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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Berta Welschinger (1902-1940) und Elisabeth Welschinger (1931-1940)

Berta Welschinger, undatierte Fotografie, um 1930. Privatbesitz Gottfried Blum.

Die am 1. Juni 1902 in Markelfingen geborene Berta Welschinger war das zweite von drei Kindern des Landwirts Titus Welschinger (1873-1949) und dessen erster Frau Luise Welschinger, geborene Huber (1874-1.6.1906). Berta, ihre ältere Schwester Karoline (Lina) und der 1904 geborene Stefan Welschinger wuchsen im Elternhaus in der Unterdorfstr. 9 in Markelfingen auf. An Bertas 4. Geburtstag 1906 starb Luise Welschinger an Lungentuberkulose.

Berta besuchte zwischen 1908 und 1916 die Volksschule und arbeitete seit 1928 als Näherin und Dienstmädchen in verschiedenen Stellungen in Konstanz. Lt. Einwohnermeldekarte änderte sich ihre Konstanzer Arbeitsadresse zwischen 1928 und 1930 mehrfach; zuletzt war sie ab 29.10.1930 in der Hussenstr. 53 in Konstanz gemeldet. Als Hochschwangere kam sie am 7. Januar 1931 in das Wöchnerinnenheim, Friedrichstr. 21.

Bald nach der Geburt ihrer unehelichen Tochter Elisabeth Berta am 15. Januar 1931 muss es bei Berta Welschinger zum Ausbruch einer akuten psychischen Erkrankung gekommen sein; vermutlich handelte es sich um eine durch die Entbindung ausgelöste Psychose. Berta Welschinger wurde am 26. Januar 1931 zusammen mit dem neugeborenen Kind im Erholungs- und Kinderheim Nazareth, Säntisstr. 4, aufgenommen. Der im Staatsarchiv Freiburg überlieferten Kranken- und „Erbgesundheitsakte“ ist zu entnehmen, dass Berta Welschinger bereits am 20. Februar 1931 von dort in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau eingewiesen wurde, Aufnahmediagnose: Schizophrenie. Auch auf eine angebliche, zurückliegende luetische Infektion wurde die klein gewachsene Frau untersucht; ohne eindeutigen Befund.

Ihre vom Jugendamt Konstanz später als „geistesschwach“ bezeichnete Tochter Elisabeth blieb im Konstanzer Kinderheim Nazareth zurück und kam im Alter von acht Monaten am 13.10.1931 in das gleichnamige Waisenhaus Nazareth in Sigmaringen, bevor sie am 14.3.1935 in die St. Josefs-Anstalt Herten eingewiesen wurde.

Kindergruppe mit Kreuzschwestern, Waisenhaus Nazareth, Sigmaringen. Zeitgenössische Fotografie, um 1930. Fotografien: Archiv Haus Nazareth, Sigmaringen.

In allen drei genannten Heimen waren Kreuzschwestern aus Hegne für die Betreuung der Pfleglinge zuständig. Da Elisabeths Mutter als „geisteskrank“ galt und ihr leiblicher Vater, der Bahnarbeiter Wilhelm Degen aus Wollmatingen, für sie nicht aufkommen konnte oder wollte, war vom Amtsgericht Konstanz die Amtsvormundschaft des Stadtjugendamts veranlasst worden.

Den Sigmaringer Akten ist zu entnehmen, dass Elisabeths Tante, Karoline Welschinger, starken Anteil am Verbleib und Schicksal der kleinen Elisabeth nahm und sie unterstützte. So schickte sie 1931 und 1932 u.a. mehrfach Kleiderpakete in das Waisenhaus, erkundigte sich regelmäßig nach Elisabeths Wohlergehen und verlangte ausdrücklich die jeweilige Rückmeldung und Bestätigung der Heimleitung. Bei einem veranschlagten Pflegesatz von nur 1 Reichsmark pro Tag waren solche Zuwendungen bitter nötig. Auf Wunsch ihrer Tante wurde von der Heimleitung eine Fotografie Elisabeths angefertigt, die allerdings nicht überliefert ist.

