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Karte von Radolfzell

Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Unterschiede

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Josef Bleicher (1887-1972), Sohn von Frieda Bleicher, geb. Silbermann und Hermann Bleicher, war seit dem 11. Februar 1910 bis zum 15.6.1915 in der Stadt gemeldet und nahm am Ersten Weltkrieg teil. 1918 kam er vom Kriegsdienst zurück und bezog zum 18.11.1918 eine Wohnung am Luisenplatz 7. Wann und wo er seine Frau Lotte Goldberg (1899-1972) heiratete bzw. wann diese nach Radolfzell kam, ist bislang nicht bekannt. Josef Bleicher (1887-1972), Sohn von Frieda Bleicher, geb. Silbermann und Hermann Bleicher, war seit dem 11. Februar 1910 bis zum 15.6.1915 in der Stadt gemeldet und nahm am Ersten Weltkrieg teil. 1918 kam er vom Kriegsdienst zurück und bezog zum 18.11.1918 eine Wohnung am Luisenplatz 7. Wann und wo er seine Frau Lotte Goldberg (1899-1972) heiratete bzw. wann diese nach Radolfzell kam, ist bislang nicht bekannt.
-Bereits im Frühjahr 1936 sahen sich die Bleichers in Folge von [[http://de.wikipedia.org/wiki/Judenboykott|Boykottmaßnahmen 1933]] und der damit verbundenen Umsatzverluste gezwungen, ihr seit 1924 bestehendes Textil- und Schuhwarengeschäft in der Schützenstraße, später Adolf-Hitler-Str. 1 (neben dem Hotel "Sonne-Post"), aufzulösen bzw. die restlichen Lagerbestände zu verkaufen. Das so [[http://de.wikipedia.org/wiki/Arisierung|"arisierte"]] Textilgeschäft ging mit Kaufvertrag vom 1. Mai 1936 am 1. September 1936 an die Firma "(Carl) Renk & (Franz) Esser" über.[(Vgl. die überlieferte Geschäftskorrespondenz (9 Briefe) zwischen Franz Esser und Josef Bleicher in Zusammenhang mit der vertraglichen Übernahme des Ladengeschäfts und der Wohnungsauflösung, April-Juli 1936; Privatbesitz Herbert Esser, Radolfzell; Kopien: Sammlung Markus Wolter.)] Die Firma selbst ("Herren- und Damenkonfektionshaus") war im nationalsozialistischen Deutschland faktisch wertlos geworden und wurde nicht übernommen. Hintergrund: Der Begriff „Konfektionshaus“ galt als jüdisch und wurde von den Nationalsozialisten als Beispiel für die angebliche "Verjudung" der Textil- und Einzelhandelsbranche ab 1936 verboten. Fortan firmierte das Ladengeschäft "Renk & Esser" als „[//Deutsches//(!)] Bekleidungshaus“. +Bereits im Frühjahr 1936 sahen sich die Bleichers in Folge von [[http://de.wikipedia.org/wiki/Judenboykott|Boykottmaßnahmen 1933]] und der damit verbundenen Umsatzverluste gezwungen, ihr seit 1924 bestehendes Textil- und Schuhwarengeschäft in der Schützenstraße, später Adolf-Hitler-Str. 1 (neben dem Hotel "Sonne-Post"), aufzulösen bzw. die restlichen Lagerbestände zu verkaufen. Das so [[http://de.wikipedia.org/wiki/Arisierung|"arisierte"]] Textilgeschäft ging mit Kaufvertrag vom 1. Mai 1936 am 1. September 1936 an die Firma "(Karl) Renk & (Franz) Esser" über; zwei bis dato in Freiburg ansässige Kaufleute. [(Vgl. die überlieferte Geschäftskorrespondenz (9 Briefe) zwischen Franz Esser und Josef Bleicher in Zusammenhang mit der vertraglichen Übernahme des Ladengeschäfts und der Wohnungsauflösung, April-Juli 1936; Privatbesitz Herbert Esser, Radolfzell; Kopien: Sammlung Markus Wolter.)] Die Firma selbst ("Herren- und Damenkonfektionshaus") war im nationalsozialistischen Deutschland faktisch wertlos geworden und wurde nicht übernommen. Hintergrund: Der Begriff „Konfektionshaus“ galt als jüdisch und wurde von den Nationalsozialisten als Beispiel für die angebliche "Verjudung" der Textil- und Einzelhandelsbranche ab 1936 verboten. Fortan firmierte das Ladengeschäft "Renk & Esser" als „Deutsches(!) Bekleidungshaus“.
