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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Ordnungspolizei und Gestapohaft in Radolfzell

Noch weitgehend unerforscht ist die Geschichte der Ordnungspolizei im Radolfzell der NS-Zeit.

Mehr Hinweise finden sich allerdings zur Rolle der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Sie spielte auch in Radolfzell eine nicht unerhebliche Rolle bei der Verfolgung all jener, die nicht zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ gezählt wurden: Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Roma und Sinti.

Auch wenn in Radolfzell vor Ort keine Dienststelle der Gestapo existierte - die zuständige Gestapo-Außenstelle war in Konstanz, der nächste Grenzpolizeiposten war in Singen - so gab es doch Denunziation und Überwachung, gab es zahllose NS-Sondergerichtsverfahren, saßen viele Radolfzeller in Gestapohaft oder verdankten der Gestapo Aufenthalte in Arbeitserziehungs- und Konzentrationslagern.

Ordnungspolizei / Schutzpolizei

Leitung: Revier-Hauptmann der Schutzpolizei Karl Frei, geb. 1883.

Polizeistation und Gefängnis

Das Radolfzeller Polizeirevier (Polizeiwache und Kriminalpolizei) befand sich in der Bismarckstr. 9. Es war zugleich Sitz des Gendarmeriebezirks Radolfzell. Die Leitung hatte Gendarmerie-Oberwachtmeister Jakob Bögt (1938).

Das Gefängnis befand sich in der Jakobstr., gegenüber der Realschule.

Luisenplatz mit Realschule (seit 1908), Scheffel-Denkmal (seit 1891) und Gefängnis (genannt „Café Achteck“), zeitgenössische Ansichtskarte, um 1915.

Gefängnis am Luisenplatz, vor dem Abriss 1967. Foto-Archiv Liedl.

Geheime Staatspolizei

Die Gestapo ging 1933 im Zuge der Machtergreifung aus den Abteilungen und Dienststellen der politischen Polizei der Weimarer Republik hervor. Die vor allem zu Beginn geringe Anzahl der Beamten in den Gestapodienststellen1) darf nicht über ihre Wirkmächtigkeit hinwegtäuschen: Die Gestapo hatte die Möglichkeit jederzeit Personal und Ressourcen der Ordnungspolizei in Anspruch zu nehmen, und sie konnte - anders als die politische Polizei der Weimarer Republik, die vorwiegend beobachtete und sammelte - willkürlich foltern, morden oder dauerhaft in „Schutzhaft“ nehmen. „Schutzhaft“ war in der Regel gleichbedeutend mit der Einweisung in ein Konzentrationslager. Selbst Entlassungen aus einem KZ gingen wiederum nur mit Zustimmung der Gestapo.

In den Anfangsjahren des Nationalsozialismus galt es, den politischen Gegner zu vernichten und das neue Regime zu stabilisieren. In den Kriegsjahren verlagerten sich die Aufgaben in Richtung Disziplinierung der Bevölkerung und Unterdrückung von Kritik, der Verfolgung von Deserteuren sowie der Überwachung und Repression der ausländischen ZwangsarbeiterInnen.

Gestapo-Außenstelle in Konstanz

Die für Radolfzell mitzuständige Konstanzer (Gestapo-)Außenstelle des Landespolizeiamts Karlsruhe wurde 1933 bei der bisherigen Fahndungspolizei-Abteilung der Polizei eingerichtet. Sie erhielt den Status eines Grenzpolizeikommissariats. Die Gestapo wurde erst im Bezirksamtsgebäude der Stadt untergebracht, im Jahr 1938 zog sie dann um in die Mainaustr. 29. Leiter: Jakob Weyrauch.

Die Konstanzer Gestapostelle war zuständig für die Amtsbezirke Konstanz, Engen, Meßkirch, Pfullendorf, Stockach und Überlingen. Folgende Grenzpolizeiposten und Nebenstellen gehörten ebenfalls zur Konstanzer Gestapo: Konstanz (Hafen, Bahnhof), Kreuzlingen, Emmishofen, Tengen, Gailingen, Singen und Gottmadingen (letztere beiden Posten gingen 1941 an die Singener Gestapo-Dienststelle).

