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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Anna Maria Ronkat (1904-1940)

Von Anna Maria Ronkat war in den privaten Überlieferungen der Familie fast nichts bekannt. Auf Grundlage archivalisch überlieferter Dokumente ließ sich ihr Leben zumindest in Umrissen rekonstruieren.

Annas Vater, Ferdinand Ronkat (1873-1920), war Österreicher und kam Anfang des vorigen Jahrhunderts aus Tirol nach Radolfzell, wo er als Eisendreher Arbeit fand. Er heiratete die gleichaltrige, aus Radolfzell stammende Maria Ehrenbach (1873-1910). Anna, die am 27. März 1904 in Radolfzell geboren wurde, war das erste Kind aus dieser Ehe; am 28. Dezember 1906 kam mit Sohn Karl Ferdinand das zweite Kind zur Welt.


Die einzige überlieferte Fotografie von Anna Ronkat; die Familie um 1916: Anna und ihr Bruder Karl zwischen Stiefmutter Maria Philomena und Vater Ferdinand Ronkat, rechts deren gemeinsamer Sohn Rudolf. Privatbesitz Heinz Ronkat.

Annas Mutter starb nach kurzer Krankheit bereits 1910; im selben Jahr wurde Anna in Radolfzell eingeschult. Sie besuchte die Volksschule bis zum Abschluss 1919 und arbeitete danach kurze Zeit als Fabrikarbeiterin. Ihr Vater, der 1911 wieder geheiratet hatte, lebte in diesen Jahren mit seiner Frau Maria Philomena Model (geb. 1881) und den Kindern Anna, Karl, Rudolf (geb. 1911) und Walter (geb. 1919) in einer kleinen Wohnung in der Ratoldusstr. 37. Die Fotografie zeigt Ferdinand Ronkat in der Uniform der österreichisch-ungarischen Armee; als Heeressoldat im Ersten Weltkrieg hat er seine Familie in Radolfzell vermutlich nur selten gesehen. Als er 1920 starb, verließ die klein gewachsene Anna Ronkat, 16-jährig zur Vollwaise geworden, das Elternhaus und zog zuerst nach Konstanz, dann in die Schweiz (Zürich, Ermatingen, Schaffhausen), wo sie als Dienstmädchen in wechselnden Stellungen arbeitete. Um das Jahr 1929 konvertierte sie zum evangelischen Glauben.

In der Schweiz soll es bei Anna Ronkat bereits 1927 zum schleichenden Beginn einer psychischen Erkrankung gekommen sein. Wegen „psychischer Auffälligkeit“ wies man sie im Januar 1931 in die 'Kantonale Irrenanstalt Breitenau' in Schaffhausen ein; die dortige Diagnose lautete auf 'Hebephrenie'. Von Schaffhausen verlegte man sie am 10. Juni 1931 in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau und von dort am 29. Dezember 1931 mit der Diagnose Schizophrenie in die Kreispflegeanstalt nach Geisingen, wo sie über fünf Jahre in stationärer Behandlung blieb.

Kreispflegeanstalt Geisingen, Zimmer im Frauenhaus, zeitgenossisches Kartenleporello. Sammlung Markus Wolter


Die "Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz" (Reichenau). Luftbild, Luftverkehr Strähle, 1926. Sammlung Markus Wolter

Nachweislich am 3. April 1937 kam die damals 33-Jährige zurück in die Heilanstalt Reichenau, die Ende 1937 als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet wurde. Der klinische Direktor, Dr. Arthur Kuhn, beantragte beim Erbgesundheitsgericht Konstanz Anna Ronkats „Unfruchtbarmachung“ auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Am 16. Februar 1938 wurde Anna Ronkat nach entsprechendem Beschluss des Gerichts in der Städtischen Frauenklinik Konstanz „wegen Schizophrenie“ von Dr. Kurt Welsch zwangssterilisiert. Der Operationstermin der entmündigten, „unruhigen“ Patientin war 1937 noch mehrmals ausgesetzt worden, da Anna Ronkats psychische Verfassung und Gegenwehr den Eingriff nicht zuließen.


Amtlicher Kommentar zum ersten Gesetz der NS-Rassenhygiene: Arthur Gütt / Ernst Rüdin / Falk Ruttke: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933. München 1934.


Dauerbad und feuchte Einpackung: Reichenauer Therapieversuche in der Abteilung FU ("Frauen unruhig"). Undatierte Fotografie (um 1925), Archiv des ZfP Reichenau.