-Unter den in Radolfzell offenkundig gewordenen Repressalien und der sich abzeichnenden existenziellen Bedrohung lösten die Bleichers auch ihre Privatwohnung auf, meldeten sich am 30.11.1936 ab und wohnten noch für vier Monate in einer möblierten Zweizimmerwohnung bei Frau Anna Simon, Konstanz, Saarlandstr. 4, von wo sie im März 1937 zunächst ins belgische Antwerpen gingen - dorthin waren Eltern und Geschwister Lotte Bleichers emigriert - und Mitte April 1937 schließlich über Triest nach [[http://de.wikipedia.org/wiki/Haifa|Haifa]], [[http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerbundsmandat_f%C3%BCr_Pal%C3%A4stina|Palästina]], emigrierten.+Unter den in Radolfzell offenkundig gewordenen Repressalien und der sich abzeichnenden existenziellen Bedrohung lösten die Bleichers auch ihre Privatwohnung auf, meldeten sich am 30.11.1936 ab und wohnten noch für vier Monate in einer möblierten Zweizimmerwohnung bei Frau Anna Simon, Konstanz, Saarlandstr. 4, von wo sie im März 1937 zunächst ins belgische Antwerpen gingen - dort lebten inzwischen die Eltern und Geschwister Lotte Bleichers. Mitte April 1937 emigrierten Lotte und Josef Bleicher schließlich über Triest nach [[http://de.wikipedia.org/wiki/Haifa|Haifa]], [[http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerbundsmandat_f%C3%BCr_Pal%C3%A4stina|Palästina]].
-Die durch ihre Emigration nahezu mittellos gewordenen Bleichers lebten von der Unterstützung durch die Angehörigen Lotte Bleichers zunächst in Antwerpen, später in Haifa, wo sie erst 1950 mehr schlecht als recht durch Gründung einer Wäscherei ihr finanzielles Auskommen zu finden suchten.+Die durch ihre Flucht nahezu mittellos gewordenen Bleichers lebten von der Unterstützung durch die Angehörigen Lotte Bleichers zunächst in Antwerpen, später in Haifa, wo sie erst 1950 mehr schlecht als recht durch Gründung einer Wäscherei ihr finanzielles Auskommen zu finden suchten.
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„//Ich gehörte zur Kundschaft des Geschäftes des Antragsstellers und habe meine Textilien und Schuhe im Geschäft des Antragsstellers eingekauft. Der Antragssteller wurde gezwungen, das Geschäft im Rahmen der allgemeinen Judenverfolgung zu verkaufen. Ich weiß und kann aus eigenem Wissen bekunden, dass nur diese Judenverfolgung den Antragssteller gezwungen hat, das Geschäft aufzugeben und einen Totalausverkauf durchzuführen.//“ (Hilde Uricher, geb. Stocker, in einer Erklärung vor dem Amtsgericht Radolfzell, 17.11.1958) [(Entschädigungsakte Josef Bleicher, StAF, F 196/1 Nr. 7221)] „//Ich gehörte zur Kundschaft des Geschäftes des Antragsstellers und habe meine Textilien und Schuhe im Geschäft des Antragsstellers eingekauft. Der Antragssteller wurde gezwungen, das Geschäft im Rahmen der allgemeinen Judenverfolgung zu verkaufen. Ich weiß und kann aus eigenem Wissen bekunden, dass nur diese Judenverfolgung den Antragssteller gezwungen hat, das Geschäft aufzugeben und einen Totalausverkauf durchzuführen.//“ (Hilde Uricher, geb. Stocker, in einer Erklärung vor dem Amtsgericht Radolfzell, 17.11.1958) [(Entschädigungsakte Josef Bleicher, StAF, F 196/1 Nr. 7221)]