Gestapohaft in Radolfzell

Im Radolfzeller Gefängnis saßen nicht nur Radolfzeller ein. Vielmehr wurde es als Drehscheibe und Zwischenhaftanstalt für Gefangene aus der ganzen Region gebraucht. So landeten hier jüdische Bürger von der Höri und aus dem Hegau vor und nach der Reichpogromnacht im November 1938 und - unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 - viele Kommunisten, Gewerkschafter und aus anderen Gründen Verfolgte aus Singen.

  • Dr. Markus Mordechai Bohrer (1895-1938), letzter Rabbiner von Gailingen, wurde wegen Fluchthilfe am 20. Oktober 1933 in „Schutzhaft“ genommen und kam für zwei Tage in das Gefängnis von Radolfzell. Anfang 1938 wegen angeblichen Verstoßes gegen das "Blutschutzgesetz" zu zwei Monaten Haft verurteilt; die Rabbinerfamilie hatte eine „arische“ Haushälterin unter 45 Jahren angestellt. Am 10. November 1938 wurde Mordechai Bohrer zusammen mit vielen anderen jüdischen Männern aus Gailingen und Wangen in Lastwagen der Radolfzeller SS nach Konstanz und von dort per Zug in das KZ Dachau deportiert, wo er am 30. Dezember 1938 starb. 2)
  • Moritz Moses Friesländer (4.4.1872-1941), Kaufmann in Gailingen. Wegen Vergehens gegen das „Blutschutzgesetz“ (die Familie Friesländer beschäftigte eine nichtjüdische Waschfrau unter 45 Jahren) wurde Moses Friesländer Anfang 1937 verhaftet und zu zwei Montaten Gefängnis verurteilt, die er im Radolfzeller Gefängnis verbüßte. Zusammen mit seiner Frau Berta, geb. Bloch (1896-1993) und Sohn Julius (geb. 20.11.1937) wurde er im Rahmen der „Wagner-Bürckel-Aktion“ am 22. Oktober 1940 ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Moses Friesländer starb 1941 im Lager Rivesaltes.3)
  • Albert Bronner (1901-1945), Maschinenformer aus Singen und Zeuge Jehovas wurde im April 1938 wg. Verweigerung der Kriegsproduktion von der Gestapo verhaftet und im Gefängnis Radolfzell in Schutzhaft genommmen. Es gab kein Gerichtsverfahren. Drei Wochen später kam er ins KZ Dachau, später ins KZ Mauthausen. Er starb am 20. Juni 1945, kurze Zeit nach der Befreiung des KZ durch die Amerikaner.4) 5)
  • August Hampp (1888-1940), der Singener Kaufmann und Arbeiter wurde wegen Vergehens gegen das sogenannte „Heimtückegesetz“ am 17. September 1938 an seinem Arbeitsplatz bei Fahr in Gottmadingen verhaftet und kam in Untersuchungshaft in das Radolfzeller Gefängnis. Angeklagt wegen „nichtöffentlicher, gehässiger, hetzerischer und von niedriger Gesinnung zeugender böswilliger Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP“, verurteilte ihn das Sondergericht Mannheim am 3. Feburar 1939 zu 1 Jahr und 3 Monaten Gefängnis. Er wurde jedoch unmittelbar nach der Urteilsverkündung in das KZ Neuengamme bei Hamburg überstellt. Die Strafe hätte formell am 3. Feburar 1940 enden müssen. Am 10. Oktober 1940 verbrachte man ihn aus Neuengamme in das KZ Dachau, wo er am 5. Dezember 1940 angeblich an „Lungenentzündung“ starb.6)
  • Johann Ehinger (1890-1943), als KPD-Mitglied schon vor 1933 entlassen, wurde im Jahr 1933 das erste Mal verhaftet und im Gefängnis Radolfzell in „Schutzhaft“ genommen. Spätere Verhaftung und ein Hochverratsprozess wg. staatsfeindlicher Äußerungen führten zu einer Gefängnisstrafe. Im Dezember 1943 kam er als politischer Häftling ins KZ Mauthausen und starb dort wenige Wochen später.7)