Wenige Tage nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, Elisabeth war zwei Jahre alt geworden, schrieb die Waisenhausoberin am 3. Februar 1933 an das Jugendamt Konstanz von einer für das weitere Schicksal des kleinen Mädchens verhängnisvollen „Beobachtung“ der betreuenden Schwester, wonach „dieses Kind Elisabeth Welschinger mit fortschreitender Entwicklung immer mehr seine Unnormalität verrät.“ Dies veranlasste den Amtsvormund, Elisabeth zum 14. März 1935 nach Herten zu verlegen; diagnostiziert wurde sie nun auf „angeborenen Schwachsinn“.1)

Berta Welschinger: „Meine Augen sind wundervoll; es schauen u. fliegen lauter Engele heraus. Diese darf man mir ja nicht rauben“ - Zwangssterilisation 1934

Während Elisabeth ihre ersten Lebensjahre in Sigmaringen verbrachte, erfolgte am 17. Januar 1933 die Verlegung Berta Welschingers in die Kreispflegeanstalt Geisingen. Der dortige Anstaltsarzt Dr. Wilhelm Steiger beantragte ein Jahr später beim Erbgesundheitsgericht Donaueschingen die „Unfruchtbarmachung“ der jungen Mutter aufgrund der §§ 1-3 des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses".

Kreispflegeanstalt Geisingen, Zimmer im Frauenhaus. Zeitgenössisches Karten-Leporello.

Der entsprechende Beschluss des Erbgesundheitsgerichts Donaueschingen erging am 11. April 1934. Berta Welschinger legte innerhalb der vierwöchigen Widerspruchsfrist mit einem eindrücklichen Brief an die „Amtsherren“ Beschwerde ein. Es ist das einzige Dokument in den Akten über sie, in dem sie selbst zu Wort kommt:

Geisingen, den 22 April 1934.
Sehr geehrte Amtsherren!
Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Das Schreiben erhalten. Nach meiner Gesinnung finde ich die Unfruchtbarmachung für höchst ungerecht. Alles Vergangene war sehr verdrießlich, möchte nun wissen, was man mit uns noch alles anfangen will. Wegen dem Kindersegen braucht man sich doch nicht unfruchtbar machen lassen. Alle fruchtbaren Mütter sind von Gott bestimmt in den Kindergarten. Wer will denn uns verdammen, verstoßen oder hassen wegen dem Kindersegen, das schönste und höchste Glück auf Erden. Traurig ist es, dass man uns Mütter einfach in eine Anstalt steckt und die Kinder einfach weggenommen werden. [Nachtrag: Schicken Sie mich bald heim. Gedenken Sie unserer unglücklichen Angehörigen. Gedenken Sie ebenfalls der armen Kinder auf dem Geisingerberg.] Gottes Wille ist, daß eine jede Mutter ihr Kind auf den Armen trägt. Aus dem Schreiben habe ich gesehen, betreffs dem Gutachten der Heil- und Pflege Geisingen, sie wollen mich noch beschränkt machen. In manchen Fällen kann ich noch ganz gut arbeiten. Würde mich ganz gerne in eine Bügelstube setzen, womöglich eine Stellung, in welcher man den Zahltag mitbringen muss. Wenn das so weiter geht, dann besitze ich bald kein eigenes Hemd. Sollten diese mich beschränkt machen, so will ich Sie darauf aufmerksam machen wegen dem Selbstversorgen; habe überhaupt vorher keine Anstalt und keine Fürsorge nötig gehabt. Bin von Menschen mit böser Absicht beschädigt worden und soll jetzt noch darunter leiden. Meine Augen sind wundervoll; es schauen u. fliegen lauter Engele heraus. [Sie würden sich wundern.] Diese darf man mir ja nicht rauben. Lass mich nicht unfruchtbar machen. Eine Isolierung oder eine Reinigung wäre sehr gut, wenn es gemacht würde.
Viele Grüße sendet Ihnen Berta Welschinger.