-//"Mein Schwiegervater Carl Renk, der am 10.3.1958 gestorben ist, und ich haben auf den 1.9.1936 das Textilgeschäft des Antragsstellers übernommen. Da wir keine Fachleute für die Schuhbranche sind, haben wir die Übernahme des Schuhwarengeschäftes des Antragsstellers abgelehnt. Der Antragssteller war infolgedessen gezwungen, einen Totalausverkauf seines Schuhwarengeschäftes durchzuführen. Die Neueröffnung unseres Geschäftes war auf den 1.9.1936 festgesetzt. Es ist mir völlig klar, dass der Antragssteller durch diesen Totalausverkauf finanzielle Verluste und Einbußen erlitten hat und er sein Schuhwarenlager unter dem Einkaufspreis abgeben musste, dies nehme ich an, sonst würde ein Totalausverkauf nie zum Erfolg führen und kein Interesse bei der Kundschaft erlangen. Dies ist eine allgemein kaufmännisch bekannte Tatsache.+//"Mein Schwiegervater Karl Renk, der am 10.3.1958 gestorben ist, und ich haben auf den 1.9.1936 das Textilgeschäft des Antragsstellers übernommen. Da wir keine Fachleute für die Schuhbranche sind, haben wir die Übernahme des Schuhwarengeschäftes des Antragsstellers abgelehnt. Der Antragssteller war infolgedessen gezwungen, einen Totalausverkauf seines Schuhwarengeschäftes durchzuführen. Die Neueröffnung unseres Geschäftes war auf den 1.9.1936 festgesetzt. Es ist mir völlig klar, dass der Antragssteller durch diesen Totalausverkauf finanzielle Verluste und Einbußen erlitten hat und er sein Schuhwarenlager unter dem Einkaufspreis abgeben musste, dies nehme ich an, sonst würde ein Totalausverkauf nie zum Erfolg führen und kein Interesse bei der Kundschaft erlangen. Dies ist eine allgemein kaufmännisch bekannte Tatsache.
Auf Frage der Ehefrau des Antragsstellers: Ich weiß nicht, ob ein Teil der Warenbestände des Textilgeschäfts vor der Übernahme durch uns verkauft wurde im Rahmen eines Teilausverkaufs. Ich will es nicht in Abrede stellen, ich kann es aber nicht mehr mit 100%iger Sicherheit sagen. Wir befanden uns in jener Zeit in Freiburg. Erst seit 1.9.1936 befinden wir uns hier. Auf Frage der Ehefrau des Antragsstellers: Ich weiß nicht, ob ein Teil der Warenbestände des Textilgeschäfts vor der Übernahme durch uns verkauft wurde im Rahmen eines Teilausverkaufs. Ich will es nicht in Abrede stellen, ich kann es aber nicht mehr mit 100%iger Sicherheit sagen. Wir befanden uns in jener Zeit in Freiburg. Erst seit 1.9.1936 befinden wir uns hier.
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**Oral History - "Der Jude hat gemeint, er könne noch einmal kassieren."**   **Oral History - "Der Jude hat gemeint, er könne noch einmal kassieren."**  
