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Karte von Radolfzell

Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



NS-"Ehrenmal" - "Kriegerdenkmal"

Auf dem Luisenplatz (1933-1945: Horst-Wessel-Platz) befindet sich das in der NS-Zeit entstandene „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“1); die ursprüngliche Sockelinschrift des ganz im Sinne nationalsozialistischer Ästhetik geschaffenen Denkmals lautete bis 1958: „Die Stadt Radolfzell ihren im Weltkriege 1914-1918 gefallenen Helden“.

An diesem Ort fanden - nach der Errichtung und „Weihe“ durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 - jährliche Heldengedenkfeiern statt.

Selbst nach Ende des Zweiten Weltkriegs und bis in die 70er Jahre hinein veranstalteten am nur marginal veränderten „Kriegerdenkmal“ ehemalige SS-Angehörige und HIAG-Mitglieder ihre öffentlichen Kundgebungen, bei denen sie ihre Kameraden der Waffen-SS ehrten.

An Volkstrauertagen gedachte und gedenkt Radolfzell hier - seit 2011 mit der neu angebrachten Textzeile über den Namenstafeln - der „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“, dabei freilich unterschlagend, dass sich zahlreiche Täter aus den Reihen der Waffen-SS unter den genannten „Opfern“ befinden.

Im Jahr 2001 wurde seitens der Stadt eine transparente Textstele angebracht, die den nationalsozialistischen Hintergrund des Kriegerdenkmals ins Gedächtnis rief, jedoch ohne dessen martialische und den Platz dominierende Wirkung zu beeinträchtigen.

Der Radolfzeller Lehrer und Filmemacher Günter Köhler drehte im Jahr 1999 den kritischen Dokumentarfilm „Krieger-Denk-mal!“.

Im Jahr 2009 gelang es Radolfzeller Jugendlichen mit einer Kranzniederlegung an diesem Ort erstmalig während eines Volkstrauertages den Bezug zum KZ-Außenlager Radolfzell herzustellen, was eine erhebliche Dynamik in die Debatte brachte.

Am 1. August 2014, dem 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, wurden anlässlich einer Gedenkstunde mit Vertretern der Stadtverwaltung und des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge fünf neu installierte Glas-Texttafeln zur Entstehungsgeschichte des Kriegerdenkmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Texte wurden von den Mitgliedern der städtischen Projektgruppe „Erinnerungskultur“ verfasst (Achim Fenner, Norbert Lumbe, Christof Stadler und Markus Wolter), die gestalterische Umsetzung erfolgte durch den Radolfzeller Künstler Markus Daum. Eine „künstlerische Umgestaltung“ zu einem „Platz des Friedens“ war für 2015 geplant. Nach Kritik aus der Bürgerschaft und Ablehnung eines umstrittenen Skulpturenentwurfs von Markus Daum, der die Installation von mehreren „Friedenstauben“ vorsah, beschloss der Kulturausschuss des Gemeinderates 2016 auf eine weitere, bzw. grundlegende Umgestaltung des Platzes und des „Kriegerdenkmals“ zu verzichten. 2017/2018 wurde das Thema einer Platzumgestaltung erneut zum Gegenstand von Kulturausschuss- und Gemeinderatssitzungen.

Die kommentierenden Texttafeln 2014

Errichtung und nationalsozialistischer Kontext

„Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“, Horst-Wessel-Platz (Luisenplatz). Zeitgenösssische Bildkarte, Franckh-Verlag, gelaufen 1940. Sammlung Markus Wolter.

Das vom Konstanzer Bildhauer Paul Diesch nach einem Entwurf von Wilhelm Kollmar (Karlsruhe) geschaffene „Ehrenmal“ wurde vom ersten Kommandaten der Radolfzeller SS-Kaserne, SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen, am 22. Mai 1938 geweiht.2)

Bericht über die "Ehrenmal"-Weihe in der "Badischen Kriegerzeitung" des NS-Reichskriegerbundes, Nr. 23, 12. Juni 1938

Zeitgenössische Bildkarte, 1938, Franckh-Verlag, Stuttgart. Sammlung Markus Wolter.

Großansicht (733 x 1154 Pixel)

Zeitgenössische Bildkarte, 1940, vertrieben über die Buchhandlung Wendelin Schmid, Radolfzell. Sammlung Markus Wolter.

„Heldengedenktag“ am Luisenplatz

Kommandeur der Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell (USR), SS-Sturmbannführer Thomas Müller; Ansprache und Kranzniederlegung an den Namenstafeln der „gefallenen Helden“ 1914/18, Heldengedenktag, März 1942. BA, Militärarchiv Freiburg.

Ehrenkompanie der USR, Kompanieführer SS-Hauptsturmführer Rudolf Gruber, Horst-Wessel-Platz, Heldengedenktag 1942. Im Hintergrund die Realschule, seit 1937 „Mettnau-Oberschule“ genannt. BA, Militärarchiv Freiburg.

