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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Deportation von Roma und Sinti

Im Staatsarchiv Freiburg ist im Aktenbestand des Landratsamts Emmendingen ein Schreiben der Staatlichen Kriminalpolizei, Kriminalpolizeistelle Karlsruhe, an den Emmendinger Landrat vom 10. März 1943 überliefert:

Betreff: „Einweisung von Zigeunermischlingen, Ròm Zigeunern und balkanischen Zigeunern in ein Konzentrationslager.“

Akten im Staatsarchiv Freiburg, Landratsamt EM, B 698/5, Nr. 5195 1) 2)

Auschwitz-Erlass von Himmler

Hintergrund war ein Erlass Himmlers vom 16. Dezember 1942, infolge dessen ab Februar 1943 schließlich über 20.000 Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert wurden. Der Landrat wurde mit dem fraglichen Schreiben der Kriminalpolizeistelle nun darüber informiert, dass die in der Region lebenden Sinti und Roma am 24. März 1943 vom Bahnhof Herbolzheim über Offenburg nach Auschwitz „einzuweisen“ seien.

Durchgehender Zug von Radolfzell nach Auschwitz

Dem Schreiben liegt die akkurat zusammengestellte Personenzugverbindung mit allen Zwischenhalten eines Sammeltransports von Herbolzheim nach Auschwitz bei. In Offenburg sollten die Deportierten in einen „durchgehenden“ Personenzugwagen einsteigen.

Startbahnhof dieses Deportationswagens war Radolfzell, denn, so die Fußzeile des Fahrplanes: „Durchgehender Wagen kommt von Radolfzell und ist von Offenburg ab zu benutzen“.

In diesem Wagen befanden sich auch 10 Sinti aus Singen und Radolfzell (Familie Winter), sowie 10 Sinti aus Schwandorf/Stockach (Familie Reinhardt), als der Deportationszug mit insgesamt 514 Frauen, Männern und Kindern am Nachmittag des 27. März 1943 in Auschwitz-Birkenau ankam. 3)

Die Deportierten wurden mit Häftlingsnummern versehen und kamen in das sogenannte "Zigeuner-Familienlager". 18 Roma und Sinti starben bald nach ihrer Ankunft unter den katastrophalen Lebens- und Versorgungsbedingungen des Lagers oder wurden in den Gaskammern ermordet. Anna und Luise Winter haben Auschwitz überlebt.

(Text: Markus Wolter).

Bereits 1995 wurde auf Inititiative des DGB und der VVN-BdA in Offenburg eine Gedenktafel erstellt (künstlerische Gestaltung: Monika Andres), die erst am 9. November 2014 der Öffentlichkeit am Offenburger Ostbahnhof übergeben werden konnte. (Bild: Andreas Heide)

Deportationen aus Radolfzell/Singen

Aus Singen/Radolfzell, in einem „durchgehenden Wagen“ der Deutschen Reichsbahn, Startbahnhof Radolfzell, am 24.-27.03.1943 nach Auschwitz deportiert: 4)

  • Winter, Johann, geb. 23.03.1892 in Eggingen, Amt Blaubeuren. Wohnhaft in Singen, Duchtlinger Str. 13 b (Tannenberg). Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5386, getötet 31.07.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Philippine, geb. Köhler, verh. mit Johann Winter, geb. 16.09.1896 (1886?) in Uffheim, Elsaß. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5954, getötet 05.08.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Anna, Tochter von Johann und Philippine Winter, geb. 06.10.1925 in Bohlingen. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943. Häftlingsnummer Z-5955. Transp. 15.04.1944. Überlebt.
  • Winter, Karl-David, Sohn von Johann und Philippine Winter, geb. 05.05.1922 in Markelfingen. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5388, getötet 12.04.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Anton, ältester Sohn von Johann und Philippine Winter, geb. 19.10.1913 in Ehrenstetten. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5387, Transport 15.04.1944 ins KZ Buchenwald. Dort 1945 befreit. Gestorben am 19.09.1987 in Singen.
  • Winter, Luise, geb. Köhler, verh. mit Anton Winter, geb. 23.03.1918 in Duisburg. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert am 24.03.1943 nach Auschwitz-Birkenau, Häftlingsnummer 5956. Transp. 15.04.1944. Überlebt. Gestorben am 13.06.1978 in Singen.
  • Winter, Willi Xaver, Sohn von Anton und Luise Winter, geb. 02.12.1941 in Singen. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Lagernummer Z-5390, getötet am 02.05.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Lothar, Sohn von Anton und Luise Winter, geb. 31.03.1938 in Singen. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5389, getötet 11.08.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Köhler, Josefine, geb. 01.04. (oder 26.04.) 1871. Hielt sich am 23. März 1943 bei Familie Winter auf. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.3.1943, Häftlingsnummer Z-5957, getötet 22.08.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Bruno, geb. 19.03. (oder 19.06.) 1923 in Radolfzell. Pflegesohn der Familie Winter. Hielt sich am 23. März 1943 bei Familie Winter auf. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5391, am 12.04.1943 in das KZ Buchenwald (Buchenwald-Nr. 43038) und von dort in das Buchenwalder Außenlager Mittelbau-Dora verlegt. Getötet 03.03.1945 im Außenlager Ellrich-Juliushütte (= Mittelbau II), Kreis Sonderhausen.

