das Täterpersonal hatte das Schloss bereits im Oktober 1939 bezogen und mit den Umbauten zur Tötungsanstalt begonnen, das Morden vollzog sich in Grafeneck zwischen dem 18. Januar und 13. Dezember 1940. In dieser Zeit wurden auf der Schwäbischen Alb, also quasi direkt vor unserer Haustür, 10.654 Menschen - Männer, Frauen und Kinder - mit geistiger Behinderung ermordet. Herr Stöckle bezeichnete diesen Vorgang treffend als ein „arbeitsteiliges staatliches Großverbrechen“.

Diese Zahl 10.654 entspricht in etwa der Hälfte der damaligen Insassen der betroffenen Heil- und Pflegeanstalten, was deutlich macht, dass nicht wahllos gemordet wurde. Vielmehr wurden bestimmte Kriterien angelegt, die einerseits in der Naziideologie des „gesunden Volkskörpers“, den es eugenisch von allem Kranken zu reinigen galt, begründet waren; andererseits wurden diese Motive aber stark überlagert von Kosten-Nutzen-Überlegungen in Bezug auf die Insassen der Pflegeheime, von Bewertungen ihrer Arbeitskraft und der Vorstellung von „lebensunwertem Leben“, wie es im Jargon der Täter hieß.

Herr Stöckle versäumte es nicht, die wichtigsten Akteure dieser Mordaktion beim Namen zu nennen, so z.B. den Bereichsleiter Philipp Bouhler oder den Chirurgen Dr. med. Brandt, die sich diensteifrig den Befehl von Hitler persönlich und schriftlich geben liessen - weit entfernt von einem heute allzuoft vermuteten Befehlsnotstand. Etwa 100 Täter, darunter viel Pflegepersonal aus den Heilanstalten, Schreibkräfte, einige Ärzte, Polizeibeamte, Wachmannschaften, Transportpersonal, usw. sind recherchiert worden aber noch mehr Personen waren in irgendeiner anderen Form beteiligt, ohne dass man sie zum engeren Kreis der Täter zählen konnte. Einige wenige wehrten sich gegen das Morden, klagten an oder gaben eine Leitungsposition in diesem Rahmen auf - auch das war möglich.

Es wurde von Herrn Stöckle herausgearbeitet, dass trotz aller Geheimhaltung rund um die „Aktion T4“, heute kein Zweifel mehr bestehen kann, dass sehr viele sehr früh um die Verbrechen wussten, die hinter den Mauern von Grafeneck begangen wurden. Vielen Außenstehenden war schon nach wenigen Wochen klar, dass dort gemordet wurde, und warum die Verbrennungsöfen von Grafeneck rauchten. Es sprach sich in den Pflege-Institutionen herum, beim Leitungspersonal und den Angestellten, man sprach in der Umgebung von Grafeneck und auch die Angehörigen stiessen bald auf Ungereimtheiten in den wie am Fließband verfassten Todesnachrichten mit geheuchelten Beileidsbekundungen und der vermeintlich Trost spendenden Lüge vom „guten Tod“ oder dem „Gnadentod“.

Den Angehörigen wurden die Deportationen in die Tötungsanstalt verheimlicht, die Todeszeitpunkte wurden gezielt gestreut, Todesort und Todesursache, selbst ärztliche Unterschriften waren gefälscht, wie fast alles, was von den Nazis in diesem Zusammenhang zu Papier gebracht wurde und überliefert ist. Der Historiker Stöckle sensibilisierte in seinem Vortrag mit solchen Hinweisen mehrfach für die Schwierigkeiten bei der Quellenlage und den bis heute überlieferten Akten. Zeitzeugen die in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg noch freimütig erzählten, verstummten schnell, Täter gerierten sich in den wenigen Prozessen rund um die Euthanasiemorde als mutige Menschen, die angeblich tapfer in den Institutionen blieben um dort Schlimmeres zu verhindern.

Das sehr interessierte Publikum folgte dem Vortrag gebannt - man konnte die Spannung im Saal beinahe greifen. Die Wortbeiträge in der auf den Vortrag folgenden, über eine Stunde andauernden Diskussion, zeugten von Sachverstand und Fassungslosigkeit über jahrzehntelanges Schweigen, gerade auch in Radolfzell.

Es war in mehrfacher Hinsicht ein sehr gelungener Abend und es ist zu hoffen dass weitere solche Abende folgen.