Arthur Gütt / Ernst Rüdin / Falk Ruttke: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933. München 1934.

Der Fall kam daraufhin vor das „Erbgesundheitsobergericht“ in Karlsruhe, das die „Beschwerdeführerin“ allerdings wegen angeblich medizinisch „eindeutig“ nachgewiesener Schizophrenie, resp. „Erbkrankheit“ im Sinne des Gesetzes umgehend abwies und den Donaueschinger Beschluss für rechtskräftig erklärte. Aus der Karlsruher Begründung vom 25. Mai 1940:

„Die Beschwerdeführerin muss den kleinen unschädlichen Eingriff, den das Gesetz im Interesse der Volksgesundheit ihr auferlegt, auf sich nehmen als Pflicht, die sie als Volksgenossin gegenüber der Gesamtheit hat, um weiteres Unheil zu verhüten, das aus ihrer krankhaften Anlage für etwaige Nachkommenschaft entstehen könnte.“

Am 21. Juni 1934 wurde die 32-jährige Frau in die Heilanstalt Reichenau zurückverlegt und am 28. Juni 1934 in der Krankenanstalt Donaueschingen zwangssterilisiert. Das Kreiswohlfahrtsamt Konstanz legte die unterste Verpflegungsklasse für Berta Welschinger fest.

„Verlegung“ und Ermordung in Grafeneck

Ein auf den 27. Juni 1940 datiertes Informationsblatt der Reichenauer Anstalt an den „Kostenträger“ belegt Berta Welschingers angebliche „Verlegung“ („Entlassung“) nach „Zwiefalten“ an diesem Tag; tatsächlich handelte es sich bei der „aufnehmenden Anstalt“ um Grafeneck. Angegebene Abfahrtszeit der Busse auf dem Anstaltsgelände: 9.00 morgens. Den Grund der „Verlegung“ formulierte die Anstalt auf einem weiteren Schreiben verklausuliert und in der Tarnsprache der für die „Aktion T4“ Verantwortlichen.Das Schreiben an das Kreiswohlfahrtsamt Konstanz, datiert ebenfalls vom 27. Juni 1940 und trägt die Betreffszeile: „Verlegung von Anstaltsinsassen im Rahmen besonderer planwirtschaftlicher Maßnahmen“. Berta Welschinger „wurde heute auf höhere Weisung in eine andere Anstalt verlegt. Von der aufnehmenden Anstalt wird ihnen Nachricht gegeben werden, wohin die Verpfl.Kosten ab 17.6.1940 zu zahlen sind“. Offensichtlich verwendete man von Seiten der Anstalt dabei irrtümlicherweise nochmals das Formblatt mit dem Datum des ersten Abstransports der Reichenauer Patientinnen zehn Tage zuvor. Die fingierte Verlegung nach Zwiefalten diente ohnehin nur als Tarnmanöver, um den Angehörigen die Nachforschungen nach Berta Welschinger zu erschweren, wenn nicht ganz unmöglich zu machen.

Berta Welschinger gehörte, zusammen mit Anna Maria Ronkat, zu jenen 75 Patientinnen („Frauen M-Z“), die am 27. Juni 1940 ohne „Zwischenanstalt“ direkt von Reichenau in die als „Landesheilanstalt“ Grafeneck“ bezeichnete Tötungsanstalt Grafeneck transportiert und dort noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet und anonym eingeäschert wurden. Die auffälligen, bei ihren Fahrten durch die Städte und Dörfer beobachteten Reichspost-Busse mit den weiß getünchten Fenstern fuhren von Reichenau über Markelfingen in das etwa 140 km entfernte Grafeneck.

"Das Schreien gellt mir noch heute in den Ohren!" - Der Frauentransport ("M-Z") am 27. Juni 1940, Reichenau-Grafeneck.

Auf den 19. Juli 1940 datieren die (nicht überlieferte) Todesnachricht („Trostbrief“) und zwei Sterbeurkunden des Sonderstandesamtes Grafeneck, mit der die Angehörigen in Markelfingen unvermittelt über den Tod Berta Welschingers in der „Landesheilanstalt Grafeneck“ informiert wurden; das fingierte Todesdatum findet sich entsprechend auch auf der Vormundschaftskarte ihrer Tocher Elisabeth (siehe unten).