"Vollständig zu zerstören und zu beseitigen" - Die Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946

Betr.: Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters

für die Bundesrepublik Deutschland außer Wirkung gesetzt durch Artikel 2 des Gesetzes Nr. A-37 der Alliierten Hohen Kommission vom 5. Mai 1955 (ABl. AHK S. 3268)

für die DDR außer Wirkung gesetzt durch Beschluß des Ministerrats der UdSSR über die Auflösung der Hohen Kommission der Sowjetunion in Deutschland vom 20. September 1955

Der Kontrollrat verfügt wie folgt:

I. Von dem Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Direktive an ist untersagt und als gesetzwidrig erklärt die Planung, der Entwurf, die Errichtung, die Aufstellung und der Anschlag oder die sonstige Zurschaustellung von Gedenksteinen, Denkmälern, Plakaten, Statuen, Bauwerken, Straßen- oder Landstraßenschildern, Wahrzeichen, Gedenktafeln oder Abzeichen, die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten, den Militarismus wachzurufen oder die Erinnerung an die nationalsozialistische Partei aufrechtzuerhalten, oder ihrem Wesen nach in der Verherrlichung von kriegerischen Ereignissen bestehen. (…)

II. Sämtliche bestehenden Gedenksteine, Plakate, Statuen, Bauwerke, Straßen- oder Landstraßenschilder, Wahrzeichen, Gedenktafeln oder Abzeichen einer Art, deren Planung, Entwurf, Errichtung, Aufstellung, Anschlag oder sonstige Zurschaustellung § I dieser Direktive untersagt, sind bis zum 1. Januar 1947 vollständig zu zerstören und zu beseitigen. (…)

Nicht zu zerstören oder sonst zu beseitigen sind Gegenstände von wesentlichen Nutzen für die Allgemeinheit oder von großem architektonischen Wert, bei welchen der Zweck dieser Direktive dadurch erreicht werden kann, daß durch Entfernung der zu beanstandenden Teile oder durch anderweitige Maßnahmen der Charakter einer Gedenkstätte wirksam ausgemerzt[wird].

Die zuständigen Militärbehörden benennen in jeder Zone örtliche deutsche Beamte, die innerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches die Verantwortung für die Aufstellung vollständiger Verzeichnisse von Gedenkstätten tragen, die unter das Verbot nach § I dieser Direktive fallen und nach § II zur Vernichtung und Beseitigung bestimmt sind.

Ist nach Ansicht der verantwortlichen deutschen Beamten in Einzelfällen, wo es sich um Gegenstände von ausnehmend künstlerischem Wert handelt, eine Ausnahme von obiger Regel am Platze, so steht es ihnen frei, ein entsprechendes Gesuch den zuständigen Militärbehörden zur Weiterleitung an den Zonenbefehlshaber zur Erwägung zu unterbreiten.

III. Untersagt und als gesetzwidrig erklärt ist vom 1. Januar 1947 an die wissentliche Zurückhaltung oder Zurschaustellung von Gedenksteinen, Denkmälern, Plakaten, Statuen, Bauwerken, Museen oder Ausstellungen militärischen Charakters, Straßen­ oder Landstraßenschildern, Wahrzeichen, Gedenktafeln oder Abzeichen solcher Art, deren Planung, Entwurf, Errichtung, Aufstellung, Anschlag oder sonstige Zurschaustellung § I dieser Direktive untersagt und deren Zerstörung § II dieser Direktive fordert.

Die Verantwortung nach § III dieser Direktive tragen die Inhaber des gesetzwidrig zurückbehaltenen Gegenstandes oder bei Gesetzesverletzungen, bei denen es sich um öffentliches Gut oder um Gegenstände handelt, deren Eigentümer nicht ausfindig gemacht werden kann, die dafür verantwortlichen Beamten.

IV. Der Zerstörung und Beseitigung sind nicht unterworfen: 1. Gedenksteine, die lediglich zum Andenken an verstorbene Angehörige regulärer militärischer Einheiten errichtet worden sind, mit Ausnahme paramilitärischer Verbände der SS und Waffen-SS3) 2. Einzelgrabsteine, die bereits bestehen oder in Zukunft aufgestellt werden, unter der Voraussetzung, daß die Architektur, die Ausschmückung oder die Inschriften der in den Absätzen 1 und 2 erwähnten Gedenk- und Grabsteine weder militärischen Geist widerspiegeln noch das Gedächtnis an die nationalsozialistische Partei bewahren.

Zum Zwecke der Erhaltung der in den Absätzen 1 und 2 erwähnten Gedenk- und Grabsteine können an deren Architektur, Ausschmückung und Inschriften Änderungen zur Beseitigung anstößiger Merkmale vorgenommen werden.

V. a) Die Ausdrücke „militärisch“ und „Militarismus“ sowie der Ausdruck „kriegerische Ereignisse“ im Sinne dieser Direktive beziehen sich auf Kriegshandlungen nach dem 1. August 1914 zu Lande, zu Wasser oder in der Luft und auf Personen, Organisationen und Einrichtungen, die mit diesen Handlungen in unmittelbarem Zusammenhange stehen.

b) Der Ausdruck „National-Sozialistische Partei“ im Sinne dieser Direktive bezieht sich auf die ehemalige Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und auf die in unmittelbarer Verbindung mit ihr stehenden Personen, Organisationen und Einrichtungen.

VI. Diese Direktive tritt mit dem Tage ihrer Verkündung in Kraft.

Ausgefertigt in Berlin, den 13. Mai 1946.