Herzlich sei nicht zuletzt auch der Tegginger Schule gedankt, die Ihre Aula für diese aktuelle und wichtige Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat. Aktuell ist sie, weil am Freitag, den 11. September 2015, in Radolfzell erstmals mit der Stolpersteinverlegung für Anna Maria Ronkat an ein Opfer der Euthanasiemorde erinnert wird.

Wer den Vortrag verpasst hat, kann vieles in dem hier verlinkten Dokument der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg nachlesen, das Herr Stöckle zur Lektüre empfiehlt: Materialien Grafeneck 1940: "Wohin bringt ihr uns?" NS-"Euthanasie" im deutschen Südwesten. Geschichte. Quellen. Arbeitsblätter (PDF 2,4 MByte)

Ebenfalls zur vertiefenden Lektüre geeignet und im Buchhandel erhältlich ist die Monografie von Thomas Stöckle: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland. Silberburg Verlag, 2005. ISBN 978-3-87407507-7.

⇒ Vgl. auch den Artikel von Natalie Reiser im Südkurier vom 10.9.2015: Stolpersteine für Euthanasie-Opfer.


1) T4 steht für den Ort der Berliner Befehlszentrale in der Tiergartenstr. Hausnummer 4
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Termine

Performance "508 ... Gegen das Vergessen"

Freitag, 11.08.2017, um 14:00 Uhr am Mahnmal im ZfP Reichenau

Im Gedenken an die 1940/41 im Rahmen der NS-Euthanasie ermordeten 508 Patienten in Reichenau schuf der Konstanzer Künstler Alexander Gebauer 1988 das „Mahnmal für die Opfer der NS-Euthanasie“ auf dem Gelände des ZfP. In Verbindung mit diesem Kunstwerk findet eine bewegende Aufführung, changierend zwischen Konzert und Performance, mit Bernhard Thomas Klein (Musiker und Komponist), Christine Koch (Bildhauerin) und Andieh Merk (Musiker) statt.

Weitere Informationen und den genauen Ablauf können Sie dem angefügten Faltblatt entnehmen: Faltblatt (6,4 MB)

Bitte beachten Sie, dass die Veranstaltung bei jedem Wetter unter freiem Himmel stattfindet. Es werden einfache Sitzgelegenheiten und Pavillons als Sonnen- oder Regenschutz zur Verfügung stehen.

Der Eintritt ist frei.

Die Veranstaltung wird organisiert und durchgeführt vom ZfP Reichenau und der Reihe „Kunst belebt“ des BodenseeKulturraum e.V., unterstützt von der Kunststiftung Landkreis Konstanz.

2017/08/07 20:08 · sw · 0 Kommentare

Duft der Steine - Theaterstück von Gerhard Zahner

Regie: Waltraud Rasch

Uraufführung: 21. September 2017

weitere Aufführungen 22.,23. September 6.,7., 20.,21. Oktober

Zeit: 20 Uhr

Ort: Theater-Zeller-Kultur, Fürstenbergstrasse 7a, 78315 Radolfzell

Karten: kartenbestellung@zellerkultur.de, Tel. 07732 8233941

Alice Fleischel wollte mit ihrem Sohn Günther nach dessen Entlassung die Flucht nach Brasilien wagen, aus diesem Grund wartete sie im Frühling 1940 im Hotel Schiff in Radolfzell auf ihn. Zu diesem Zeitpunkt in ihrer Geschichte setzt unser Theaterstück ein. Hier wird „unsübersteigend“ und beklemmend das Seelenleben eines Flüchtlings aufgezeigt. Wie Alice Fleischel im Schatten der Angst, des Misstrauens und der Ungerechtigkeit auf sich allein gestellt leben muss. In Ungewissheit und Schmerz, den widrigen Umständen zum Trotz zwischen vier Wänden ausharrt. Ihr einziger Berührungspunkt zur Außenwelt und der einzige warme Lichtblick in ihrem Leben ist der Hotelier Strudel, der sie beschützt. Obwohl sie ohne festen Wohnsitz und nur auf Fremdenzettel gemeldet ist, unterlässt er es die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten. Auch als der Bürgermeister im Sommer 1940 anordnet, dass die Jüdin Stadt und Hotel zu verlassen habe, gewährt ihr Strudel weiter Obdach und riskiert dabei sein eigenes Leben.