  • Ludwig Deuring (1889-1969), Dreher. Mitglied der KPD, für die KPD Mitglied im Radolfzeller Bürgerausschuss bis 1933. Schutzhaft 3.3.1933-4.5.1933 im Radolfzeller Gefängnis. Erneute Verhaftung durch Gestapo (Name: Klingele) am 24.10.1938. Untersuchungshaft bis 28. Februar 1939 im Radolfzeller Gefängnis. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ „begangen durch Mundpropaganda“ verurteilt zu 20 Monaten Zuchthaus: Steinbrucharbeiter in Ludwigsburg und Rottenburg, Arbeitskommando Aichholzhof. Entlassung am 25.6.1940. Erneute Verhaftung am 22.8.1944 ("Aktion Gitter"). Bis 24.9. 1944 im KZ Natzweiler und im KZ Dachau. Deuring gehörte 1945 zum ersten Radolfzeller Gemeinderat der Nachkriegszeit und starb 1969 in Radolfzell.8)
  • Karl Teufel (1890-1964), Mitglied der KPD und im Radolfzeller Bürgerausschuss bis 1933, wurde bereits am 3. März 1933 von der Gestapo verhaftet und kam in das Radolfzeller Gefängnis in Untersuchungshaft. Am 24.10.1933 verurteilte ihn das Amtsgericht-Schöffengericht Konstanz wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu vier Monaten Gefängnis. Am 22. August 1944 wurde Karl Teufel im Rahmen der Aktion „Gitter“ in das KZ Natzweiler verschleppt. Von dort verbrachte man ihn am 6. September 1944 in das KZ Dachau, von wo er am 14. September 1944 in das KZ Mauthausen überstellt wurde. Dort wurde Teufel am 26. Oktober 1944 entlassen. Für Karl Teufel wurde im Jahr 2015 ein Stolperstein in der Konstanzer Str. 30 verlegt.
  • Carl Diez (1877-1969), Reichstagsabgeordneter für die Zentrums-Partei, wurde bald nach der Machtergreifung im Jahr 1933 verhaftet. Er saß ab 21. September 1933 vier Wochen im Radolfzeller Gefängnis, wurde seiner Ämter enthoben und von der Gestapo überwacht. Vom 28. Juni bis 19. Juli 1944 befand sich Diez mit seiner Tochter Jolanda im Konstanzer Gefängnis in Untersuchungshaft wegen angeblichen Abhörens ausländischer Sender. Wenige Tage nach dem misslungenen Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Diez im Rahmen der „Aktion Gitter“ erneut verhaftet und sollte in das KZ Dachau verbracht werden. Durch Intervention seines Sohns Theopont wurde dies verhindert. Dieser hatte gegenüber den Parteiverantwortlichen argumentiert, es sei „eine Schande, einen Vater zu inhaftieren, von dem drei Söhne an der Front kämpften.“ Diez hat die Gesamtdauer seiner Verhaftungen später auf 13 Wochen beziffert. 9)
  • Max Porzig (1879 - 1948), ein Singener Sozialdemokrat, wurde bereits 1933 verhaftet und kam ins Radolfzeller Gefängnis am Luisenplatz. Dort saß er zunächst zusammen mit dem Zentrumsabgeordneten Carl Diez und dem Fabrikanten Schroff, ebenfalls Zentrum, in einer Zelle. Im Rahmen der „Aktion Gitter“ am 22. August 1944 wurde Prozig von der Gestapo erneut verhaftet und kam zunächst ins KZ Natzweiler, am 6. September 1944 in das KZ Dachau und das Außenlager Allach. Max Porzig wurde am 24. September 1944 wieder entlassen und starb 1948 an den Spätfolgen seines KZ-Aufenthalts.10)11)
  • Wilhelm Haaf (1893-1947) wurde am 4. Mai 1939 von der Gestapo verhaftet und in das Radolfzeller Gefängnis gebracht, wo er bis zum 28. Mai 1939 blieb. Angeklagt und verurteilt wegen Vergehens nach §2 des „Heimtückegesetzes“, kam er am 28.5.1939 in das Strafgefängnis Mannheim. Er wurde wegen „nicht öffentlichen, gehässigen, hetzerischen und von niedriger Gesinnung zeugenden, böswilligen Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP“ verurteilt. In einem Gespräch habe Haaf u.a. geäußert: „Meine älteste Tochter, die BDM-Führerin ist, befindet sich in Holland, die hat die Nase voll bekommen vom Dritten Reich u.v.m.“ Der an Multipler Sklerose erkrankte und zuletzt vollständig gelähmte Haaf starb am 2. September 1947, kurz vor seinem 54. Geburtstag, an den Spätfolgen der Haft. Für Wilhelm Haaf wird im Jahr 2015 ein Stolperstein in der Seetorstr. 1 verlegt.