(Die in den drei offiziellen Sprachen abgefaßten Originaltexte dieser Direktive sind von B. H. Robertson, Generalleutnant, L. Koeltz, Armeekorpsgeneral, M. 1. Dratwin, Generalleutnant, und Lucius D. Clay, Generalleutnant, unterzeichnet).“4)

Vgl.: Wikipedia: Kontrollratsdirektive Nr. 30

Kommentar:

Aufgrund dieser Direktive hätte das Radolfzeller NS-„Ehrenmal“ („Kriegerdenkmal“) von 1938 bis zum 1. Januar 1947 / 5. Mai 1955 „vollständig zerstört und beseitigt“ werden müssen.

Warum die Direktive in Radolfzell nicht umgesetzt wurde, das „Ehrenmal“ also nicht nur nicht „vollständig zerstört und beseitigt“ wurde, sondern - bis auf die Entfernung des Hoheitszeichens mit Hakenkreuz - bis 1958 unverändert blieb, ist bislang ungeklärt.

Offen ist auch die Frage, ob der Abriss des „Ehrenmals“ als von der Direktive betroffenes Relikt des Nationalsozialismus 1946/47 überhaupt zur Disposition stand bzw. ob in Radolfzell „die zuständigen Militärbehörden (…) örtliche deutsche Beamte“ benannt haben, „die innerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches die Verantwortung für die Aufstellung vollständiger Verzeichnisse von Gedenkstätten tragen“ sollten, „die unter das Verbot nach § I dieser Direktive fallen und nach § II zur Vernichtung und Beseitigung bestimmt sind.“

In den im Stadtarchiv Radolfzell überlieferten Akten aus der frühen Besatzungszeit gibt es nach bisherigem Kenntnisstand (Juni 2018) keine solchen, das „Kriegerdenkmal“ betreffenden Dokumente der Stadtverwaltung bzw. diesbezüglichen Anordnungen der französischen Behörde; auch die Kontrollratsdirektive selbst scheint in Radolfzell nicht aktenkundig geworden zu sein.

Es fällt dagegen auf, dass 1956, also nur ein Jahr nach Außerkraftsetzung der Kontrollratsdirektive, umgehend Fakten geschaffen wurden, die ex post gegen deren Bestimmungen verstießen: so etwa der neue Straßenname „Landserweg“ im „Kasernengebiet“; ausdrücklich verstanden als „Ehrung des einfachen deutschen Soldaten der beiden Weltkriege“, und damit im Wortlaut der Direktive darauf abzielend, „die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten“ (Paragraph I). Dann aber auch die 1956 von Bürgermeister Hermann Albrecht geforderte, 1958 abgeschlossene „gründliche Bearbeitung“ des „Ehrenmal“-Ensembles, bei der auf den zusätzlichen Namenstafeln der 1939-1945 „Gefallenen“ auch 102 Angehörige der Waffen-SS berücksichtigt wurden; ein Umstand, der die Beseitigung des „Gefallenendenkmals“ zwingend erforderlich gemacht hätte, weil es spätestens damit aufhörte, ein „Gedenkstein (…) lediglich zum Andenken an verstorbene Angehörige regulärer militärischer Einheiten“ zu sein(vgl. Paragraph IV).

Markus Wolter, 2018

Offizielle Gedenkpolitik - Kontinuitäten nach 1945

Im Jahr 2005 erklärten die Vereinten Nationen den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“. Bereits 1996 hatte Bundespräsident Roman Herzog (1934-2017) den 27. Januar als nationalen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ eingeführt. In seiner Proklamation umriss Herzog damals die Grundlinien einer künftigen Erinnerungskultur in Deutschland: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Hat Radolfzell in diesem Sinn eine an den NS-Opfern ausgerichtete Form des Gedenkens und Erinnerns gefunden? Eine zentrale NS-Gedenk- und Informationsstätte gibt es in Radolfzell bis heute nicht. Seit der Installation einer Stelenskulptur von René Dantes und mehreren Informationstafeln an der ehemaligen SS-Kaserne und am SS-Schießstand 2012/13 zählt Radolfzell gleichwohl zu den von der Landeszentrale für politische Bildung ausgewiesenen „Gedenkstättenorten in Baden-Württemberg“.

Von Tätern und Opfern – Die Geburt der Radolfzeller „Erinnerungskultur“ aus dem Geist des Revisionismus

