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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Alice Fleischel (1873–1941)

Alice Fleischel, geb. Rossin, wurde am 04.06.1873 als Tochter jüdischer Eltern in Hamburg geboren. Sie war mit dem Berliner Verleger Egon Fleischel (1862-1936) verheiratet. Alice und Egon Fleischel konvertierten 1897 zum Christentum. Das Paar hatte zwei Söhne, Erich Fleischel, geb. 1897, und Günther Fleischel, geb. 1903. Alice Fleischel lebte mit ihrer Familie lange Jahre in Berlin, zuletzt allein in München und Radolfzell.

Alice Fleischel, die, aus München über Baden-Baden kommend, seit April 1940 im „Bahnhofhotel Schiff“ am Bahnhofplatz 1 / Ecke Seetorstr. 2 in Radolfzell wohnte, wurde dort am 22. Oktober 1940 von der Gestapo Konstanz im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ verhaftet. Noch am selben Tag wurde sie per Zug ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert, wo sie am 26. April 1941 ums Leben kam.

In ihrer Unterkunft in Radolfzell war sie entschieden, über die Schweiz nach Südamerika oder Italien zu gelangen, wo eine Schwägerin lebte. In Radolfzell hatte sie zunächst keine offizielle Meldeadresse und wurde der Polizei erst aufgrund einer Denunziation bekannt. Die überlieferte Meldekarte im Stadtarchiv Radolfzell belegt eine (nachträglich?) zum 1. Juli 1940 vorgenommene, reguläre Anmeldung und verzeichnet akribisch: „Jahr und Tag der Anmeldung: 1.7.40; Wohnung: Bahnhofplatz 1, Hotel Schiff. Jahr und Tag der Abmeldung: 22.10.40. Von Gestapo Konstanz abtransportiert.“

Die in Teilen überlieferte Korrespondenz zwischen Alice Fleischel in München beziehungsweise Radolfzell und ihrem Sohn Günther, der wegen angeblicher „Rassenschande“ damals im Zuchthaus Hameln inhaftiert war, macht deutlich, dass Günther Fleischel noch im Jahr 1940 plante, zusammen mit seiner Mutter nach Brasilien zu emigrieren. In einem Brief vom 18. Februar 1940 aus München äußerte Alice Fleischel zwar noch grundsätzlichen Zweifel an dem gemeinsamen Vorhaben, „denn was sollen alle Staaten mit all den Juden anfangen!“ Schließlich erhielt Günther aber doch die Mitteilung aus Radolfzell, dass seine Mutter mit ihm auswandern wolle. Im September 1940 schickte Alice Fleischel aus Radolfzell - wie auch zuvor schon bei verschiedenen Anlässen - letztmals vor der Deportation einen kleinen Geldbetrag zur Unterstützung ihres Sohnes ins Zuchthaus nach Hameln

Anfang Februar 1941 äußerte Günther Fleischel in einem Brief an seinen Freund Kurt Kaliski die Hoffnung, im Laufe des Monats noch Post von seiner Mutter zu bekommen, doch eine Mitteilung seiner in Berlin wohnenden Tante Charlotte Asten vom 21. Mai 1941 informierte ihn ohne nähere Angaben vom Tod Alice Fleischels. Auch ihre beiden Söhne überlebten die NS-Zeit nicht. Erich Fleischel wurde nach dem 4. März 1943 im KZ Majdanek ermordet. Günther Rolf Egon Fleischel starb am 5. September 1943 an einer Krebserkrankung im Ghetto Riga.

Heute noch lebender Angehöriger der Familie ist Gilbert Fleischel, Köln, Großneffe von Egon und Alice Fleischel und Enkel von Bruno Fleischel, eines Bruders von Egon Fleischel.