Nach weiteren eineinhalb Jahren als Patientin der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau wurde Anna Ronkat für die geplante NS-„Euthanasie“-„Aktion T4“ erfasst. Anstaltsdirektor Kuhn schickte im Oktober und November 1939 die gewünschten Meldebögen von insgesamt 596 Patient/innen an die Planungszentrale in Berlin, Tiergartenstr. 4; dort entschieden „T4“-Gutachter nach flüchtiger Akteneinsicht über den „Lebens(un)wert“ von zehntausenden psychisch kranker und geistig behinderter Menschen. Auch Anna Ronkat sollte sterben. Die Reichenauer Anstalt bereitete die „Verlegung“ der Patientin vor und listete in einem Fahrnisverzeichnis die wenigen Habseligkeiten auf, „die der Ronkat bei ihrer Entlassung(!) am 27.6.1940 mitzugeben“ seien:

Büstenhalter: 1 / Hüte: 1 / Taschentücher: 4 / Strümpfe: 3 / Schuhe: 1 / Hosen: 2 / Mäntel: 1 / Jacken: 1 / Korsett, Strumpfhalter: 1. || Geld und Wertsachen / sonstige Gegenstände: nicht vorhanden

Anna Ronkat wurde am 27. Juni 1940 „im Zuge planwirtschaftlicher Maßnahmen“ - so die Sprachregelung der „T4“-Täter - mit 74 weiteren Reichenauer Patientinnen („Frauen M-Z“) in drei „grauen Bussen“ in die Tötungsanstalt Grafeneck „verlegt“, wo alle noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet und anonym eingeäschert wurden. Die auffälligen, bei ihren Fahrten durch die Städte und Dörfer beobachteten Reichspost-Busse mit den getünchten Fenstern fuhren von Reichenau über Radolfzell nach Grafeneck. Fahrtroute: Reichenau - Radolfzell - Stockach - Meßkirch - Sigmaringen - Gammertingen - Engstingen - Gomadingen - Marbach - Grafeneck (Entfernung lt. Straßenatlas von 1940 über „Reichs“- „Haupt-“ und „Sonstige gute Straßen“: ca. 140 km; Fahrzeit: ca. 2,5 - 3 Stunden).

"Das Schreien gellt mir noch heute in den Ohren!" - Der Frauentransport ("M-Z") am 27. Juni 1940, Reichenau-Grafeneck

Die Angehörigen in Radolfzell, die noch zu Weihnachten 1940 von der Reichenauer Anstalt vergeblich Auskunft über Anna Ronkats Aufenthaltsort zu erlangen suchten, bekamen aus Grafeneck vermutlich erst Monate später die Todesnachricht (sog. „Trostbrief“) und die standesamtliche Sterbeurkunde zugeschickt; jeweils mit der fingierten Angabe einer natürlichen Todesursache und mit einem gefälschten Todesdatum. Die Todesnachricht ist bei Anna Ronkat nicht überliefert. Das zu Tarnzwecken eingerichtete Sonderstandesamt Grafeneck gab nachweislich der gefälschten Sterbeurkunde als Todestag den 21.7.1940 an. Der entsprechende Hinweis des Standesamtes Radolfzell findet sich im Geburtenregistereintrag. Wo Anna Ronkats sterbliche Überreste beseitigt wurden, ist nicht bekannt. Auf dem Städtischen Friedhof Radolfzell kam es 1940 oder später zu keiner Urnenbestattung auf ihren Namen.


Stolperstein für Anna Maria Ronkat, Ratoldusstr. 37, Radolfzell, verlegt am 11. September 2015.

Die Gedenkstätte Grafeneck führt Anna Ronkat im Namens- und Gedenkbuch unter den 10.654 Menschen, die in Grafeneck 1940 als sogenanntes „lebensunwertes Leben“ ermordet wurden.

Siehe auch: Gedenkort T4. Virtuelles Mahnmal - Biografien der Opfer: Anna Maria Ronkat.

Die letzten Angehörigen der Familie Ronkat sind Heinz Ronkat (1935-2018), der Sohn von Rudolf Ronkat (1911-1972), und seine Frau Brunhilde, beide in Radolfzell.

Recherche: Markus Wolter
Patenschaft: Heinz Ronkat, der am 6. Februar 2018 in Radolfzell starb.

Brunhilde Ronkat (links) und Heinz Ronkat beim Besuch der Gedenkstätte Grafeneck, Gedenkbuch, 2015. Fotografie: Stefan Winkler.

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Quellen:

Krankenakte, Heil- und Pflegeanstalt Reichenau (Aktendeckel mit Fahrnisverzeichnis, Meldung der „Verlegung“ an den Kostenträger, Briefwechsel mit den Angehörigen), Staatsarchiv Freiburg, StAF B 822/3, Nr. 435; Patientenakte (Aufnahme, Diagnostik, Krankengeschichte u.a.), BArch Berlin, Bestand R179; Sammlung Faulstich, ZfP Reichenau, Roland Didra; Gesundheitsamt Konstanz, Einzelfallakten zu Zwangsunfruchtbarmachungen (sog. „Erbgesundheitsakten“), StAF B 898/1 Nr. 915; teils Doppelüberlieferung in vgl.: Erbgesundheitsgericht Konstanz, Sterilisationsverfahren - Einzelfälle, StAF B 132/1 Nr. 877; Geburtenregister-Eintrag Anna Maria Ronkat, Stadtarchiv Radolfzell (StAR); Einwohnermeldekarte Ronkat, StAR; ferner: Eintrag im Gedenkbuch der Gedenkstätte Grafeneck. Zum Transport am 27. Juni 1940 von Reichenau nach Grafeneck vgl.: Faulstich, Heinz: Von der Irrenfürsorge zur „Euthanasie“. Geschichte der badischen Psychiatrie bis 1945. Freiburg, 1993, S. 235 f.; S. 261.