In der ehemaligen SS-Garnisonsstadt, zudem Standort eines KZ-Außenlagers von Dachau, tat man sich nach 1945 schwer, persönlich oder politisch Verantwortung für die NS-Verbrechen zu übernehmen, die Opfer und Verfolgten der NS-Gewaltherrschaft angemessen zu würdigen und die Überlebenden für das erlittene Unrecht zu entschädigen; von einer historischen oder juristischen Aufarbeitung und Strafverfolgung der verantwortlichen Täter ganz zu schweigen. Wie überall im Nachkriegsdeutschland wich man beim offiziellen Gedenken, Trauern und Erinnern der historischen Verantwortung aus und beschränkte sich am neu eingeführten „Volkstrauertag“ auf die „Toten zweier Kriege“. Weder die zivilen Kriegsopfer noch die aus politischen oder rassenideologischen Gründen in der NS-Zeit millionenfach verfolgten und ermordeten Menschen wurden erwähnt. Ort des selektiven Gedenkens war und blieb das vormalige NS-„Ehrenmal für die gefallenen Helden“ des Ersten Weltkriegs, das 1938 von den Nationalsozialisten errichtete und in den Folgejahren an „Heldengedenktagen“ ideologisch in Anspruch genommene „Kriegerdenkmal“. Seine Geschichte und heroisierende NS-Ästhetik schienen der Stadtverwaltung lange Zeit kein Grund für Bedenken gewesen zu sein, so dass der „Volkstrauertag“ Jahr für Jahr an dem nur marginal veränderten Gedenkensemble aus Soldatenskulptur und Namenstafeln der militärischen „Kriegsopfer“ aus Radolfzell begangen wurde. Dabei bestimmten die Radolfzeller Vertreter des SS-Traditionsverbands HIAG - v.a. die ehemaligen Angehörigen der SS-„Germania“ Willi Hille (HIAG-Kreisvorsitzender)5) und SPD-Stadtrat Heinrich („Heini“, „Heinz“) Winzenburg6), Hans Witzstrock, Eduard Klejewski, Eduard Helmholtz, Heinz Berendt, Wohlfahrt u.a. - bis in die späten 1970er Jahre das Geschehen am Luisenplatz und wurden dabei von den Bürgermeistern und Gemeinderäten unterstützt; nicht ohne Grund: 1958 war die HIAG dem „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ beigetreten. Im selben Jahr, zwanzig Jahre nach der Einweihung des NS-„Ehrenmals“ durch die Radolfzeller SS im Jahr 1938, hatte der Gemeinderat auf Vorschlag von Stadtrat und Lehrer Konrad Dombrowski (1896-1985; ehemaliges NSDAP-Mitglied und Hauptmann der Wehrmacht) entschieden, welchen gefallenen „Söhnen der Stadt“ (so die neue Sockelinschrift) das städtische Gedenken dort in Zukunft zu gelten habe: erstens allen gefallenen Wehrmachtssoldaten, die in Radolfzell wohnberechtigt waren, als sie zur Wehrmacht eingezogen wurden und zweitens allen gefallenen SS-Angehörigen der Garnison Radolfzell, die hier ihren gemeldeten Wohnsitz und Familie hatten. Aufgrund dieser „Auswahl“ kamen zu den „Kriegstoten“ des Ersten Weltkrieges 561 Angehörige der Wehrmacht und Waffen-SS hinzu, deren Namen auf vier Bronzetafeln an der Abschlussmauer des Gedenkensembles angebracht wurden. Dort findet man seitdem nicht nur den Namen des ersten Kasernenkommandanten, SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen verzeichnet, sondern die Namen von 102 Angehörigen der Waffen-SS, die 1937-1939 in Radolfzell stationiert, polizeilich gemeldet und/oder verheiratet waren.

Zu Konrad Dombrowski und zur Umgestaltung des NS-Ehrenmals 1958, Südkurier, 13. März 1958.

„Würdige Stätte des Gedenkens, Trauerns und Hoffens“ - Der Südkurier-Bericht vom 21. Juli 1938 zur Einweihung des nach den Vorgaben Konrad Dombrowskis „umgestalteten Kriegerdenkmals“ am „Hausherrentag“, 19. Juli 1958.

„Kameradschaftstreffen“ und „Gefallenen-Ehrung“ der ehemaligen Angehörigen des III. Btl. Germania am 27./28. April 1963

Aus der Rede des ehemaligen SS-Hauptscharführers und HIAG-Kreisvorsitzenden Willi Hille, Radolfzell:

„Für lange Zeit wurde die Kaserne und die Stadt Radolfzell für Sie und für uns alle zweite Heimat. Manche Bekanntschaften, auch zärtlicher Art (sic!), wurden im Umgang mit der Bevölkerung geschlossen. Sie wissen: Das Verhältnis zur Bevölkerung war gut. Ein Großteil Verdienst daran gebührt unserem unvergesslichen Kommandeur Heinrich Koeppen. Ihr kennt ihn alle noch, den Mann mit dem immer strengen Blick. (….). Radolfzell hat uns schöne und unvergessliche Tage und Stunden bereitet. Wäre dem nicht so, dann würden nicht Jahr für Jahr immer wieder aus allen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland Kameraden an den Ort zurückkehren, der für viele den Anfang neuen Lebens brachte.“7)

Erst anlässlich des Volkstrauertages 2011 deckte man die Sockelinschrift von 1958 ab und ließ über den Namenstafeln eine Inschrift anbringen: „Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege.“ Diese stellt, unbeabsichtigt oder nicht, ihrerseits den fragwürdigen Bezug zu den gefallenen „Söhnen der Stadt“ auf den Namenstafeln her, erklärt nicht nur die nachweislichen Täter aus Wehrmacht und SS pauschal zu Kriegs-„Opfern“, sondern implizit zu „Opfern der (nationalsozialistischen) Gewaltherrschaft“.

Unter den namentlich genannten 102 Angehörigen der Waffen-SS ist der spätere SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Joachim Rumohr (1910-1945) der ranghöchste und prominenteste der SS-Täter. Am Fallbeispiel von dessen SS-Biografie mag der grundlegende gedenkpolitische Widersinn des „Kriegerdenkmals“ deutlich werden: Radolfzell gedenkt am Luisenplatz der - namenlos bleibenden - „Opfer der Gewaltherrschaft“ - und ehrt namentlich zahlreiche Täter.