-Liesel Renk, geb. 1904, Tochter des Ariseurs Carl Renk und Tante von Herbert Esser, äußerte sich im Rahmen einer Zeitzeugenbefragung bereits 2002 zu diesem Thema. Die erst 2015 anonymisiert und ohne hinreichende Kommentierung veröffentlichte Transkription ihrer Bemerkungen sei abschließend zitiert:+Liesel Renk, geb. 1904, Tochter des Ariseurs Karl Renk und Tante von Herbert Esser, äußerte sich im Rahmen einer Zeitzeugenbefragung bereits 2002 zu diesem Thema. Das erst 2015 anonymisiert und ohne eine kritische Kommentierung des Herausgebers veröffentlichte Narrativ kennzeichnet ein deutlich antisemtisches Sprach- und Argumentationsmuster:
//"Mein Vater, der in Freiburg Prokurist war und Radolfzell kannte, hörte, dass Bleicher aufhören muss und interessierte sich für das Geschäft. Dann ist die Bestandsaufnahme gemacht worden, da war ihre Mutter dabei. Man stellte den Betrag fest, wie dieser war, weiß ich nicht mehr genau. Bei meinem Vater hat das Geld nicht ganz gereicht und er lieh sich dann von Verwandten aus der Schweiz Geld, damit er dem Juden alles ausbezahlen konnte.// //"Mein Vater, der in Freiburg Prokurist war und Radolfzell kannte, hörte, dass Bleicher aufhören muss und interessierte sich für das Geschäft. Dann ist die Bestandsaufnahme gemacht worden, da war ihre Mutter dabei. Man stellte den Betrag fest, wie dieser war, weiß ich nicht mehr genau. Bei meinem Vater hat das Geld nicht ganz gereicht und er lieh sich dann von Verwandten aus der Schweiz Geld, damit er dem Juden alles ausbezahlen konnte.//
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Religion: jüdisch, konvert. 1897 ev. Religion: jüdisch, konvert. 1897 ev.
-Familienstand: verheiratet mit dem Berliner Verleger Egon Fleischel, geboren am 12.05.1862 in Hamburg, gestorben am 28.01.1936 in Berlin +Familienstand: verheiratet mit dem Berliner Verleger Egon Fleischel (Egon Fleischel & Co), geboren am 12.05.1862 in Hamburg, gestorben am 28.01.1936 in Berlin
Alice Fleischel lebte bis 1939 in Berlin, zuletzt in Wiesbaden, München und Radolfzell und hatte zwei Söhne. Im Gedenkbuch[(gedenkbuch>Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, Bundesarchiv, Koblenz 1986. siehe ferner: Eintrag in der Yad Vashem Datenbank)] finden sich deren Namen: Erich Fleischel (geb. 16.07.1897 Berlin, ermordet nach 04.03.1943 in Majdanek)[(Erich Fleischel, der in Berlin und Bochum lebte, flüchtete, unbekannt wann, nach Frankreich. Vom deutschen Besatzungsregime wurde er am 4.3.1943 im 50. Transport über Drancy nach Majdanek deportiert und dort ermordet. Erich Fleischels Name findet man verzeichnet auf der "Mauer der Namen" des [[http://de.wikipedia.org/wiki/Memorial_de_la_Shoah|Mémorial de la Shoah in Paris]])] und Günther Rolf Egon Fleischel (geb. 01.06.1903 Berlin, gestorben (Krebserkrankung) 05.09.1943 im Ghetto von Riga).[(Zu Günther Fleischel vgl.: Herbert Obenaus: Vom SA-Mann zum jüdischen Ghettoältesten in Riga. Zur Biographie von Günther Fleischel. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 8 (1999), S. 278–299.; vgl. auch [[http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Fleischel|Wikipedia-Artikel zu Günther Fleischel]])] Alice Fleischel lebte bis 1939 in Berlin, zuletzt in Wiesbaden, München und Radolfzell und hatte zwei Söhne. Im Gedenkbuch[(gedenkbuch>Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, Bundesarchiv, Koblenz 1986. siehe ferner: Eintrag in der Yad Vashem Datenbank)] finden sich deren Namen: Erich Fleischel (geb. 16.07.1897 Berlin, ermordet nach 04.03.1943 in Majdanek)[(Erich Fleischel, der in Berlin und Bochum lebte, flüchtete, unbekannt wann, nach Frankreich. Vom deutschen Besatzungsregime wurde er am 4.3.1943 im 50. Transport über Drancy nach Majdanek deportiert und dort ermordet. Erich Fleischels Name findet man verzeichnet auf der "Mauer der Namen" des [[http://de.wikipedia.org/wiki/Memorial_de_la_Shoah|Mémorial de la Shoah in Paris]])] und Günther Rolf Egon Fleischel (geb. 01.06.1903 Berlin, gestorben (Krebserkrankung) 05.09.1943 im Ghetto von Riga).[(Zu Günther Fleischel vgl.: Herbert Obenaus: Vom SA-Mann zum jüdischen Ghettoältesten in Riga. Zur Biographie von Günther Fleischel. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 8 (1999), S. 278–299.; vgl. auch [[http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Fleischel|Wikipedia-Artikel zu Günther Fleischel]])]
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In ihrer Unterkunft in Radolfzell hatte sie sich zuletzt entschieden, in die Schweiz zu fliehen, um über Italien, wo eine Schwägerin lebte, vermutlich weiter nach Südamerika zu gelangen. Im Stadtarchiv Radolfzell ist ein Schreiben des Polizeireviers Radolfzell – „Aufenthalt von Juden betr.“ -  vom 2. Juli 1940 überliefert, dem eine Denunziation aus der Bevölkerung vorangegangen sein muss; dort heißt es, "dass sich seit Mitte April im Hotel Schiff eine Jüdin Frau Alice Fleischel geb. Rossin, geb. 4.6.1873, als Gast befindet. Dieselbe ist ohne festen Wohnsitz und nur auf Fremdenzettel gemeldet". Hotelier Strudel habe es unterlassen, die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten und werde deshalb bestraft. Die ebenfalls im Stadtarchiv überlieferte Meldekarte Alice Fleischels belegt eine am Vortag, dem 1. Juli 1940, vorgenommene (nachträgliche?) Anmeldung von "Alice Sara Fleischel"[(Zwangsname "Sara": Die "[[https://de.wikipedia.org/wiki/Namens%C3%A4nderungsverordnung|Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen"]] vom 17. August 1938 zielte darauf ab, jüdische Deutsche anhand ihrer Vornamen kenntlich zu machen. Sofern sie nicht schon einen "vom deutschen Volk" als "typisch jüdisch angesehen(en)“ Vornamen trugen, mussten sie vom Januar 1939 an zusätzlich den Vornamen Israel oder Sara annehmen.)], die sich lt. Eintrag durch eine jüdische Kennkarte ("J") mit der Nummer A 371187 ausweisen konnte, was den mit rotem Farbstift vorgenommenen Eintrag "Jude!" auf ihrer Meldekarte erklärt. Eingetragen sind ferner: „Jahr und Tag der Anmeldung: 1.7.40; Wohnung: Bahnhofplatz 1, Hotel Schiff. Jahr und Tag der Abmeldung: 22.10.40. Von Gestapo Konstanz abtransportiert“. In ihrer Unterkunft in Radolfzell hatte sie sich zuletzt entschieden, in die Schweiz zu fliehen, um über Italien, wo eine Schwägerin lebte, vermutlich weiter nach Südamerika zu gelangen. Im Stadtarchiv Radolfzell ist ein Schreiben des Polizeireviers Radolfzell – „Aufenthalt von Juden betr.