Anzeigen und Denunziationen aus der Bevölkerung

Die Gestapo hatte keineswegs ihre Augen und Ohren überall, das war schon wegen der relativ dünnen Personaldecke gar nicht möglich. Die Konstanzer Außenstelle hatte 1937 lediglich 11 Beamte 12).

Vielmehr war die Gestapo angewiesen auf Anzeigen und Denunziationen aus der Bevölkerung: von Parteigenossen, Mitgliedern der vielfältigen NS-Organisationen, Arbeitskollegen, Nachbarn, Freunden und Verwandten. Die Motivlage kann zum überwiegenden Teil in privaten Beweggründen wie Neid oder Missgunst gefunden werden.

In der Regel gingen die Anzeigen bei der örtlichen Polizei ein, die sie umgehend an die zuständige Gestapostelle weiterleitete. Je nach Zielgruppe lag der Denunziationsanteil aus der Bevölkerung zwischen einigen Prozent (9-15% bei Homosexualität), einem Viertel (Verfolgung der badischen Zeugen Jehovas), über der Hälfte („Rassenschande“ oder „Judenfreundschaft“ in Würzburg), oder bis zu 87,5% (bei "Heimtückefällen" in Saarbrücken).

NS-Sondergerichtsverfahren

Beim Generallandesarchiv Karlsruhe (Bestand 507) sind 31 Ermittlungs- und Verfahrensakten des Sondergerichts Mannheim der Jahre 1933-1945 mit Bezug zu Radolfzell archiviert. Die Beschuldigten und Verurteilten mit Geburtsort und/oder Wohnort und/oder mit Tatort Radolfzell waren angeklagt aufgrund des „Heimtückegesetzes“ und wegen „Rundfunkverbrechen“. GLA Karlsruhe, Findbuch, Sondergerichtsakten Mannheim Darunter befinden sich auch die Verfahrensakten zu Ernst Gnirß, Wilhelm Haaf und Ernst Ludwig Kreer, für die bereits Stolpersteine verlegt wurden.

Beim Staatsarchiv in Freiburg sind 727 Akten von über 1000 Sondergerichtsverfahren der Jahre 1941-1945 aus Südbaden archiviert. Die damals Beschuldigten waren angeklagt aufgrund des "Heimtückegesetzes" (30%), wegen "Rundfunkverbrechen", "Kriegswirtschaftsverbrechen" (23%), wegen der Kriegssonderstrafrechtsverordnung13) (14%) oder Delikten nach der "Volksschädlingsverordnung" sowie wg. Diebstählen, Beleidigungen oder Gewalttaten nach der „Gewaltverbrecherverordnung“. Todesurteile hatten dabei einen Anteil von 3% an den verhängten Strafen.

Die Akten des Sondergerichts Freiburg14) im Staatsarchiv Freiburg beinhalten den Fall der 40-jährigen Lagerhelferin Elsa Henke aus Rheinfelden-Nollingen, Ehefrau des dortigen NSDAP-Ortsgruppenleiters Hermann Henke, die noch am 21. April 1945 wegen „nicht bestimmungsgemäß abgelieferter, (…) zur eigenen Verwendung zurückbehalter“ Wäschestücke zum Tode verurteilt wurde. Es war das letzte Todesurteil des Sondergerichts Freiburg, ausgesprochen in der damaligen Ausweichstelle Radolfzell. Gefällt wurde es wegen „Verbrechen nach der Verordnung zum Schutz der Sammlung von Kleidung und Ausrüstungsgegenständen für die Wehrmacht und den Deutschen Volkssturm“. Am selben Tag waren französische Truppen bereits in Freiburg eingerückt und hatten der Nazi-Herrschaft ein Ende bereitet – daher das Ausweichen an den Bodensee. Zur Vollstreckung des Todesurteils kam es nicht mehr. 15)