2017/07/18 19:08 · sw · 0 Kommentare

"Täter, Helfer, Trittbrettfahrer", NS-Belastete aus Südbaden - Buchvorstellung/Vortrag zu Dr. Conrad Gröber (1872-1948), Münsterpfarrer von Konstanz, Erzbischof von Freiburg, förderndes Mitglied der SS.

Vortrag von Dr. Wolfgang Proske:

„Dr. Conrad Gröber: 'Deutschehrlich' und 'überreiche Register im Orgelwerk seiner Seele…'

Veranstalter: seemoz e.V.

Veranstaltungsort: Treffpunkt Petershausen, Georg-Elser-Platz 1, 78467 Konstanz

Datum: Dienstag, 4. April 2017

Beginn: 19.30 Uhr

Dr. Conrad Gröber: „Constantia. Das Konstanzer Lied“. Zeitgenössische Kunstkarte (Linolschnitt v. August Krumm, der das Lied auch vertonte), gelaufen 1938. Sammlung Markus Wolter

Ankündigung im seemoz

Zur Buchreihe:

http://ns-belastete.de/index.html

2017/03/09 13:37 · Markus Wolter

Politischer Widerstand in Konstanz während des Nationalsozialismus

Vortrag von Dr. Uwe Brügmann am 27. Januar 2017 um 19:30 Uhr im Astoria-Saal der vhs Konstanz. Eine Veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Es waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, die in vielfältiger Form Widerstand leisteten; Widerstand aus der bürgerlichen Mitte (Zentrumspartei) ist in Konstanz bislang nicht belegt. Zum Widerstand gehörte der Schmuggel von politischen Broschüren aus der Schweiz nach Deutschland, Sabotage in Betrieben, Fluchthilfe in die Schweiz, kommunistische Propaganda, Abhören von ausländischen Sendern und, weit verbreitet, Schimpfen über die politischen Verhältnisse und nationalsozialistische Funktionsträger. Auch die religiös motivierte Weigerung der Zeugen Jehovas, sich den nationalsozialistischen Machthabern unterzuordnen, war politischer Widerstand, denn wer den Hitlergruß und den Wehrdienst verweigerte, opponierte offen und für jedermann sichtbar gegen das NS-Regime. Das totalitäre NS-Regime ging gegen die Konstanzer Frauen und Männer, die den Mut zum Widerstand hatten, mit äußerster Härte vor; einige von ihnen wurden durch Sondergerichte zum Tod verurteilt, viele andere wurden zu langjährigen Haftstrafen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern verurteilt.

Der Vortrag beleuchtet die verschiedenen Formen des politischen Widerstands in Konstanz, untersucht die Motive der Akteure und die Rolle der verbotenen SPD und KPD, vor allem aber soll an die Einzelschicksale jener Menschen erinnern werden, die in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus den Mut hatten, Widerstand gegen ein unmenschliches System leisteten.

Veranstalter: Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz“, Kulturbüro der Stadt Konstanz, vhs Konstanz-Singen e.V.

2016/12/15 23:12 · sw · 0 Kommentare

Hesse-Museum Gaienhofen: Szenische Lesung, Buchvorstellung und Vortrag über den NS-Aktivisten, Arzt und Schriftsteller Dr. Ludwig Finckh (1876-1964)

Ludwig Finckh mit Stabsoffizieren der Waffen-SS aus Radolfzell, Posen-Treskau und Lauenburg/Pommern bei einem Ortstermin in Gaienhofen, „Auf Heiden“, August 1943. Fotografie: Stadtarchiv Reutlingen.

Im Anschluss an die szenische Lesung des Bühnenstücks „Sonnwend“ von Gerhard Zahner - Vortragender Jo Vossenkuhl und Haro von Eden (Klarinette) - wird Dr. Wolfgang Proske den 2016 erschienenen Band "NS-Belastete aus dem Bodenseeraum" aus der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ vorstellen.

Markus Wolter, einer der Buchautoren, spricht zum Thema seines Aufsatzes: “'Blutsbewusstsein' - Dr. Ludwig Finckh und die SS“.

Ort: Hesse-Museum Gaienhofen

Datum: 18. November 2016

Zeit: 19.00 Uhr

Veranstalter: Hesse-Museum Gaienhofen

2016/11/12 13:24 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
blog/vortrag_von_thomas_stockle_grafeneck_1940_geschichte_und_erinnerung.txt · Zuletzt geändert: 2015/08/26 10:34 von mw
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