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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Alma Deuring, geb. Broggi (1901–1989) und Ludwig Deuring (1889–1969)

Alma Deuring, geb. Broggi, wurde am 13.02.1901 in Luvinate, Italien, geboren und starb am 04.02.1989 in Radolfzell. Nach 1922 in verschiedenen Stellungen als Dienstmädchen tätig, fand sie 1927 Arbeit als Zuschneiderin bei Schiesser in Radolfzell. Sie wurde am 8.9.1943 wegen ihrer „antinazistischen Einstellung“ von der Gestapo in Radolfzell verhaftet und verbrachte 3 Wochen in „Schutzhaft“. Als „Verfolgte des Nationalsozialismus“ wurde sie nach dem Krieg anerkannt.

Sie war ab 1934 verheiratet mit Ludwig Deuring, der am 25.08.1889 in Hawangen geboren wurde und 1969 in Radolfzell verstarb.

Ludwig Deuring arbeitete nach dem Besuch der Volksschule zwischen 1906 und 1922 für den Norddeutschen Lloyd, Bremen, und in der Hochseefischerei. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Marinesoldat in Flandern teil. 1924 wurde Deuring, der 1922 nach Radolfzell gekommen war, Mitglied der KPD und saß zusammen mit seinen Fraktionskollegen Karl Teufel, Heinrich Hof, Hermann Müller und Hermann Schärmeli 1930-1933 im Radolfzeller Bürgerausschuss. Gearbeitet hat Ludwig Deuring in seinem gelernten Beruf als Dreher bei Allweiler.

Ludwig Deuring wurde am 3. März 1933 erstmals verhaftet und war im Radolfzeller Gefängnis bis 4. Mai 1933 in „Schutzhaft“.

„Rundfunkverbrechen“

1934 erwarben die Deurings beim Radiofachgeschäft Ickenroth & Borel in der Schlageterstr. 30 (heute Seestr. 60) einen „zum Empfangen von Sendern aus der ganzen Welt“ geeigneten „Reico Atlantis“ der Berliner Radiofabrik Max Reinhardt & Co. zum Preis von 208,60 RM. Die Rechnung beglich das Paar mühsam in acht Monatsraten bis zum Dezember 1934. Zum Vergleich: der von der NS-Propagandaführung bereits 1933 eingeführte, einfache Volksempfänger VE 301 war zum Preis von 76 Reichsmark vergleichsweise günstig zu erwerben. Vor diesem Hintergrund ist ein Gestapo-Dossier vom April 1939 aufschlussreich:

„Bedenklich ist die immer größer werdende Sucht, die in deutscher Sprache ausgehenden Meldungen ausländischer Rundfunksender abzuhören. Das führt dazu, dass auch auf dem Lande von weniger begüterten Volksgenossen anstelle der einfachen billigen Volksempfänger die teuren und leistungsfähigen Rundfunkgeräte bevorzugt werden, mit denen auch die Sendungen aus dem Ausland gut abgehört werden können.“

Volksempfänger VE 301 Wn, Rundfunktechnische Erzeugergemeinschaft G.m.b.H., 1937; Wellenbereiche: LW, MW.

„Reico Atlantis“, Max Reinhardt & Co, Berlin 1933, Wellenbereiche: LW, MW, KW.

Es ist anzunehmen, dass die Deurings die Möglichkeiten ihres Reico-Weltempfängers in ihrer Dachgeschosswohnung in der Schlageterstr. 29 entsprechend nutzten; dabei ständig in Gefahr, denunziert zu werden.