Die Akten des Sondergerichts Karlsruhe/Mannheim im Staatsarchiv Freiburg beinhalten u.a. die folgenden Verfahren mit Bezug zu Radolfzell, Markelfingen und Güttingen:

  • gegen den Radolfzeller Versicherungsoberinspektor Wilhelm Haaf, der am 10. Mai 1939 in Radolfzell verhaftet wurde (siehe oben).
  • gegen den Postinspektoranwärter Gustav Erich Juchler, dessen Anklagen wg. Urkundenbeschädigung, Amtsunterschlagung, Verletzung des Postgeheimnisses und Verwahrungsbruch als „Verbrechen gegen die Volksschädlingsverordnung“ verhandelt wurden (StAF A 47/1 Nr. 622, 623). Ähnliches gilt bei Ernst Boos für den angeblichen Raub von Transportgütern und Franz Xaver Peter bei Diebstahl. (StAF A 47/1 Nr. 1633-1636 und 2349). Mit der "Volksschädlingsverordnung" konnte ab dem 5. 9.1939 für fast jede Straftat die Todesstrafe verhängt werden. Bei Gewaltverbrechen war dies sogar vorgeschrieben.
  • gegen den Arbeiter Ludwig Kehrer aus Markelfingen wg. angeblicher „Wehrkraftzersetzung“ (StAF A 47/1 Nr. 449-452)
  • gegen den Radolfzeller Schreinermeister Ernst Ludwig Kreer, der vom Sondergericht Mannheim am 20.9.1940 zu 2 Jahren und 8 Monaten Zuchthaus für das Hören ausländischer Sender, Verbreitung der abgehörten Nachrichten, die „die Widerstandskraft des deutschen Volkes“ gefährdeten ("Rundfunkverbrechen") und wegen staatsfeindlicher Äußerungen verurteilt wurde. Ernst Kreer, der zusammen mit Wilhelm Steinwedel (s.u.) in dieser Sache angeklagt worden war, verbüßte die Strafe, unter Anrechnung einer viermonatigen Untersuchungshaft, bis zu seiner Haftentlassung am 20.11.1942 im Zuchthaus Ludwigsburg. (StAF F196/1-1157)
  • gegen die Radolfzeller Karl Kornmaier und Johann Mahlbacher wegen staatsfeindlicher Äußerungen (StAF A 47/1 Nr. 1820 und 1766)
  • gegen den Müllermeister Jakob Gustav Rauch, der zwischen September 1939 bis Januar 1942 in Markelfingen Getreide schwarz gemahlen haben soll, was als „Verbrechen gegen die Kriegswirtschaftsverordnung“ angeklagt wurde. (StAF A 47/1 Nr. 747)
  • gegen den Rentner Emil Georg Scherr, den Ankerwickler Friedrich Anton Schneider und den Eisenbahninspektor Max Ruf, alle aus Radolfzell, denen Vergehen gegen das "Heimtückegesetz" vorgeworfen wurde. (StAF A 47/1 Nr. 523, 1210-1213 und 1179)
  • gegen den Kernmacher Karl Schmid aus Güttingen wegen verbotenem Umgang mit Kriegsgefangenen in den Jahren 1940 bis 1941 ( StAF A 47/1 Nr. 1194 )
  • gegen den Radolfzeller Buchhändler Ferdinand Schmitz sowie Maria und Ludwig Braunschweig wg. „Verbrechen gegen die Kriegssonderstrafrechtsverordnung (A 47/1 Nr. 230 und 1862)
  • gegen den Radolfzeller Monteur Wilhelm Steinwedel, der seit 20.7.1940 im Gerichtsgefängnis Konstanz in „Schutzhaft“ war und vom Sondergericht für den Oberlandesbezirk Karlsruhe in Mannheim am 20.9.1940 (Js 242/40) wegen „Verbrechens fortgesetzter Anhörung feindlicher und des schweizerischen Senders“ zu 1 Jahr und 3 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde. Hierauf wurden 2 Monate U-Haft angerechnet. (StAF F196/1 - 1426)
  • gegen den Radolfzeller Zahnarzt Dr. Julius Walser, der zu 10 Monaten Zuchthaus für das Hören ausländischer Sender ("Rundfunkverbrechen") verurteilt wurde. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt, später wurden die letzten 2 Monate seiner Haftstrafe erlassen. (StAF A 47/1 Nr. 700) 16).
  • Auch dem Kernmacher Ernst Wenger wurde vorgeworfen, in der Zeit von September 1939 bis Januar 1942 ausländische Sender abgehört zu haben. (StAF 47/1 Nr. 639). Relativ verbreitet war im Südwesten Deutschlands das Hören des Schweizer Senders Beromünster. 17)