SS-Täter als "Opfer der Gewaltherrschaft" - Die über 100 Angehörigen der Waffen-SS auf den Namenstafeln von 1958

Der Fall Joachim Rumohr (1910 -1945)

Joachim Rumohr, geb. am 6. August 1910 in Hamburg, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS, „Alter Kämpfer“, NSDAP-Nr. 216.161 (Eintritt 1930), SS-Nr. 7.450 (Eintritt 1931). Ab November 1935 Angehöriger des III./SS-Standarte „Germania“, am 31. Juli 1937 mit diesem SS-VT-Bataillon nach Radolfzell verlegt, dort Kompanieführer der 12. Kompanie. 1937-1939 in Radolfzell stationiert und polizeilich gemeldet. Seit 1937 verheiratet mit Gertrud Kabel (1916-1990) aus Sülfeld, Holstein. Das Paar, das zunächst in der SS-Siedlung, später in der Schubertstraße wohnte, hatte drei Kinder, die zwischen 1939 und 1944 in Singen und Radolfzell zur Welt kamen.

Am 9. November 1938, dem Vorabend der Novemberpogrome, wurde Rumohr von Heinrich Koeppen zum SS-Hauptsturmführer befördert und war mutmaßlich an den Synagogenzerstörungen von Wangen, Gailingen und Randegg beteiligt.

SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Joachim Rumohr (hier als SS-Oberführer). SSOA, Bundesarchiv Berlin.

Mit dem III./SS-VT „Germania“ nahm Rumohr am Polenfeldzug 1939 teil und 1940 mit der SS-Verfügungsdivision am Westfeldzug gegen die Niederlande, Belgien und Frankreich. Januar 1941 Kommandeur der II. Abteilung des SS-Artillerie-Regiments „Das Reich“, ab 22. Juni 1941 Teilnahme am rassenideologischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945. Seit 1. Juni 1942 Kommandeur des SS-Artillerie-Regiments der SS-Kavallerie-Division (im März 1944 umbenannt in 8. SS-Kavallerie-Division „Florian Geyer“), die 1941-1943 für zahlreiche Kriegsverbrechen im Rahmen von sog. „Partisanen“- und „Bandenbekämpfung“ und für systematische Massenmorde an sowjetischen Juden verantwortlich war. Im April 1944 wurde Rumohr zum SS-Standartenführer befördert und übernahm als Nachfolger von Bruno Streckenbach die Führung der 8. SS-Kavallerie-Division „Florian Geyer“ im besetzten Ungarn. Der Divisionsstab war seit dem 19. März 1944 in der südungarischen Stadt Baja (Frankenstadt) stationiert. Auf Weisung der deutschen Besatzer und ungarischen Behörden begann noch im April 1944 die Zwangsghettoisierung der ungarischen Juden, so auch in Baja; gefolgt von Ghettoräumungen und Massendeportationen zwischen Mai und Juli 1941, u. a. in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau („Ungarn-Aktion“).

Als Kommandeur von rund 8.000 SS-Soldaten der SS-Division „Florian Geyer“ war der zum SS-Oberführer beförderte Rumohr schließlich ab November 1944 in der Schlacht um Budapest eingesetzt.

Im Januar 1945 zum SS-Brigadeführer und General der Waffen-SS befördert, Anfang Februar 1945 mit dem „Eichenlaub zum Ritterkreuz“ ausgezeichnet, wurde Rumohr am 11. Februar 1945 bei einem Ausbruchsversuch aus Budapest verwundet und erschoss sich vor der Gefangennahme durch die Rote Armee.

Rumohr als Divisionskommandeur in Baja, Ungarn, 1944.

Joachim Rumohr (hier als SS-Standartenführer) mit dem ältesten Sohn V. (geb. 1939). Aufgenommen beim letzten „Heimaturlaub“ in Radolfzell, 1944. Man beachte die maßgeschneiderte Kinderuniform nach Vorbild der Waffen-SS-Uniform des Vaters; mit SS-Kragenspiegel, Koppelschloss („Meine Ehre heißt Treue“), Hoheitszeichen und Ärmelstreifen der SS-Div. „Florian Geyer“.8)

Das „Kriegerdenkmal“ am Luisenplatz führt Joachim Rumohr (dort fälschlich „Rühmor, Joachim“) seit 1958 als einen der gefallenen „Söhne der Stadt Radolfzell“ und zählt ihn seit 2011 - nimmt man das Schriftband über den Namenstafeln beim Wort - zu den „Opfern (!) der Gewaltherrschaft“.

Markus Wolter, 2017.

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Literatur:

Schulz, Andreas (Hrsg.): Deutschlands Generale und Admirale. Die Generale der Waffen-SS und der Polizei 1933 – 1945. Band 4. Bissendorf, Biblio Verlag 2009, S. 350 ff.

Martin Cüppers: Wegbereiter der Shoah. Die Waffen-SS, der Kommandanturstab Reichsführer SS und die Judenvernichtung 1939-1945. Darmstadt, WBG 2011.

Krisztián Ungváry: Die Schlacht um Budapest. Stalingrad an der Donau 1944/45. München 1999.

Richard Landwehr: Budapest. The Stalingrad of the Waffen-SS. New York 1998.

Bildergalerie

Die 1958 angebrachte, nicht minder fragwürdige Sockelinschrift - „Die Stadt Radolfzell ihren in den Weltkriegen 1914-1918 und 1939-1945 gefallenen Söhnen“ - wurde für den Volkstrauertag 2010 zwar vorübergehend mit einer Holzplatte abgedeckt (so auf dieser Fotografie), war aber danach wieder monatelang offen sichtbar. Der Text eines 2010 ebenfalls kurzzeitig angebrachten Schriftbanners (siehe unten) wurde im November 2011 in Metall-Lettern über den Namenstafeln dauerhaft angebracht: „Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege.“ Im Vorfeld des Volkstrauertages 2011 wurde schließlich die Sockelinschrift von 1958 abermals, dieses Mal mit einer Steinplatte abgedeckt.