Quellen Meldekarteikarte Alice Fleischel, Stadtarchiv Radolfzell. Zu Günther und Alice Fleischel vgl.: Herbert Obenaus: Vom SA-Mann zum jüdischen Ghettoältesten in Riga. Zur Biographie von Günther Fleischel. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 8 (1999), S. 278–299. Überlieferte Korrespondenz von Alice und Günther Fleischel in der Häftlingsakte Günther Fleischel, Zuchthaus Hameln, Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann.86 Hameln Acc 143/90 Nr. 3613. Badische Landesbibibliothek Karlsruhe, Digitalisat der Transportlisten aller am 22. Oktober 1940 aus Baden nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden, Alice Sara Fleischel hier unter „Radolfzell“, Bl. 59.

Dokumentation zum Aufenthalt Alice Fleischels in Radolfzell und zu ihrer Deportation nach Gurs: Markus Wolter: Juden in Radolfzell.

Recherche: Markus Wolter
Patenschaft: Ute Müller

Termine

Performance "508 ... Gegen das Vergessen"

Freitag, 11.08.2017, um 14:00 Uhr am Mahnmal im ZfP Reichenau

Im Gedenken an die 1940/41 im Rahmen der NS-Euthanasie ermordeten 508 Patienten in Reichenau schuf der Konstanzer Künstler Alexander Gebauer 1988 das „Mahnmal für die Opfer der NS-Euthanasie“ auf dem Gelände des ZfP. In Verbindung mit diesem Kunstwerk findet eine bewegende Aufführung, changierend zwischen Konzert und Performance, mit Bernhard Thomas Klein (Musiker und Komponist), Christine Koch (Bildhauerin) und Andieh Merk (Musiker) statt.

Weitere Informationen und den genauen Ablauf können Sie dem angefügten Faltblatt entnehmen: Faltblatt (6,4 MB)

Bitte beachten Sie, dass die Veranstaltung bei jedem Wetter unter freiem Himmel stattfindet. Es werden einfache Sitzgelegenheiten und Pavillons als Sonnen- oder Regenschutz zur Verfügung stehen.

Der Eintritt ist frei.

Die Veranstaltung wird organisiert und durchgeführt vom ZfP Reichenau und der Reihe „Kunst belebt“ des BodenseeKulturraum e.V., unterstützt von der Kunststiftung Landkreis Konstanz.

2017/08/07 20:08 · sw · 0 Kommentare

Duft der Steine - Theaterstück von Gerhard Zahner

Regie: Waltraud Rasch

Uraufführung: 21. September 2017

weitere Aufführungen 22.,23. September 6.,7., 20.,21. Oktober

Zeit: 20 Uhr

Ort: Theater-Zeller-Kultur, Fürstenbergstrasse 7a, 78315 Radolfzell

Karten: kartenbestellung@zellerkultur.de, Tel. 07732 8233941

Alice Fleischel wollte mit ihrem Sohn Günther nach dessen Entlassung die Flucht nach Brasilien wagen, aus diesem Grund wartete sie im Frühling 1940 im Hotel Schiff in Radolfzell auf ihn. Zu diesem Zeitpunkt in ihrer Geschichte setzt unser Theaterstück ein. Hier wird „unsübersteigend“ und beklemmend das Seelenleben eines Flüchtlings aufgezeigt. Wie Alice Fleischel im Schatten der Angst, des Misstrauens und der Ungerechtigkeit auf sich allein gestellt leben muss. In Ungewissheit und Schmerz, den widrigen Umständen zum Trotz zwischen vier Wänden ausharrt. Ihr einziger Berührungspunkt zur Außenwelt und der einzige warme Lichtblick in ihrem Leben ist der Hotelier Strudel, der sie beschützt. Obwohl sie ohne festen Wohnsitz und nur auf Fremdenzettel gemeldet ist, unterlässt er es die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten. Auch als der Bürgermeister im Sommer 1940 anordnet, dass die Jüdin Stadt und Hotel zu verlassen habe, gewährt ihr Strudel weiter Obdach und riskiert dabei sein eigenes Leben.

2017/07/18 19:08 · sw · 0 Kommentare

"Täter, Helfer, Trittbrettfahrer", NS-Belastete aus Südbaden - Buchvorstellung/Vortrag zu Dr. Conrad Gröber (1872-1948), Münsterpfarrer von Konstanz, Erzbischof von Freiburg, förderndes Mitglied der SS.