Deportationen aus Schwandorf/Stockach

Mutmaßlich von Radolfzell aus und im selben „durchgehenden Wagen“ der Deutschen Reichsbahn am 24.03.1943 nach Auschwitz deportiert:

  • Reinhardt, Theresia, geb. 17.12.1895 in Maxenhof/Stödtlen. Häftlingsnummer Z-5958, getötet am 31.7.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Magdalene(a), geb. 02.08.1925 in Forchtenberg. Tochter von Theresia Reinhardt. Häftlingsnummer Z-5959. Getötet am 15.11.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Johanna, geb. 30.01.1931. Häftlingsnummer Z-5960. Getötet am 29.12.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Antonia, geb. 18.01.1936 in Neuhausen. Häftlingsnummer Z-5961. Getötet am 29.05.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Gertrud, geb. 20.06.1942 in Messkirch. Lagernummer Z-5962. Getötet am ?? im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Johann, geb. 08.05.1926 in Oberried. Häftlingsnummer Z-5392. Getötet am 12.4.1943 (?) im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Josef, geb. 16.04.1929 in Bielerfingen. Häftlingsnummer Z-5393. Getötet am 18.05.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Georg*, geb. 06.05.1933 in Mühlheim (Müllheim?). Häftlingsnummer Z-5394. Getötet am ??? im KZ-Auschwitz-Birkenau. * Reinhardt, Franz, geb. 05.05.1938 in Schopfheim. Häftlingsnummer Z-5395. Getötet am 24.04.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau. * Reinhardt, Walter**, geb. 29.05.1941 in Schwandorf. Lagernummer Z-5396. Getötet am 12.5.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.

Einzelnachweise


1) Abgebildet in: Andreas Engwert und Susanne Kill: Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn, Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien, 2009, S. 88.
2) Ferner in: Ge­denk­buch. Die Sin­ti und Roma im Konzentra­tions­lager Auschwitz-Birkenau. Herausgegeben vom Staatlichen Mu­seum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deut­scher Sinti und Roma, Hei­de­lberg. 2 Bände München u.a. 1993, hier Band 2, S. 1580.
3) Vgl. den Ereigniseintrag des 27. März 1943: „Aus dem Reichsgebiet ist ein Transport mit Zigeunern eingetroffen. 251 Männer und Jungen erhalten die Nummern Z-5146 bis Z-5396 und 263 Frauen und Mädchen die Nummern Z-5700 bis Z-5962.“ In: Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 451.
4) Geschichtswerkstatt Singen (Hg.): „Seid letztmals gegrüßt“. Biografische Skizzen und Materialien zu den Opfern des Nationalsozialismus in Singen. Singen 2005; vgl. ferner: Auschwitz-Häftlingsdatenbank. Die Kenn- und Meldekarten der betroffenen Personen sind im Stadtarchiv Singen überliefert, die Entschädigungsakte zu Anton Winter im Staatsarchiv Freiburg, F 196/1 Nr. 7793 und F 196/1, Nr. 200.

Quellen

  • Text und Recherchen: Markus Wolter, Freiburg 2013

Termine

Thälmann-Stolpersteine am 20.2.2018 in Singen/Htwl.

Am 20.2.2018 werden für Ernst, Rosa und Irma Thälmann in Singen/Htwl. zum ersten Mal 3 Stolpersteine verlegt. Der genaue Ort und die Uhrzeit werden noch bekanntgegeben. Irma und Rosa waren bei guten Freunden in Singen/Htlw. untergekommen und im August 1944 verhaftet und ins KZ Ravensbrück eingeliefert worden.

Das wird der Text der Stolpersteine sein:

ERNST THÄLMANN
JG. 1886
VORSITZENDER KPD
REICHSTAGSMITGLIED
GESTAPOHAFT AB 3.3.1933
ERMORDET 14.8.1944
KZ BUCHENWALD

HIER WOHNTE
ROSA THÄLMANN
JG. 1890
IM WIDERSTAND/KPD
VERHAFTET 1944
RAVENSBRÜCK
BEFREIT

HIER WOHNTE
IRMA VESTER
GEB.THÄLMANN
JG. 1919
VERHAFTET 1944
RAVENSBRÜCK
BEFREIT

2017/12/10 13:14 · sw · 0 Kommentare

Stolperstein-Treffen am 26.11.2017

Am Sonntag den 26.11.2017 trifft sich die Stolperstein Initiative Radolfzell um 14 Uhr im Cafe Fino.