Der Erinnerung von Angehörigen zufolge wurde auch eine Urne mit der angeblichen Asche Berta Welschingers nach Markelfingen übersandt und auf dem dortigen Friedhof bestattet; wann dies geschah, ist nicht bekannt.

„Mündel stirbt im gleichen Jahr“ - Elisabeth Welschinger: Herten-Emmendingen-Grafeneck

Die Angaben zu Elisabeth Welschingers Tod in den wenigen, überlieferten Dokumenten sind ebenfalls Fälschungen der verantwortlichen Sonderstandesämter und belegen einen „Aktentausch“ unter den Tötungsanstalten. Die (nicht überlieferte) Todesnachricht und zwei Sterbeurkunden wurden den Angehörigen Elisabeths nicht aus Grafeneck, sondern aus der als „Landesheilanstalt“ bezeichneten Tötungsanstalt Brandenburg a.d. Havel zugeschickt. Die Beurkundung eines falschen Todesortes und Todesdatums diente der systematischen Verschleierung der wahren Umstände, Daten und Orte der Morde und machte die Nachforschungen der Angehörigen nahezu unmöglich. Entsprechend finden sich im standesamtlichen Geburtenregistereintrag (Standesamt Konstanz, Nr. 25, vom 16.1.1931) und auf der Vormundschafts-Karteikarte Elisabeth Welschinger (Zentralkartei des Sozial- und Jugendamts Konstanz, Stadtarchiv Konstanz) als Todesdatum der „5. September 1940“ und als Todesort „Brandenburg, Havel“ angegeben.

Vgl.: Geburtenregistereintrag, Standesamt Konstanz, zu Elisabeth Berta Welschinger, mit den falschen Angaben zu Todesdatum und Todesort

Vgl.: Karteikarte des „Mündels“ Elisabeth Welschinger, Zentralkartei Sozial- und Jugendamt Konstanz

Tatsächlich gehörte Elisabeth am 26. Juli 1940 zu einer Gruppe von 70 Mädchen und jungen Frauen (das jüngste Mädchen war 5 Jahre alt), die an diesem Tag mit dem ersten Transport der „grauen Busse“ von Herten in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen gebracht wurde. Emmendingen fungierte dabei als „Zwischenanstalt“, um den Transportweg zu verschleiern. Dem Hertener Anstaltsdirektor Vomstein und Schwester Oberin Reginalda, die Tage später das Klinikum besuchten, sollte damit suggeriert werden, dass es sich bei diesem ersten Hertener Transport um eine gewöhnliche „Verlegung“ handle und den 70 Frauen und Mädchen keine Gefahr drohe.

Der Transport vom 26. Juli 1940: "Zum Abholen gerichtet"

"Denkmal der Grauen Busse" - Zentrum für Psychiatrie Emmendingen 2019/2020

Die 70 Patientinnen aus Herten wurden bereits am 21.8.1940 von einem weiteren „Gekrat“-Transport in Emmendingen abgeholt und nach Grafeneck „verlegt“. Lt. überliefertem Entlassungsbuch der Heilanstalt Emmendingen wurde Elisabeth mit der Abgangsdiagnose „Idiotie“ „ungeheilt entlassen“, Ortsangabe (Tarnbezeichnung): “Planwirtschaftliche Verlegung“. Noch am selben Tag hat man sie in der Gaskammer von Grafeneck ermordet und anonym eingeäschert; an jenem Ort, an dem auch das Leben ihrer Mutter Berta Welschinger, zwei Monate zuvor, endete.