Vortrag von Dr. Wolfgang Proske:

„Dr. Conrad Gröber: 'Deutschehrlich' und 'überreiche Register im Orgelwerk seiner Seele…'

Veranstalter: seemoz e.V.

Veranstaltungsort: Treffpunkt Petershausen, Georg-Elser-Platz 1, 78467 Konstanz

Datum: Dienstag, 4. April 2017

Beginn: 19.30 Uhr

Dr. Conrad Gröber: „Constantia. Das Konstanzer Lied“. Zeitgenössische Kunstkarte (Linolschnitt v. August Krumm, der das Lied auch vertonte), gelaufen 1938. Sammlung Markus Wolter

Ankündigung im seemoz

Zur Buchreihe:

http://ns-belastete.de/index.html

2017/03/09 13:37 · Markus Wolter

Politischer Widerstand in Konstanz während des Nationalsozialismus

Vortrag von Dr. Uwe Brügmann am 27. Januar 2017 um 19:30 Uhr im Astoria-Saal der vhs Konstanz. Eine Veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Es waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, die in vielfältiger Form Widerstand leisteten; Widerstand aus der bürgerlichen Mitte (Zentrumspartei) ist in Konstanz bislang nicht belegt. Zum Widerstand gehörte der Schmuggel von politischen Broschüren aus der Schweiz nach Deutschland, Sabotage in Betrieben, Fluchthilfe in die Schweiz, kommunistische Propaganda, Abhören von ausländischen Sendern und, weit verbreitet, Schimpfen über die politischen Verhältnisse und nationalsozialistische Funktionsträger. Auch die religiös motivierte Weigerung der Zeugen Jehovas, sich den nationalsozialistischen Machthabern unterzuordnen, war politischer Widerstand, denn wer den Hitlergruß und den Wehrdienst verweigerte, opponierte offen und für jedermann sichtbar gegen das NS-Regime. Das totalitäre NS-Regime ging gegen die Konstanzer Frauen und Männer, die den Mut zum Widerstand hatten, mit äußerster Härte vor; einige von ihnen wurden durch Sondergerichte zum Tod verurteilt, viele andere wurden zu langjährigen Haftstrafen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern verurteilt.

Der Vortrag beleuchtet die verschiedenen Formen des politischen Widerstands in Konstanz, untersucht die Motive der Akteure und die Rolle der verbotenen SPD und KPD, vor allem aber soll an die Einzelschicksale jener Menschen erinnern werden, die in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus den Mut hatten, Widerstand gegen ein unmenschliches System leisteten.

Veranstalter: Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz“, Kulturbüro der Stadt Konstanz, vhs Konstanz-Singen e.V.

2016/12/15 23:12 · sw · 0 Kommentare

Hesse-Museum Gaienhofen: Szenische Lesung, Buchvorstellung und Vortrag über den NS-Aktivisten, Arzt und Schriftsteller Dr. Ludwig Finckh (1876-1964)

Ludwig Finckh mit Stabsoffizieren der Waffen-SS aus Radolfzell, Posen-Treskau und Lauenburg/Pommern bei einem Ortstermin in Gaienhofen, „Auf Heiden“, August 1943. Fotografie: Stadtarchiv Reutlingen.

Im Anschluss an die szenische Lesung des Bühnenstücks „Sonnwend“ von Gerhard Zahner - Vortragender Jo Vossenkuhl und Haro von Eden (Klarinette) - wird Dr. Wolfgang Proske den 2016 erschienenen Band "NS-Belastete aus dem Bodenseeraum" aus der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ vorstellen.

Markus Wolter, einer der Buchautoren, spricht zum Thema seines Aufsatzes: “'Blutsbewusstsein' - Dr. Ludwig Finckh und die SS“.

Ort: Hesse-Museum Gaienhofen

Datum: 18. November 2016

Zeit: 19.00 Uhr

Veranstalter: Hesse-Museum Gaienhofen

2016/11/12 13:24 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
stolpersteine/alice_fleischel.txt · Zuletzt geändert: 2016/05/19 20:30 von mw
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