“ -  vom 2. Juli 1940 überliefert, dem eine Denunziation aus der Bevölkerung vorangegangen sein muss; dort heißt es, "dass sich seit Mitte April im Hotel Schiff eine Jüdin Frau Alice Fleischel geb. Rossin, geb. 4.6.1873, als Gast befindet. Dieselbe ist ohne festen Wohnsitz und nur auf Fremdenzettel gemeldet". Hotelier Strudel habe es unterlassen, die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten und werde deshalb bestraft. Die ebenfalls im Stadtarchiv überlieferte Meldekarte Alice Fleischels belegt eine am Vortag, dem 1. Juli 1940, vorgenommene (nachträgliche?) Anmeldung von "Alice Sara Fleischel"[(Zwangsname "Sara": Die "[[https://de.wikipedia.org/wiki/Namens%C3%A4nderungsverordnung|Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen"]] vom 17. August 1938 zielte darauf ab, jüdische Deutsche anhand ihrer Vornamen kenntlich zu machen. Sofern sie nicht schon einen "vom deutschen Volk" als "typisch jüdisch angesehen(en)“ Vornamen trugen, mussten sie vom Januar 1939 an zusätzlich den Vornamen Israel oder Sara annehmen.)], die sich lt. Eintrag durch eine jüdische Kennkarte ("J") mit der Nummer A 371187 ausweisen konnte, was den mit rotem Farbstift vorgenommenen Eintrag "Jude!" auf ihrer Meldekarte erklärt. Eingetragen sind ferner: „Jahr und Tag der Anmeldung: 1.7.40; Wohnung: Bahnhofplatz 1, Hotel Schiff. Jahr und Tag der Abmeldung: 22.10.40. Von Gestapo Konstanz abtransportiert“.
-{{gallery>:bahnhof_radolfzell-um_1955.jpg?300x300&lightbox}} +{{gallery>:bahnhof_radolfzell_-_zughalt_der_wehrmacht_-_um_1940.jpg?300x300&lightbox}} 
-Deportationsbahnhof Radolfzell. Ansichtskarte um 1955. Sammlung Markus Wolter.+Deportationsbahnhof Radolfzell. Zwischenhalt, Truppentransport der Wehrmacht(?). Zeitgenöss. Fotografie, um 1940. Sammlung Markus Wolter
Am Radolfzeller Bahnhof wurde sie in den aus Konstanz-Petershausen eingefahrenen Sonderzug (4. Klasse) der Deutschen Reichsbahn mit 108 Konstanzer Judinnen und Juden gesetzt. Auch sieben jüdische Mitbürger/innen aus Wangen waren zuvor in einem Kastenwagen von Radolfzeller SS dorthin gebracht worden und mussten einsteigen. In Singen hielt der Zug erneut und 178 jüdische Bewohner/innen von Gailingen, 17 aus Randegg, zwei aus Hilzingen und eine aus Bohlingen kamen hinzu. An den folgenden Bahnhöfen der Schwarzwaldbahn bis Offenburg wurden weitere Juden in den Zug gezwängt. In Offenburg mussten alle aussteigen und in einen aus Lörrach-Freiburg einfahrenden Zug umsteigen. Dieser war einer von insgesamt sieben Deportationszügen, mit denen 5592 badische Juden nach Gurs deportiert wurden.   Am Radolfzeller Bahnhof wurde sie in den aus Konstanz-Petershausen eingefahrenen Sonderzug (4. Klasse) der Deutschen Reichsbahn mit 108 Konstanzer Judinnen und Juden gesetzt. Auch sieben jüdische Mitbürger/innen aus Wangen waren zuvor in einem Kastenwagen von Radolfzeller SS dorthin gebracht worden und mussten einsteigen. In Singen hielt der Zug erneut und 178 jüdische Bewohner/innen von Gailingen, 17 aus Randegg, zwei aus Hilzingen und eine aus Bohlingen kamen hinzu. An den folgenden Bahnhöfen der Schwarzwaldbahn bis Offenburg wurden weitere Juden in den Zug gezwängt. In Offenburg mussten alle aussteigen und in einen aus Lörrach-Freiburg einfahrenden Zug umsteigen. Dieser war einer von insgesamt sieben Deportationszügen, mit denen 5592 badische Juden nach Gurs deportiert wurden.  