Einziger TOP bislang ist die Beschlussfassung über den Antrag, die Initiative nach über einem Jahr der Nichtaktivität aufzulösen.

2017/11/22 21:14 · sw · 0 Kommentare

9. November 2017: Gedenken an den 79. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938

Gedenkstättenort Radolfzell: Keine offizielle Gedenkveranstaltung

Jedem ist es an diesem Tag unbenommen und jeder sei dazu eingeladen, sich auch in diesem Jahr an der bundesweiten Stolperstein-Putz- und Mahnaktion zu beteiligen und die 23 in Radolfzell und Markelfingen verlegten Stolpersteine zu putzen, eine Kerze anzuzünden und eine Blume niederzulegen; auch an den Gedenkstätten vor der ehemaligen SS-Kaserne und am ehemaligen SS-Schießstand.

Stolpersteine für Lotte und Josef Bleicher, Höllstr. 1

Wider das Vergessen, zum mahnenden Gedenken.

2017/11/07 13:42 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Performance "508 ... Gegen das Vergessen"

Freitag, 11.08.2017, um 14:00 Uhr am Mahnmal im ZfP Reichenau

Im Gedenken an die 1940/41 im Rahmen der NS-Euthanasie ermordeten 508 Patienten in Reichenau schuf der Konstanzer Künstler Alexander Gebauer 1988 das „Mahnmal für die Opfer der NS-Euthanasie“ auf dem Gelände des ZfP. In Verbindung mit diesem Kunstwerk findet eine bewegende Aufführung, changierend zwischen Konzert und Performance, mit Bernhard Thomas Klein (Musiker und Komponist), Christine Koch (Bildhauerin) und Andieh Merk (Musiker) statt.

Weitere Informationen und den genauen Ablauf können Sie dem angefügten Faltblatt entnehmen: Faltblatt (6,4 MB)

Bitte beachten Sie, dass die Veranstaltung bei jedem Wetter unter freiem Himmel stattfindet. Es werden einfache Sitzgelegenheiten und Pavillons als Sonnen- oder Regenschutz zur Verfügung stehen.

Der Eintritt ist frei.

Die Veranstaltung wird organisiert und durchgeführt vom ZfP Reichenau und der Reihe „Kunst belebt“ des BodenseeKulturraum e.V., unterstützt von der Kunststiftung Landkreis Konstanz.

2017/08/07 20:08 · sw · 0 Kommentare

Duft der Steine - Theaterstück von Gerhard Zahner

Regie: Waltraud Rasch

Uraufführung: 21. September 2017

weitere Aufführungen 22.,23. September 6.,7., 20.,21. Oktober

Zeit: 20 Uhr

Ort: Theater-Zeller-Kultur, Fürstenbergstrasse 7a, 78315 Radolfzell

Karten: kartenbestellung@zellerkultur.de, Tel. 07732 8233941

Alice Fleischel wollte mit ihrem Sohn Günther nach dessen Entlassung die Flucht nach Brasilien wagen, aus diesem Grund wartete sie im Frühling 1940 im Hotel Schiff in Radolfzell auf ihn. Zu diesem Zeitpunkt in ihrer Geschichte setzt unser Theaterstück ein. Hier wird „unsübersteigend“ und beklemmend das Seelenleben eines Flüchtlings aufgezeigt. Wie Alice Fleischel im Schatten der Angst, des Misstrauens und der Ungerechtigkeit auf sich allein gestellt leben muss. In Ungewissheit und Schmerz, den widrigen Umständen zum Trotz zwischen vier Wänden ausharrt. Ihr einziger Berührungspunkt zur Außenwelt und der einzige warme Lichtblick in ihrem Leben ist der Hotelier Strudel, der sie beschützt. Obwohl sie ohne festen Wohnsitz und nur auf Fremdenzettel gemeldet ist, unterlässt er es die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten. Auch als der Bürgermeister im Sommer 1940 anordnet, dass die Jüdin Stadt und Hotel zu verlassen habe, gewährt ihr Strudel weiter Obdach und riskiert dabei sein eigenes Leben.

2017/07/18 19:08 · sw · 0 Kommentare
 
deportation_von_roma_und_sinti.txt · Zuletzt geändert: 2017/10/25 01:11 von sw
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