Bereits 1936 gab das Reichsjustizministerium eine Richtlinie heraus, wonach bei gemeinschaftlichem Empfang von „Radio Moskau“ grundsätzlich von „Vorbereitung zum Hochverrat“ auszugehen sei. Das „Abhören“ des sogenannten „Moskausenders“ erfülle den Straftatbestand des Hochverrats, wenn die Hörer „politisch vorbelastet“ seien und das „Abhören unter gewissen Sicherungsmaßnahmen stattfindet“. Ferner sei „nicht auszuschließen“, dass Hochverrat auch dann gegeben sei, „wenn nur die engsten Familienangehörigen sich am Abhören beteiligen, vorausgesetzt, dass sie es in der Absicht tun, sich selbst in ihrer hochverräterischen Überzeugung zu erhalten und zu stärken.“

Mit Kriegsbeginn 1939 wurde schließlich die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ erlassen, die das Hören von ausländischen, sogenannten „Feindsendern“ generell verbot und insbesondere die „Weitergabe“ von potenziell als „wehrkraftzersetzend“ beurteilten Nachrichten („Mundpropaganda“) mit mehrjährigem Zuchthaus drakonisch bestrafte, in besonders schweren Fällen sogar mit dem Tod.

Spätestens 1941 wurden Radiogeräte beim Kauf bzw. alle angemeldeten Altgeräte von politischen Leitern der NSDAP mit einem roten Warnhinweis-Schild versehen: „Denke daran. Das Abhören a u s l ä n d i s c h e r Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet.“

Vom 24. Oktober 1938 bis zum 25. Februar 1939 war Ludwig Deuring im Radolfzeller Gefängnis in Untersuchungshaft. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat, begangen durch Mundpropaganda und Zugehörigkeit zur KPD“ und wegen „Abhörens kommunistischer Sender“ wurde Ludwig Deuring mit Urteil vom 25. Februar 1939 vom Oberlandesgericht Stuttgart zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren verurteilt, die er unter Anrechnung der Untersuchungshaft bis zum 25. Juni 1940 in den Gefängnissen Ludwigsburg und Rottenburg (ab 13.11.1939) verbüßte. Bis zu seiner Entlassung musste er im Arbeitskommando Aichholzhof/Markgröningen im Steinbruch arbeiten.

Am 22. August 1944 wurde Deuring im Rahmen der sogenannten „Aktion Gitter“ von der Gestapo erneut verhaftet und kam am 23. August 1944 ins elsässische KZ Natzweiler (Häftlingsnummer 23308). Von dort wurde Deuring am 4. September 1944 in das KZ Dachau überstellt (Häftlingsnummer 98606), wo er am 24. September 1944 entlassen wurde.

Ab 31. Mai 1945 gehörte Deuring dem ersten Radolfzeller Gemeinderat der Nachkriegszeit an.

Alma und Ludwig Deuring hatten ein gemeinsames Kind, die 1937 geborene Renate Deuring (bislang nicht zu ermitteln), und lebten zur Zeit der Verfolgungsmaß­nahmen in der Schlageterstr. 29, die der heutigen Seestr. 59 entspricht.

Zu „Rundfunkverbrechen“ vgl. auch die Stolpersteine für Ernst Ludwig Kreer und Carl Diez.

Recherche: Markus Wolter
Patenschaft: Elsa Schlegel und Bodensee-Solarschifffahrt GmbH

Manuskript der Rede anlässlich der Verlegung am 28. Juni 2014

Quellen

Staatsarchiv Freiburg, Gesuch um Aufnahme in den Badischen Staatsverband: Dienstmädchen Alma Broggi aus Luvinate in Italien, Laufzeit 1922-1935, B 728/1 Nr. 8273; Staatsarchiv Freiburg, Spruchkammer Südbaden: DNZ-Akten, D 180/2 Nr. 5234; Staatsarchiv Freiburg, Landesamt für Wiedergutmachung, Außenstelle Freiburg, F 196/1 Nr. 152; Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand E 356 d V: Strafanstalt Ludwigsburg mit Zweiganstalt Hohenasperg: Gefangenenpersonalakten, Deuring, Ludwig, Delikt: Vorbereitung zum Hochverrat (1939-1940). E 356 d V Bü 2404. [Die Urteilsschrift ist nicht überliefert] Vgl. ferner: Schreibstubenkarte von Ludwig Deuring in der Datenbank des KZ Dachau; Geschäftsbücher 1934, Radiofachgeschäft Ickenroth & Borel, Privatbesitz Elsa Schlegel.