Die im November 2011 angebrachte Inschrift über den Namenstafeln9)

Unter der Inschrift „„Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“ wird am Luisenplatz in Radolfzell (ehem.: Horst-Wessel-Platz) jedes Jahr eine Gedenk-Zeremonie abgehalten. Für Außenstehende irritierend: Die darunter aufgeführten Personen waren vorwiegend Täter, nämlich Wehrmachtssoldaten und etwa 100 Angehörige der Waffen-SS. Das Kriegerdenkmal verzeichnet weder getötete ZivilistInnen noch die Ermordeten des Radolfzeller Außenkommandos des KZ Dachau.

Radolfzell gedenkt der „Opfer“ der Gewaltherrschaft

Bronzeplatte am Luisenplatz, u.a. mit der Inschrift des Kommandanten der Radolfzeller SS-Kaserne, Heinrich Koeppen

Rede des Alt-OB Jörg Schmidt, Volkstrauertag, 14.11.2010

Bronzeplatte mit Namen der „Kombattanten“ des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71

Transparente Text-Stele am Luisenplatz (2001)

„Als dieses Denkmal 1938 aufgestellt wurde, waren die Planungen für den nächsten Krieg und den Holocaust schon weit fortgeschritten. Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden Opfer der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit.“

Die kommentierenden Texttafeln (2014) zur Entstehungsgeschichte des Kriegerdenkmals und zur Geschichte der „Gedenkkultur“ an diesem Ort

Fotografie: Markus Wolter, 2014.

Die Texte auf den einzelnen Tafeln

Einzelnachweise


1) Beschriftung einer Bildkarte des „Ehrenmals“, datiert 13.9.1938
2) zit.n. Wolter 2010
3) Anmerkung: als die Namenstafeln mit den 102 Angehörigen der Waffen-SS 1958 am NS-Kriegerdenkmal von 1938 angebracht wurden, war diese Direktive bereits durch Artikel 2 des Gesetzes Nr. A-37 der Alliierten Hohen Kommission vom 5. Mai 1955 (ABl. AHK S. 3268) „außer Wirkung“ gesetzt.
5) Willi Hille, geb. 1915 in Oschersleben, gest. ? in Radolfzell. III./SS-VT „Germania“, seit 31. Juli 1937 in Radolfzell. Letzter Dienstgrad: SS-Hauptscharführer, Teilnahme am Polenfeldzug; weitere Dienststellungen unbekannt, 1944/45 Kasernenverwaltung, Schreiber und Kassenwart der USR. Nach 1945 in Radolfzell, Schubertstr. 10, wohnhaft. Kreisvorsitzender der HIAG, Organisator regelmäßiger HIAG-Kameradschaftstreffen in Radolfzell (Gasthof 'Zum Kreuz'); Autor einer Bataillonsgeschichte des III.SS-VT „Germania“, die 1967 im Selbstverlag erschien.
6) Heinrich Winzenburg, geb. 17.9.1913 in Seesen, gest. 1988 in Radolfzell. SS-Nr. 43 090, SS-Mann (25.9.1935; SS-Befehlsblatt, 3.Jahrgang, Nr.9), 9/51. SS-Standarte „Harz“, Göttingen, Allgemeine SS; ab 10.4.1935 Wechsel zur 10.SS-VT „Germania“, Hamburg, SS-Lager Wolterdingen bei Soltau; ab 1.3.1938 9.SS-VT „Germania“ Radolfzell; mit dem III./SS-VT „Germania“ Teilnahme am Polenfeldzug 1939 und in der SS-Division VT am Westfeldzug 1940; „Sicherung der Niederlande“ 1940; Febr. 1942 - Febr. 1943 1.SS-Pz.Gren.Ers.Btl. „Germania“; danach „Osteinsatz“, Februar - Juni 1943 6.(Gen.)Kradsch. Ers. Btl., Ellwangen, danach SS-Pz. Aufkl.Ausb.u.Ers.Abt.2, Arolsen. Weitere Einsätze unbekannt. Letzter Dienstgrad: SS-Hauptscharführer. Amerikanische Kriegsgefangenschaft, zuletzt Internierungslager Darmstadt, dort 1947 entlassen, Rückkehr nach Radolfzell, Zangererstr. 14. Feinmechaniker bei Allweiler, Betriebsratsvorsitzender, Stadtverordneter, Bürgerausschuss (1961), SPD-Stadtrat, SPD-Ortsvereinsvorsitzender (1971-1976). Aktives Mitglied der HIAG, Organisator regelmäßiger HIAG- und „Germania“-Kameradschaftstreffen in Radolfzell. 1979 Berichterstattung im „Spiegel“, die Winzenburgs Doppelmitgliedschaft in HIAG und SPD problematisiert; unfreiwilliger Austritt aus der SPD; vgl.: Ungeeigneter Weg. Ehemalige Angehörige der Waffen-SS, die sich in der HIAG organisiert haben, sollen die SPD verlassen, fordern linke Genossen. In: Der Spiegel 7 (1979.) Die Bundes-SPD stellte schließlich am 17.11.1981 die grundsätzliche Unvereinbarkeit von SPD- und HIAG-Mitgliedschaft fest.
7) Zit. nach dem Verbandsorgan der HIAG, „Der Freiwillige“, BArch-MA Freiburg, N756/108 b.
8) Fotografien in Privatbesitz, V. Rumohr.
9) Fotografie Christof Stadler

Hinweis

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Termine

Bunte Demo statt braunes Denkmal

Antifaschistische Kundgebung zum Vokstrauertag in Radolfzell am Sonntag, 18.11.18 um 11:30 Uhr.