Deserteure warteten in Radolfzell auf Hinrichtung

Auch Fahnenflucht war im Nationalsozialismus ein Vergehen nach der Kriegssonderstrafrechtsverordnung und wurde meist mit dem Tod bestraft. Von etwa 30.000 Todesurteilen wurden etwa 23.000 vollstreckt.

Im Grenzgebiet zur Schweiz wurden immer wieder Deserteure aufgegriffen, so z.B. fünf Deserteure im Februar 1944. Sie wurden in Engen von einem Feldgericht zum Tode verurteilt und auf einem Konstanzer Schießplatz hingerichtet.18)

Ebenfalls nach Moser befanden sich zu Kriegsende noch ein Dutzend Deserteure in den Gefängnissen von Radolfzell und Konstanz, die alle überlebt haben.19)

Quellen


1) ca. 50 Mitarbeiter in ganz Baden
2) Friedrich, Eckhardt / Schmieder-Friedrich, Dagmar: Die Gailinger Juden. Materialien zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Gailingen, Konstanz 1981.
4), 6), 7), 10) Geschichtswerkstatt Singen (Hg.): „Seid letztmals gegrüßt“. Biografische Skizzen und Materialien zu den Opfern des Nationalsozialismus in Singen. Singen 2005
5) Roser, Hubert (Hg.): Widerstand als Bekenntnis. Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 1999
8) Recherche Markus Wolter; vgl. hierzu: Staatsarchiv Freiburg, Spruchkammer Südbaden: DNZ-Akten, Bestand D 180/2, Nr. 5234; Staatsarchiv Freiburg, Bestand F 196/1: Landesamt für Wiedergutmachung, Außenstelle Freiburg, F 196/1 Nr. 152; Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand E 356 d V: Strafanstalt Ludwigsburg mit Zweiganstalt Hohenasperg: Gefangenenpersonalakten, Deuring, Ludwig, Delikt: Vorbereitung zum Hochverrat (1939-1940). E 356 d V Bü 2404.
9) Vgl. u. zit. nach: Reiner Haehling von Lanzenauer: Carl Diez, in: Ottnad, B. / Sepaintner, F.L. (Hg.): Baden-Württembergische Biographien Band III, Stuttgart, Kohlhammer 2002, S. 32-34.
11) Porzig, Max: Schulung: Ein Tatsachenbericht aus den Konzentrationslagern Natzweiler, Dachau, Allach. Neuaufl. (Nachdr.) d. Ausg. Singen, 1945: Geschichtswerkstatt Singen. Singen 1994
12) Stolle, Michael: Die Geheime Staatspolizei in Baden. Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich. UVK-Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001, S. 94
13) zumeist wg. "Wehrkraftzersetzung", Wehrdienstentziehung oder Beihilfe zur Fahnenflucht
14) Vgl. hierzu: Michael P Hensle, Vorw. Wolfgang Benz: Die Todesurteile des Sondergerichts Freiburg 1940-1945. Eine Untersuchung unter dem Gesichtspunkt von Verfolgung und Widerstand. Belville 1996
15) Vgl.: Badische Zeitung, N.N.: Terror hält sich bis zum Kriegsende (=BZ-Serie: "Rheinfelden unterm Hakenkreuz" V), Badische Zeitung, 17.9.2010
16) Vgl. Hensle, Michael: „Rundfunkverbrechen“ vor nationalsozialistischen Sondergerichten. Eine vergleichende Untersuchung der Urteilspraxis in der Reichshauptstadt Berlin und der südbadischen Provinz. Diss., Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin 2001, S. 361
17) Vgl. Renz, Ulrich: Ein Sender wie ein ferner Leuchtturm. Zur Bedeutung von Radio Beromünster in der NS-Zeit, in: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums 38:152 (1999), S. 114-122.
18) Moser, Arnulf (2007): Doppelmord in der Konstanzer Bodanstrasse. Zur Tat eines flüchtigen deutschen Deserteurs im November 1943. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Jg. 127, 2009, S. 170 http://www.bodenseebibliotheken.de/viewer.jsf?page=vgeb-j2009-t-A169&jftfdi=&jffi=viewer
19) Moser, Arnulf (2009): Fünf Deserteure im Pfeiferhölzle verscharrt. In: Südkurier Konstanz, 25.8.2009