Termine

Performance "508 ... Gegen das Vergessen"

Freitag, 11.08.2017, um 14:00 Uhr am Mahnmal im ZfP Reichenau

Im Gedenken an die 1940/41 im Rahmen der NS-Euthanasie ermordeten 508 Patienten in Reichenau schuf der Konstanzer Künstler Alexander Gebauer 1988 das „Mahnmal für die Opfer der NS-Euthanasie“ auf dem Gelände des ZfP. In Verbindung mit diesem Kunstwerk findet eine bewegende Aufführung, changierend zwischen Konzert und Performance, mit Bernhard Thomas Klein (Musiker und Komponist), Christine Koch (Bildhauerin) und Andieh Merk (Musiker) statt.

Weitere Informationen und den genauen Ablauf können Sie dem angefügten Faltblatt entnehmen: Faltblatt (6,4 MB)

Bitte beachten Sie, dass die Veranstaltung bei jedem Wetter unter freiem Himmel stattfindet. Es werden einfache Sitzgelegenheiten und Pavillons als Sonnen- oder Regenschutz zur Verfügung stehen.

Der Eintritt ist frei.

Die Veranstaltung wird organisiert und durchgeführt vom ZfP Reichenau und der Reihe „Kunst belebt“ des BodenseeKulturraum e.V., unterstützt von der Kunststiftung Landkreis Konstanz.

2017/08/07 20:08 · sw · 0 Kommentare

Duft der Steine - Theaterstück von Gerhard Zahner

Regie: Waltraud Rasch

Uraufführung: 21. September 2017

weitere Aufführungen 22.,23. September 6.,7., 20.,21. Oktober

Zeit: 20 Uhr

Ort: Theater-Zeller-Kultur, Fürstenbergstrasse 7a, 78315 Radolfzell

Karten: kartenbestellung@zellerkultur.de, Tel. 07732 8233941

Alice Fleischel wollte mit ihrem Sohn Günther nach dessen Entlassung die Flucht nach Brasilien wagen, aus diesem Grund wartete sie im Frühling 1940 im Hotel Schiff in Radolfzell auf ihn. Zu diesem Zeitpunkt in ihrer Geschichte setzt unser Theaterstück ein. Hier wird „unsübersteigend“ und beklemmend das Seelenleben eines Flüchtlings aufgezeigt. Wie Alice Fleischel im Schatten der Angst, des Misstrauens und der Ungerechtigkeit auf sich allein gestellt leben muss. In Ungewissheit und Schmerz, den widrigen Umständen zum Trotz zwischen vier Wänden ausharrt. Ihr einziger Berührungspunkt zur Außenwelt und der einzige warme Lichtblick in ihrem Leben ist der Hotelier Strudel, der sie beschützt. Obwohl sie ohne festen Wohnsitz und nur auf Fremdenzettel gemeldet ist, unterlässt er es die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten. Auch als der Bürgermeister im Sommer 1940 anordnet, dass die Jüdin Stadt und Hotel zu verlassen habe, gewährt ihr Strudel weiter Obdach und riskiert dabei sein eigenes Leben.

2017/07/18 19:08 · sw · 0 Kommentare

"Täter, Helfer, Trittbrettfahrer", NS-Belastete aus Südbaden - Buchvorstellung/Vortrag zu Dr. Conrad Gröber (1872-1948), Münsterpfarrer von Konstanz, Erzbischof von Freiburg, förderndes Mitglied der SS.

Vortrag von Dr. Wolfgang Proske:

„Dr. Conrad Gröber: 'Deutschehrlich' und 'überreiche Register im Orgelwerk seiner Seele…'

Veranstalter: seemoz e.V.