„Obengenannte wurde am 21. August 1940 in eine mir unbekannte Reichsanstalt verlegt. Seitdem habe ich nicht mehr von ihr gehört. Gez. Dr. Victor Mathes.“2)

Stolpersteine für Berta und Elisabeth Welschinger, Unterdorfstr. 9, Markelfingen, verlegt am 2. Juli 2016

In der Familie erzählte man sich zwar, dass Berta Welschinger vor Einweisung in die Reichenauer Anstalt 1931 ein Kind entbunden habe; dessen Name und weiteres Schicksal waren den heute lebenden Angehörigen jedoch nicht mehr bekannt gewesen.

Die Gedenkstätte Grafeneck führt Berta und Elisabeth Welschinger im Namens- und Gedenkbuch unter den 10.654 Menschen, die in Grafeneck 1940 als sogenanntes „lebensunwertes Leben“ ermordet wurden.

Fotografie: Stefan Winkler.

Lebende Angehörige: Werner Welschinger, Sohn von Stefan Welschinger, Markelfingen; Gottfried Blum, Markelfingen, Sohn von Bertas Halbschwester Paula Welschinger.

Steinpatenschaft: Gottfried Blum, Markelfingen.
Recherche: Markus Wolter.

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Quellen: Krankenakte Berta Welschinger, Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, Staatsarchiv Freiburg, StAF B822/3, Nr. 282; Bundesarchiv Berlin, Bestand R179; „Erbgesundheitsakten“ Berta Welschinger, Gesundheitsamt Villingen, Erbgesundheitsgericht beim Amtsgericht Donaueschingen, StAF G 1182/2 Nrn. 1059 und 1060; Transportliste Reichenau vom 27.6.1940, Sammlung Faulstich, ZfP Reichenau, Roland Didra; Geburtenregister-Eintrag Elisabeth Welschinger, Standesamt Konstanz; Zentralkartei Sozial- und Jugendamt Konstanz, Karteikarte Elisabeth Berta Welschinger; Einwohnermeldekarte Berta Welschinger, Stadtarchiv Konstanz; Staatsanwaltschaft Freiburg/(1938-) 1945-1994 Ermittlungsakten in Strafverfahren; Dr. Arthur Schreck, Medizinalrat, Pfullendorf Dr. Ludwig Sprauer, Heidelberg wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit (Euthanasie) / 1940-1947, darin: Ermittlungsheft St. Josefsanstalt Herten, StAF 176/1,761; Akte Elisabeth Welschinger, Archiv Waisenhaus Nazareth, Sigmaringen; Austrittsliste St. Josefs-Anstalt Herten; Zentrum für Psychiatrie Emmendingen: Karteikarte Elisabeth Welschinger und Eintrag im Entlassungsbuch der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, 21.8.1940. Zum Transport am 27. Juni 1940 von Reichenau nach Grafeneck vgl.: Faulstich, Heinz: Von der Irrenfürsorge zur „Euthanasie“. Geschichte der badischen Psychiatrie bis 1945. Freiburg, 1993, S. 234 f.; 261; zum Transport vom 26.7.1940 von Herten nach Emmendingen bzw. vom 21.8.1940 von Emmendingen nach Grafeneck vgl.: Richter, Gabriel (Hrsg.): Die Fahrt ins Graue(n). Die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen 1933-1945 und danach. Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage, Emmendingen 2005, S. 84-86.


1) Vgl. Staatsanwaltschaft Freiburg/(1938-) 1945-1994 Ermittlungsakten in Strafverfahren; Dr. Arthur Schreck, Medizinalrat, Pfullendorf Dr. Ludwig Sprauer, Heidelberg wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit (Euthanasie) / 1940-1947, darin: Ermittlungsheft St. Josefsanstalt Herten, StAF 176/1,761.
2) Der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen in einem Schreiben vom 3.3.1941 an den „Herrn Oberbürgermeister von Konstanz“, betr.: „Vormundschaft über Elisabeth Berta Welschinger“; Vgl. StAF F 176/1 Nr. 761.