Literatur

  • Bauz, Ingrid; Brüggemann, Sigrid; Maier, Roland (Hrsg.): Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Schmetterling, 2012.
  • Paul, Gerhard; Mallmann, Klaus-Michael (Hg.): Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. Heimatfront und besetztes Europa. Primus. Darmstadt 2000.
  • Schadt, Jörg (Bearb.) / Stadtarchiv Mannheim (Hg.): Verfolgung und Widerstand unter dem Nationalsozialismus in Baden. Die Lageberichte der Gestapo und des Generalstaatsanwalts Karlsruhe 1933-1940. Kohlhammer, Stuttgart 1976
  • Stolle, Michael: Die Geheime Staatspolizei in Baden. Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich. UVK-Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001
  • Roser, Hubert (Hg.): Widerstand als Bekenntnis. Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 1999

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Termine

Politischer Widerstand in Konstanz während des Nationalsozialismus

Vortrag von Dr. Uwe Brügmann am 27. Januar 2017 um 19:30 Uhr im Astoria-Saal der vhs Konstanz. Eine Veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Es waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, die in vielfältiger Form Widerstand leisteten; Widerstand aus der bürgerlichen Mitte (Zentrumspartei) ist in Konstanz bislang nicht belegt. Zum Widerstand gehörte der Schmuggel von politischen Broschüren aus der Schweiz nach Deutschland, Sabotage in Betrieben, Fluchthilfe in die Schweiz, kommunistische Propaganda, Abhören von ausländischen Sendern und, weit verbreitet, Schimpfen über die politischen Verhältnisse und nationalsozialistische Funktionsträger. Auch die religiös motivierte Weigerung der Zeugen Jehovas, sich den nationalsozialistischen Machthabern unterzuordnen, war politischer Widerstand, denn wer den Hitlergruß und den Wehrdienst verweigerte, opponierte offen und für jedermann sichtbar gegen das NS-Regime. Das totalitäre NS-Regime ging gegen die Konstanzer Frauen und Männer, die den Mut zum Widerstand hatten, mit äußerster Härte vor; einige von ihnen wurden durch Sondergerichte zum Tod verurteilt, viele andere wurden zu langjährigen Haftstrafen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern verurteilt.

Der Vortrag beleuchtet die verschiedenen Formen des politischen Widerstands in Konstanz, untersucht die Motive der Akteure und die Rolle der verbotenen SPD und KPD, vor allem aber soll an die Einzelschicksale jener Menschen erinnern werden, die in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus den Mut hatten, Widerstand gegen ein unmenschliches System leisteten.

Veranstalter: Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz“, Kulturbüro der Stadt Konstanz, vhs Konstanz-Singen e.V.

2016/12/15 23:12 · sw · 0 Kommentare

Hesse-Museum Gaienhofen: Szenische Lesung, Buchvorstellung und Vortrag über den NS-Aktivisten, Arzt und Schriftsteller Dr. Ludwig Finckh (1876-1964)

Ludwig Finckh mit Stabsoffizieren der Waffen-SS aus Radolfzell, Posen-Treskau und Lauenburg/Pommern bei einem Ortstermin in Gaienhofen, „Auf Heiden“, August 1943. Fotografie: Stadtarchiv Reutlingen.

Im Anschluss an die szenische Lesung des Bühnenstücks „Sonnwend“ von Gerhard Zahner - Vortragender Jo Vossenkuhl und Haro von Eden (Klarinette) - wird Dr. Wolfgang Proske den 2016 erschienenen Band "NS-Belastete aus dem Bodenseeraum" aus der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ vorstellen.