Veranstaltungsort: Treffpunkt Petershausen, Georg-Elser-Platz 1, 78467 Konstanz

Datum: Dienstag, 4. April 2017

Beginn: 19.30 Uhr

Dr. Conrad Gröber: „Constantia. Das Konstanzer Lied“. Zeitgenössische Kunstkarte (Linolschnitt v. August Krumm, der das Lied auch vertonte), gelaufen 1938. Sammlung Markus Wolter

Ankündigung im seemoz

Zur Buchreihe:

http://ns-belastete.de/index.html

2017/03/09 13:37 · Markus Wolter

Politischer Widerstand in Konstanz während des Nationalsozialismus

Vortrag von Dr. Uwe Brügmann am 27. Januar 2017 um 19:30 Uhr im Astoria-Saal der vhs Konstanz. Eine Veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Es waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, die in vielfältiger Form Widerstand leisteten; Widerstand aus der bürgerlichen Mitte (Zentrumspartei) ist in Konstanz bislang nicht belegt. Zum Widerstand gehörte der Schmuggel von politischen Broschüren aus der Schweiz nach Deutschland, Sabotage in Betrieben, Fluchthilfe in die Schweiz, kommunistische Propaganda, Abhören von ausländischen Sendern und, weit verbreitet, Schimpfen über die politischen Verhältnisse und nationalsozialistische Funktionsträger. Auch die religiös motivierte Weigerung der Zeugen Jehovas, sich den nationalsozialistischen Machthabern unterzuordnen, war politischer Widerstand, denn wer den Hitlergruß und den Wehrdienst verweigerte, opponierte offen und für jedermann sichtbar gegen das NS-Regime. Das totalitäre NS-Regime ging gegen die Konstanzer Frauen und Männer, die den Mut zum Widerstand hatten, mit äußerster Härte vor; einige von ihnen wurden durch Sondergerichte zum Tod verurteilt, viele andere wurden zu langjährigen Haftstrafen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern verurteilt.

Der Vortrag beleuchtet die verschiedenen Formen des politischen Widerstands in Konstanz, untersucht die Motive der Akteure und die Rolle der verbotenen SPD und KPD, vor allem aber soll an die Einzelschicksale jener Menschen erinnern werden, die in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus den Mut hatten, Widerstand gegen ein unmenschliches System leisteten.

Veranstalter: Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz“, Kulturbüro der Stadt Konstanz, vhs Konstanz-Singen e.V.

2016/12/15 23:12 · sw · 0 Kommentare

Hesse-Museum Gaienhofen: Szenische Lesung, Buchvorstellung und Vortrag über den NS-Aktivisten, Arzt und Schriftsteller Dr. Ludwig Finckh (1876-1964)

Ludwig Finckh mit Stabsoffizieren der Waffen-SS aus Radolfzell, Posen-Treskau und Lauenburg/Pommern bei einem Ortstermin in Gaienhofen, „Auf Heiden“, August 1943. Fotografie: Stadtarchiv Reutlingen.

Im Anschluss an die szenische Lesung des Bühnenstücks „Sonnwend“ von Gerhard Zahner - Vortragender Jo Vossenkuhl und Haro von Eden (Klarinette) - wird Dr. Wolfgang Proske den 2016 erschienenen Band "NS-Belastete aus dem Bodenseeraum" aus der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ vorstellen.

Markus Wolter, einer der Buchautoren, spricht zum Thema seines Aufsatzes: “'Blutsbewusstsein' - Dr. Ludwig Finckh und die SS“.

Ort: Hesse-Museum Gaienhofen

Datum: 18. November 2016

Zeit: 19.00 Uhr

Veranstalter: Hesse-Museum Gaienhofen

2016/11/12 13:24 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
stolpersteine/alma_und_ludwig_deuring.txt · Zuletzt geändert: 2017/08/07 21:58 von mw
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