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Karte von Radolfzell

Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Mettnau-Stadion

Die „Mettnau-Kampfbahn“ (Mitte links) während der Bauzeit. Luftbild Paul Strähle 1928. Zeitgenössische Ansichtskarte. Sammlung Markus Wolter

Am 1./2. August 1931 wurde anlässlich des 31. Hegau-Bodensee-Gauturnfestes die „Mettnau-Kampfbahn“ eröffnet. Das Stadion war zwischen 1927 und 1931 in einer ehemaligen Kiesgrube angelegt worden und sollte in den Folgejahren als Jugend- und Gausportwettkampfstätte auch zum Ort nationalsozialistischer Kundgebungen und Veranstaltungen der lokalen und regionalen NS-Organisationen werden:

Wahlkampfrede von Hitler im Mettnau-Stadion

Adolf Hitler im Mettnau-Stadion 1932. Fotografie: Kreisarchiv Konstanz, Z09/01.

29. Juli 1932: Kundgebung der NSDAP. Im Rahmen seiner deutschlandweiten Wahlkampfauftritte zur Reichstagswahl am 31. Juli 1932 sprach Adolf Hitler in der „Mettnau-Kampfbahn“ zu nächtlicher Stunde (23.00 Uhr) zu etwa 35.000 Zuhörern aus Radolfzell und der Region sowie aus der Schweiz. Radolfzell war nach Reutlingen und Freiburg die letzte Station von Hitlers Wahlkampftour an diesem Tag. Am Abend war er mit mehrstündiger Verspätung von Freiburg im Flugzeug nach Konstanz geflogen, von dort ging es mit einem PKW nach Radolfzell. Die organisatorischen Planungen lagen im Vorfeld bei NSDAP-Kreisleiter Eugen Speer, dem späteren, ersten NS-Bürgermeister von Radolfzell. Nach dessen Begrüßung sprachen der Züricher Architekt Theodor Fischer, Gründer der Nationalsoz. Eidgenössischen Arbeiterparteei (NSEAP) und der Münchner Stadtrat Hermann Esser, bevor Hitler mit seiner etwa 30-minütigen Hetzrede gegen die Demokratie in Deutschland begann. In der NS-Presse war von 50.000 Teilnehmern in Freiburg und von bis zu 60.000 Teilnehmern in Radolfzell die Rede.

„Ich habe die unbändige Absicht und den unbändigen Willen, diese fünfunddreißig Parteien aus Deutschland wirklich hinauszufegen und überlasse es einmal der Geschichte festzustellen, wer nationaler gehandelt hat, die, die unser Volk in fünfunddreißig Parteien zerrissen haben, oder die, die diese fünfunddreißig Parteien beseitigten und zu einer Volksbildung zusammenrissen.“1)

Topografie des Terrors und Frohsinns

Die „Mettnau-Kampfbahn“ wurde zur Fastnacht 1939 zum Schauplatz einer bizarr anmutenden NS-Veranstaltung. Hintergrund: In den Hochburgen des Karnevals (Rheinland) und der Fastnacht (schwäbisch-alemannischer Raum) verstanden es die Nationalsozialisten, sich der Tradition des verordneten Frohsinns zu bemächtigen, indem sie die Karnevalsvereine und Narrenzünfte gleichschalteten und die Umzüge für ihre Sache instrumentalisierten und organisierten. In Radolfzell übernahm die stationierte SS diese Aufgabe. So lag die Durchführung der Radolfzeller Fastnachtsumzüge der Jahre 1938 und 1939 im Verein mit der willfährig mitwirkenden „Narrizella Ratoldi“ in der Hand der SS-„Germania“.

"Negerdorf" der SS im Mettnau Stadion

An der Fastnacht 1939 beteiligte sich das III./SS-„Germania“ (mot.) auch rassistisch-ideologisch: Als „Buschneger“ verkleidete und geschminkte SS-Angehörige des Bataillons zogen mit zu Motivwagen umgerüsteten Fahrzeugen des Fuhrparks von der SS-Kaserne zur Mettnau-Kampfbahn, wo sie ein „Negerdorf“ errichteten. Auch ein „langnasiger Jude“ - oder ist es der arische „Kolonialherr“ oder ein „Rassenkundler“? - hatte seinen „komischen“ Auftritt. Ein halbes Jahr vor Beginn des Überfalls auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ließen die künftigen SS-Weltanschauungskämpfer noch einmal ihren fragwürdigen „Frohsinn“ walten.

Neu aufgefundene Fotografien dokumentieren diesen ebenso bizarren wie beklemmenden Aspekt der SS-Garnisonsstadt Radolfzell.

„Fasching der SS“: „Negerdorf“ in der Mettnau-Kampfbahn 1939. Aus einem Dienstzeit-Album eines Angehörigen des III./SS-VT „Germania“. Fotografien in unbekanntem Privatbesitz. Zuletzt Militaria-Auktionshaus Weitze, Hamburg, 2013.

Recherche und Text: Markus Wolter, 2015

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1) Die maschinelle Transkription der stenographischen Mitschrift der Rede (Bundesarchiv Berlin, NS 26/52) ist abgedruckt in: Lankheit, Klaus A. (Hg.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933. Band V, Teil 1: April 1932-September 1932, München 1996. S. 282-288.