Der Text des Flyers

Wenn Kriegstoten gedacht werden soll, muss erklärt werden warum sie gestorben sind. So gibt es Täter die morden und Menschen die jenen zum Opfer fallen. Im postnazistischen Deutschland wird diese Erklärung ausgelassen. Das führt dazu, dass Opfern und Tätern im selben Atemzug gedacht wird. Das Kriegerdenkmal in Radolfzell treibt diese absurde Form des Gedenkens auf die Spitze. Unterschiedslos stehen auf den Gedenkplatten die Namen der Ermordeten in mitten ihrer Häscher. So finden sich zahlreiche SS-Offiziere und Wehrmachtssoldaten inmitten derer, der jährlich zum Volkstrauertag gedacht wird. Das Kriegerdenkmal wurde 1938 im Auftrag der SS errichtet. Das macht den Ort zu einer Pilgerstätte für Neonazis aus der Region. Wiederholt nutzte die faschistische Partei Der Dritte Weg diesen Ort um Kränze nieder zu legen und Kriegsverbrechern zu huldigen. Antifaschistische Proteste gegen solche PR-Aktionen versuchte die Stadt schon zweimal zu verhindern – ohne Erfolg: Die Demoverbote wurden vor Gericht als illegal eingestuft und kosteten die Stadt über 10.000 Euro.

Aus diesen Gründen sagen wir nein zu unterschiedsloser Trauer, zu Nazidenkmälern und zu faschistischen Umtrieben. Deswegen wollen wir den Opfern faschistischer Gewalt auf angemessene Weise gedenken.

Treffpunkt: Gedenkstein der deportierten Jüdinnen und Juden an der Seetorstraße vor dem Bahnhof Radolfzell. Danach wird es am Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz eine Kundgebung gegen das Denkmal geben.

Quelle: https://de-de.facebook.com/events/491576801250024/

2018/11/17 15:05 · sw · 0 Kommentare

Volkstrauertag 2018 in Radolfzell

„Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Radolfzell am Bodensee sind herzlich eingeladen, an der Gedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages am 18. November 2018 um 11.15 Uhr an den Gedenktafeln auf dem Luisenplatz teilzunehmen. An diesem Tag gedenken wir der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege.“

Programm:

Sinfonia aus Kantate Nr. 157 (J.S. Bach) - Stadtkapelle Radolfzell

Gedenkrede - Christof Stadler, Stadtrat

Menuett aus Berenice (G. F. Händel) - Stadtkapelle Radolfzell

Kranzniederlegungen

Lied „Ich hatt‘ einen Kameraden“ - Dietmar Baumgartner, Trompete“

Quelle: www.radolfzell.de

In Konsequenz des Gemeinderatsbeschlusses vom 6. November 2018: auch in diesem Jahr sind der Luisenplatz, das Kriegerdenkmal und die „Gedenktafeln“ der - falsche - Ort für die Begehung des Volkstrauertags, zum Gedenken an die „Opfer der [NS-]Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“.

„Ich hatt' einen Kameraden“ - zum Beispiel: SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Joachim Rumohr

"Die gefallenenen Söhne der Stadt"

"Opfer der Gewaltherrschaft"?

2018/11/16 08:43 · Markus Wolter · 0 Kommentare

80 Jahre Reichspogromnacht 1938 - Gedenkveranstaltungen in Radolfzell

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Die am 10. November 1938 u. a. von Angehörigen des III.SS „Germania“ aus Radolfzell zerstörte Synagoge von Gailingen

Aus der Ankündigung auf der Homepage der Stadt Radolfzell:

„Am 9. November 2018 jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden jüdische Geschäfte zerstört, fast in jeder Stadt wurden die Synagogen in Brand gesetzt und deutsche Juden auf offener Straße angegriffen.

(…)

Gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Radolfzell“ (ACK) und der Stolperstein Initiative Radolfzell wurde ein Themenabend erarbeitet, der nicht nur einen Rückblick auf die NS-Zeit in Radolfzell wirft, sondern auch mit Blick auf die Gegenwart und Zukunft für gemeinsames Miteinander und ein offenes Radolfzell.“

Die Veranstaltungen im Überblick:

17.30 Uhr, Foyer RIZ

Andacht zum Friedensweg 2018 der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Radolfzell

18 Uhr, am Mahnmal beim RIZ

Gedenken an die Pogrome und Begrüßung durch Oberbürgermeister Martin Staab Die Stolperstein Initiative Radolfzell wird zusammengefasst die Pogrome benennen, die von der ehemaligen SS-Kaserne Radolfzell ausgingen und damit auf die Ziele der Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL hinweisen: Erinnerung an Opfer des NS-Terrors wachhalten und an die nächste Generation weitergeben. Verantwortung tragen im Umgang mit rassistischen und nationalistischen Aktivitäten in Radolfzell, insbesondere in der ehemaligen SS-Kaserne.