Markus Wolter, einer der Buchautoren, spricht zum Thema seines Aufsatzes: “'Blutsbewusstsein' - Dr. Ludwig Finckh und die SS“.

Ort: Hesse-Museum Gaienhofen

Datum: 18. November 2016

Zeit: 19.00 Uhr

Veranstalter: Hesse-Museum Gaienhofen

2016/11/12 13:24 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Einladung zur Mithilfe beim Stolperstein-Putzen

Am 9. November um 18 Uhr beteiligt sich die Inititiative für Stolpersteine in Radolfzell wieder an der bundesweiten Mahnwache gegen die Novemberprogrome des 9. auf den 10. November 1938 und ruft zur Mitarbeit beim Putzen der Steine auf.

In Radolfzell und Markelfingen wurden mittlerweile 23 Stolpersteine verlegt, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Diese Mahnmale bedürfen einiger Pflege, u.a. müssen sie mindestens einmal pro Jahr geputzt werden, damit das verwendete Material (Messing) sich farblich nicht zu sehr verändert. Hierzu benötigt die Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ die praktische Mithilfe.

Alle Interessierten sind eingeladen, dazu am Mittwoch, den 9.11.2016 um 18 Uhr zum Seetorplatz zu kommen und sich anschließend auf die Verlegeorte zu verteilen.

Wer sich an der Gedenkaktion beteiligen will, kann sich auch im Vorfeld unter info@stolpersteine-radolfzell.der melden, um sich von der Initiative für einen entsprechenden Stolperstein in der Nähe seines Wohnortes einteilen zu lassen. Orte von verlegten Stolpersteine finden sich auf dieser Karte, eine Zusammenstellung der Adressen findet sich hier.

Auf der Website der Konstanzer Stolpersteininitiative gibt es Anleitungen, wie der Putzvorgang möglichst einfach vonstatten geht.

Doch das Putzen ist nur die eine Seite dieser Gedenkaktion. Mindestens genau so wichtig ist es, die verlegten Steine und die damit verbundenen Zusammenhänge immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und zu mahnen, auf dass die Verbrechen des Nationalsozialismus sich nicht wiederholen. So werden die mitgebrachten Kerzen eine besondere Stimmung verbreiten, PassantInnen werden stehen bleiben und sich gerne auf ein Gespräch einlassen. Flugblätter erläutern die oftmals unglaublichen und erschütternden Biografien der Personen, für die der jeweilige Stolperstein verlegt wurde.

2016/11/07 09:14 · sw · 0 Kommentare

Gailinger Juden und ihre Verbindung zu Konstanz

Vortrag von Joachim Klose (Jüdisches Museum Gailingen) bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 9. November 2016 um 19:30 Uhr im Konstanzer Kulturzentrum am Münster, Wolkensteinsaal

http://stolpersteine-konstanz.de/index.html?termine.htm

Gedenken: 22. Oktober 1940

Am 22. Oktober 1940 werden mehr als 6500 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Baden und der Saarpfalz in das südfranzösische Internierungslager Gurs (siehe Abbildung) deportiert (Wagner-Bürckel-Aktion).

Im Landkreis Konstanz ist an diesem Tag neben lokaler Ordnungspolizei und Gestapo das SS-Totenkopf-Bataillon aus Radolfzell im Einsatz, das die jüdischen Einwohner von Wangen, Gailingen und Randegg zusammentreibt und in LKWs an die Bahnhöfe von Radolfzell und Singen fährt.

Am Radolfzeller Bahnhof werden sieben jüdische Frauen und Männer aus Wangen und die seit April 1940 im „Bahnhofhotel Schiff“ logierende Alice Fleischel (1873–1941) in den aus Konstanz-Petershausen eingefahrenen Deportationszug der Deutschen Reichsbahn verbracht, in dem sich bereits 108 Konstanzer Jüdinnen und Juden befinden. In Singen hält der Zug erneut und 178 jüdische Bürgerinnen und Bürger von Gailingen, Randegg, Hilzingen und Bohlingen kommen dazu. Vier Tage und Nächte später erreicht der Zug das Lager Gurs.

„Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst.“

2016/10/22 11:12 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
ordnungspolizei_und_gestapohaft_in_radolfzell.txt · Zuletzt geändert: 2016/03/10 21:39 von mw
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