Termine

Der Reichspogrom 1938 am westlichen Bodensee - Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Klöckler in Radolfzell

Der 9. November 1938 im westlichen Bodenseeraum: Opfer – Täter – Zuschauer“

Vortrag in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Radolfzell und des Arbeitskreises „Erinnerung“

„Kaum ein anderes Datum der deutschen Geschichte ist so aufgeladen wie der 9. November 1938. Aus der Perspektive von Opfern und Tätern, aber auch der zahlreichen Zuschauer, sollen die Ereignisse in Radolfzell, auf der Höri sowie im westlichen Bodenseeraum rekonstruiert und in das allgemeine Verfolgungsgeschehen im Deutschen Reich eingebettet werden. Die entscheidende Rolle bei der Zerstörung der Synagogen in Wangen, Gailingen und Randegg kam der in Radolfzell stationierten SS zu. Mit Ekrasit sprengte sie unter der Verantwortung von SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen auch die Konstanzer Synagoge.“ (www.radolfzell.de)

Referent: Prof. Dr. Jürgen Klöckler, Stadtarchiv/Universität Konstanz

Ort: Stadtbibliothek Radolfzell

Zeit: Freitag, 8. November 2019, 19.30 Uhr

2019/11/07 12:56 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Verlegung des Stolpersteins für Karl Teufel

Zum Ersatz des vor rund einem Jahr im Zuge von Straßenbauarbeiten fahrlässig beseitigten und verloren gegangenen Stolpersteins für Karl Teufel wird am 28. Oktober 2019, 16.30 Uhr, in der Konstanzer Str. 30/1 ein von Gunter Demnig neu gefertigtes Exemplar verlegt.

2019/10/28 12:33 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Zum mahnenden Gedenken an die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden nach Gurs im Jahr 1940

Verzeichnis der am 22. Oktober 1940 aus Baden in das Internierunglager Gurs deportierten Juden, Badische Landesbibliothek Karlsruhe.

Aus Baden deportierte Frauen vor ihren Baracken. Camp de Gurs, 1940

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Gedenkstättenort Radolfzell:

Gedenkstätte ehemalige SS-Kaserne Radolfzell, Informationstafel u.a. zur Rolle der Radolfzeller SS bei der „Wagner-Bürckel-Aktion“ 1940

Gurs-Mahnmal (Projekt Neckarzimmern) / Stolperstein Alice Fleischel, Seetorplatz

2019/10/21 23:02 · Markus Wolter · 0 Kommentare

In memoriam Oldřich Sedláček (1919–1949) und Leonhard Oesterle (1916–2009)

Dachauer Schreibstubenkarte. Arolsen Archives, Digitales Archiv.

Anlässlich des 100. Geburtstages von Oldřich Sedláček am 15. September 2019 lädt die Initiative Stolpersteine Radolfzell zu einer Gedenk- und Informationsveranstaltung ein:

„Geführte Radtour zu Stationen der KZ-Häftlinge in Radolfzell“

In Erinnerung an Oldrich Sedlacek und Leonhard Oesterle (1916-2009), denen am 15. November 1943 die Flucht aus dem Dachauer KZ-Außenkommando Radolfzell über den Bodensee in die Schweiz gelang.

Zeit: Sonntag, 15.09.2019 – 15 bis 17 Uhr

Treffpunkt: Gurs-Gedenkstein, Seetorplatz, Radolfzell


Von Jiří Sedláček, dem Sohn von Oldrich Sedláček, erreichte uns die folgende Grußbotschaft aus Kladno, Tschechische Republik:

Dears, I am sending you my heartiest greetings, to Markus Wolter, to his friends and to everybody who will take part in this commemoration for Leonhard Oesterle and my father, Oldřich Sedláček. I feel sorrow not to come and meet you in person, but my health is not allowing me to travel so long way. I will be with you in my mind, My best regards,

Jiří Sedláček

2019/09/02 08:44 · Markus Wolter · 2 Kommentare

Täter-Helfer-Trittbrettfahrer: Prof. Dr. Eugen Fischer (1874-1967)

Eugen Fischer: Der völkische Staat, biologisch gesehen. Berlin 1933. Fotografie: Wikipedia

Vortrag:

Dr. Wolfgang Proske (Hrsg.) / Markus Wolter:

Prof. Dr. Eugen Fischer (1874–1967). Die Freiburger Schule des Rassenwahns

Zeit und Ort:

Dienstag, 28. Mai, 20 Uhr, HS 1009 (Uni Freiburg KGI)

Veranstaltet vom Referat gegen Antisemitismus, Studierendenrat der Universität Freiburg, in Kooperation mit der Fachschaft Geschichte und der Fachschaft Medizin.

https://www.stura.uni-freiburg.de/gremien/referate/gegenantisemitismus

http://www.ns-belastete.de/band_9.html

2019/05/15 16:43 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
mettnau-stadion.txt · Zuletzt geändert: 2019/03/13 09:41 von mw
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