Termine

Vortrag VHS Konstanz - "Dr. med. Ludwig Finckh und die NS-Rassenhygiene"

Gauschulungslager des NS-Lehrerbundes (NSLB), Gaienhofen. „5. Lehrgang, Sonderkurs in Erbbiologie und Rassenkunde“, 1935. Ansichtskarte eines Kursteilnehmers an seine Familie in Pforzheim

Über Dr. med. Ludwig Finckh (1876-1964) wäre vermutlich längst das letzte Wort gesprochen und der Autor vergessen worden, wenn es sich bei ihm nur um den sogenannten „Heimat-Dichter“, den „Rosendoktor“ von der Höri gehandelt hätte. Als virulenter Nationalsozialist gibt Finckh stattdessen heute noch Anlass, sich mit seinem Fall kritisch auseinanderzusetzen. Teils als Vordenker, teils als Vortragsredner in Sachen NS-„Rassenhygiene“, betätigte sich Finckh u.a. als „Weltanschauungslehrer“ des NS-Lehrerbundes am Gauschulungslager des NSLB in Gaienhofen und an der Waffen-SS-Unterführerschule in Radolfzell. Neueste Recherchen belegen die Teilnahme von Finckhs Gauschulungslagern an eugenischen Tagungen der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau in den Jahren 1934-1938. (Text: Markus Wolter)

Referent: Markus Wolter, MA

Ort: VHS Konstanz-Singen e.V., Katzgasse 7, Astoria Saal

Datum: 24. März 2020

Zeit: 19.30 - 21.00 Uhr

Anmeldung: VHS-Konstanz

2020/01/30 12:15 · Markus Wolter · 2 Kommentare

Gerhard Zahner: "Weißes Blut". Eine dramatische Lesung zur Weihnacht

Zeit: 24.12.2019, 14.00 Uhr

Ort: THEATER-KULTUR-ZENTRUM, Fürstenbergstrasse 7a, Radolfzell

„Der Arzt Nathan Wolf (1882–1970) war Jude aus Wangen, er wurde von den Nazis vertrieben und im KZ Dachau eingesperrt und gepeinigt. Nach dem Krieg kehrte er nach Wangen, in seine Höri zurück. Er ist zurück gekehrt, nicht heimgekehrt. Die jüdische Gemeinde in der Höri vernichtet, die Synagogen zerstört. Nicht heimkehren, zurückkehren, darum geht es diesem Stück. Eine Situation, die heute so viele Flüchtlinge betrifft. Auch ihre Heimat ist für immer zerstört. Die neue Heimat ist vielleicht, solchen Menschen wie Nathan Wolf gerecht zu werden, ihrem Leben. Letztlich, wenn heute Abgeordnete aus den Protokollen der Weisen von Zion zitieren, diesem Buch aus dem Giftschrank der Verleumdung, scheitern wir alle und vertreiben uns selbst.“

Programmtext: http://www.zellerkultur.de/veranstaltungen.html

Hintergrund: https://www.wolf-wangen.com/

2019/12/14 16:25 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Der Reichspogrom 1938 am westlichen Bodensee - Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Klöckler in Radolfzell

Der 9. November 1938 im westlichen Bodenseeraum: Opfer – Täter – Zuschauer“

Vortrag in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Radolfzell und des Arbeitskreises „Erinnerung“

„Kaum ein anderes Datum der deutschen Geschichte ist so aufgeladen wie der 9. November 1938. Aus der Perspektive von Opfern und Tätern, aber auch der zahlreichen Zuschauer, sollen die Ereignisse in Radolfzell, auf der Höri sowie im westlichen Bodenseeraum rekonstruiert und in das allgemeine Verfolgungsgeschehen im Deutschen Reich eingebettet werden. Die entscheidende Rolle bei der Zerstörung der Synagogen in Wangen, Gailingen und Randegg kam der in Radolfzell stationierten SS zu. Mit Ekrasit sprengte sie unter der Verantwortung von SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen auch die Konstanzer Synagoge.“ (www.radolfzell.de)

Referent: Prof. Dr. Jürgen Klöckler, Stadtarchiv/Universität Konstanz

Ort: Stadtbibliothek Radolfzell

Zeit: Freitag, 8. November 2019, 19.30 Uhr

2019/11/07 12:56 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Verlegung des Stolpersteins für Karl Teufel

Zum Ersatz des vor rund einem Jahr im Zuge von Straßenbauarbeiten fahrlässig beseitigten und verloren gegangenen Stolpersteins für Karl Teufel wird am 28. Oktober 2019, 16.30 Uhr, in der Konstanzer Str. 30/1 ein von Gunter Demnig neu gefertigtes Exemplar verlegt.

2019/10/28 12:33 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
juden_in_radolfzell.1560843398.txt.gz · Zuletzt geändert: 2019/06/18 09:36 von mw
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