18.30 Uhr, Gedenkstein Alice Fleischel am Seetorplatz

Stolperstein-Reinigung Die Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL will die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus – VORORT erhalten und an die nächste Generation weitergeben. Zusätzlich wendet sie sich gegen rassistische und nationalistische Aktivitäten in Radolfzell. http://www.stolpersteine-radolfzell.de

Der um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek angekündigte Vortrag „Im westlichen Bodenseeraum: Opfer, Täter, Zuschauer.“ muss leider ausfallen. Ein neuer Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.

2018/11/06 22:04 · Markus Wolter · 0 Kommentare

22. Oktober 1940

Im Gedenken, gegen das Vergessen

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Am 22. Oktober jährt sich zum 78. Mal die Massendeportation von 6551 badischen und saarpfälzischen Juden in das südfranzösische Internierungslager Gurs im Jahr 1940. Die nach den verantwortlichen Gauleitern Robert Wagner (Baden) und Josef Bürckel (Saarpfalz) bezeichnete „Aktion“ war die Fortsetzung der systematischen Erfassung, Isolation, Entrechtung und staatlichen Beraubung der deutschen Juden seit 1933 und zugleich der Vorlauf zu ihrer Ermordung in den deutschen Vernichtungslagern im besetzten Polen und im Baltikum nach 1941. Das Bestreben des glühenden Antisemiten Wagner und dessen Amtskollegen Bürckel war es gewesen, zwei Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938 die „Judenfrage“ - als eine der ersten im Deutschen Reich – „territorial“ zu lösen. Bei der Umsetzung der Deportationspläne im Landkreis Konstanz waren lokale Ordnungspolizei, Konstanzer Gestapo und vor allem das in der Radolfzeller Kaserne stationierte SS- Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillon im Einsatz, das die Juden von Wangen, Gailingen und Randegg zusammentrieb und in LKWs an die Bahnhöfe fuhr. Von den aus Baden in sieben Zügen der Reichsbahn deportierten 5592 Juden überlebten nur 750, 2000 wurden 1942 in die Konzentrationslager Majdanek und Auschwitz verschleppt und ermordet. Der Gau Baden sei „judenrein“, vermeldeten die NS-Täter im Herbst 1940 befriedigt; die Deportationen seien „reibungslos und ohne Zwischenfälle“ verlaufen und „von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“ worden.

2018/10/22 08:54 · Markus Wolter · 0 Kommentare

"NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg"

Neuerscheinung, Oktober 2018

Täter Helfer Trittbrettfahrer, Bd. 9.

NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg

Hrsg.: Wolfgang Proske

460 Seiten

19,99 Euro

Kugelberg Verlag, Gerstetten 2018

ISBN 978-3-945893-10-4

Bestellung unter: http://www.ns-belastete.de/bestellung.php

Die Artikel und ihre Autor*innen, u.a.:

Anton Blaser (Bürgermeister der Gemeinde Bodnegg, Krs. Ravensburg), Wolf-Ulrich Strittmatter.

Hugo F. Boss (Metzingen, Schneider, Kaufmann und Unternehmer), Rudolf Renz.

Wilhelm Emmerich (Östringen, Bäcker und SS-Oberscharführer im KZ Auschwitz), Christiane Walesch-Schneller.

Prof. Dr. Eugen Fischer (Freiburg, Mediziner, Anthropologe und Rassenforscher), Markus Wolter.

Dr. Hans Fleischhacker (Tübingen, Anthropologe, SS-Obersturmführer), Madeleine Wegner.

Georg Grünberg (Lagerleiter in Friedrichshafen, Überlingen), Oswald Burger.

Emil Haussmann (Ravensburg, Einsatzkommandoführer, Massenmörder), Wolf-Ulrich Strittmatter.

Prof. Dr. Martin Heidegger (Mai 1933 NSDAP, bis 1934 Rektor Universität Freiburg), Eggert Blum.

Prof. Dr. Hans Robert Jauß (Konstanz, Hauptsturmführer, „Bandenbekämpfung“), Dr. Jens Westemeier.

Friedrich Jeckeln (Hornberg, Höherer SS- und Polizeiführer, Massenmörder), Gerhard Wenzl.

Kurt Georg Kiesinger (Ebingen, 1933 NSDAP, 1966 Bundeskanzler), Prof. Dr. Phillip Gassert.

Martin Nauck (Tübingen, Kripo, „Vorbeugungshaft“), Udo Grausam.

Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann (Allensbach, Meinungsforscherin), Prof. Dr. Jörg Becker.

Johannes Pauli (Lagerleiter KZ Bisingen), Dr. Franziska Blum.

Dr. Rudolf Rahn (Ulm, Diplomat), Dr. Wolfgang Proske.

Dr.-Ing. Helmut Stellrecht (Wangen/Allg., im Amt Rosenberg, nach 1945 Schriftsteller), Udo Mischek, Mitarb. Tim Rose.

Bruno Störzer (Hailfingen, Bauleiter der Organisation Todt), Volker Mall.

Julius Viel (Schramberg/Wangen/Allg., Journalist, SS 1936), Wolf-Ulrich Strittmatter.

2018/09/30 11:35 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
ns-ehrenmal.txt · Zuletzt geändert: 2018/09/07 09:23 von mw
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