Termine

Der Reichspogrom 1938 am westlichen Bodensee - Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Klöckler in Radolfzell

Der 9. November 1938 im westlichen Bodenseeraum: Opfer – Täter – Zuschauer“

Vortrag in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Radolfzell und des Arbeitskreises „Erinnerung“

„Kaum ein anderes Datum der deutschen Geschichte ist so aufgeladen wie der 9. November 1938. Aus der Perspektive von Opfern und Tätern, aber auch der zahlreichen Zuschauer, sollen die Ereignisse in Radolfzell, auf der Höri sowie im westlichen Bodenseeraum rekonstruiert und in das allgemeine Verfolgungsgeschehen im Deutschen Reich eingebettet werden. Die entscheidende Rolle bei der Zerstörung der Synagogen in Wangen, Gailingen und Randegg kam der in Radolfzell stationierten SS zu. Mit Ekrasit sprengte sie unter der Verantwortung von SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen auch die Konstanzer Synagoge.“ (www.radolfzell.de)

Referent: Prof. Dr. Jürgen Klöckler, Stadtarchiv/Universität Konstanz

Ort: Stadtbibliothek Radolfzell

Zeit: Freitag, 8. November 2019, 19.30 Uhr

2019/11/07 12:56 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Verlegung des Stolpersteins für Karl Teufel

Zum Ersatz des vor rund einem Jahr im Zuge von Straßenbauarbeiten fahrlässig beseitigten und verloren gegangenen Stolpersteins für Karl Teufel wird am 28. Oktober 2019, 16.30 Uhr, in der Konstanzer Str. 30/1 ein von Gunter Demnig neu gefertigtes Exemplar verlegt.

2019/10/28 12:33 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Zum mahnenden Gedenken an die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden nach Gurs im Jahr 1940

Verzeichnis der am 22. Oktober 1940 aus Baden in das Internierunglager Gurs deportierten Juden, Badische Landesbibliothek Karlsruhe.

Aus Baden deportierte Frauen vor ihren Baracken. Camp de Gurs, 1940

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Gedenkstättenort Radolfzell:

Gedenkstätte ehemalige SS-Kaserne Radolfzell, Informationstafel u.a. zur Rolle der Radolfzeller SS bei der „Wagner-Bürckel-Aktion“ 1940

Gurs-Mahnmal (Projekt Neckarzimmern) / Stolperstein Alice Fleischel, Seetorplatz

2019/10/21 23:02 · Markus Wolter · 0 Kommentare

In memoriam Oldřich Sedláček (1919–1949) und Leonhard Oesterle (1916–2009)

Dachauer Schreibstubenkarte. Arolsen Archives, Digitales Archiv.

Anlässlich des 100. Geburtstages von Oldřich Sedláček am 15. September 2019 lädt die Initiative Stolpersteine Radolfzell zu einer Gedenk- und Informationsveranstaltung ein:

„Geführte Radtour zu Stationen der KZ-Häftlinge in Radolfzell“

In Erinnerung an Oldrich Sedlacek und Leonhard Oesterle (1916-2009), denen am 15. November 1943 die Flucht aus dem Dachauer KZ-Außenkommando Radolfzell über den Bodensee in die Schweiz gelang.

Zeit: Sonntag, 15.09.2019 – 15 bis 17 Uhr

Treffpunkt: Gurs-Gedenkstein, Seetorplatz, Radolfzell


Von Jiří Sedláček, dem Sohn von Oldrich Sedláček, erreichte uns die folgende Grußbotschaft aus Kladno, Tschechische Republik:

Dears, I am sending you my heartiest greetings, to Markus Wolter, to his friends and to everybody who will take part in this commemoration for Leonhard Oesterle and my father, Oldřich Sedláček. I feel sorrow not to come and meet you in person, but my health is not allowing me to travel so long way. I will be with you in my mind, My best regards,

Jiří Sedláček

2019/09/02 08:44 · Markus Wolter · 2 Kommentare

Täter-Helfer-Trittbrettfahrer: Prof. Dr. Eugen Fischer (1874-1967)

Eugen Fischer: Der völkische Staat, biologisch gesehen. Berlin 1933. Fotografie: Wikipedia

Vortrag:

Dr. Wolfgang Proske (Hrsg.) / Markus Wolter:

Prof. Dr. Eugen Fischer (1874–1967). Die Freiburger Schule des Rassenwahns

Zeit und Ort:

Dienstag, 28. Mai, 20 Uhr, HS 1009 (Uni Freiburg KGI)

Veranstaltet vom Referat gegen Antisemitismus, Studierendenrat der Universität Freiburg, in Kooperation mit der Fachschaft Geschichte und der Fachschaft Medizin.

https://www.stura.uni-freiburg.de/gremien/referate/gegenantisemitismus

http://www.ns-belastete.de/band_9.html

2019/05/15 16:43 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
stolpersteine/anna_ronkat.txt · Zuletzt geändert: 2019/04/04 10:17 von mw
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