Termine

4. Stolperstein-Verlegung in Radolfzell, 24. September 2020

Am 24. September des Gedenkjahres - 80 Jahre „Euthanasie“-„Aktion T4“ - kommt es zur Verlegung von fünf weiteren Stolpersteinen im Stadtgebiet von Radolfzell. Sie gelten Josefa Trost, geb. Klaus, Opfer der „Euthanasie“-„Aktion T4“ 1940, sowie Hermine Bauer und den Geschwistern Josefine Fetzer, Anna Fetzer und Agnes Zimmermann, geb. Fetzer, die nach Maßgabe des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuches“ zwischen 1934 und 1939 zwangssterilisiert wurden.

Vgl.: Informationssystem des Radolfzeller Gemeinderats, Beschluss in der GR-Sitzung vom 5. Juni 2020.

Vgl.: Initiative Stolpersteine-Radolfzell


Auch hier wurden zwischen 1934 und 1939 Zwangssterilisationen von vermeintlich "Erbkranken" vorgenommen: Städtisches Krankenhaus Radolfzell. Zeitgenössische Ansichtskarte, um 1935, Sammlung Wolter.

Ad personam: „d'Fetzer Fine“

Screenshot von www.klepperle.de vom 17. Februar 2020; dort nach dem SK-Artikel vom 19. Februar 2020 gelöscht.

Radolfzeller „Brauchtumspflege“: Narrenvers „Dreschmaschine“. Er wird an der Fastnacht intoniert und verhöhnt ein Opfer des Nationalsozialismus - Josefine Fetzer (1910-1991) - bis heute; in diesem Jahr (2020) außerdem als Spottbild auf dem käuflich zu erwerbenden "Brettle" der "Narrizella Ratoldi" (Bild).

Vgl. weiterhin auf: "Heischeverse und Narrensprüche". Zit.: „Hier findest Du die wirklich wichtigen Dinge der alemannischen Fasnacht.“(!)

Vgl.: Dominique Hahn: Neue „Stolpersteine“ für Radolfzell, Wochenblatt, 16. September 2020; Online.

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Neuerscheinung

Markus Wolter: Die Radolfzeller Ärzteschaft im Nationalsozialismus. Das Fallbeispiel Dr. med. Hans Foerster (1894-1970).

In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 138. Heft 2020, Thorbecke Verlag 2020, S. 157-192; hier u. a. zu den Zwangssterilisationen der Geschwister Fetzer, zur Verantwortung der Ärzteschaft, zum NS-Ärztebund und zur Rolle der staatlichen Gesundheitsämter.

2020/08/24 12:30 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Vor 80 Jahren: "Aktion T4" - Zum Gedenken an die Opfer des NS-"Euthanasie"-Programms 1940

Die „Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz“ (Reichenau). Luftbild Paul Strähle, 1926. Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Luftverkehr Strähle. Schorndorf / Württ. Sammlung M.W.

Im Rahmen der staatlich angeordneten und durchgeführten Massenmorde ("Aktion T4") an psychisch kranken und behinderten Menschen, die vor 80 Jahren in Deutschland begannen, wurden in den Monaten Mai bis November 1940 allein 214 Männer und 242 Frauen aus der „Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz“ (Reichenau) in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und dort in einer Gaskammer ermordet. Im Dezember 1940 und Januar/Februar 1941 erfolgte in drei weiteren Transporten die „Verlegung“ von 69 Reichenauer Patient/inen in die als Zwischenanstalt fungierende Anstalt nach Wiesloch, von wo aus die meisten in die Tötungsanstalt Hadamar verbracht wurden. Die Reichenauer Anstalt wies damit eine „Tötungsrate“ von über 50 % ihres Krankenstandes (869 Patient/innen) von Anfang 1940 auf.

Insgesamt konnten 14 „T4“-Opfer aus Radolfzell und den Ortsteilen ermittelt werden; an ihr Leben erinnern in Radolfzell bislang sechs Stolpersteine, die 2015 und 2016 verlegt wurden. Die Frauen, Männer und Kinder waren Patient*innen der Heil- und Pflegeanstalten Reichenau, Emmendingen und Wiesloch, der Kreispflegeanstalt Geisingen, der Universitätsnervenklink Freiburg und/oder „Pfleglinge“ der St. Josefsanstalt Herten und davor in Kinderheimen in Freiburg, Konstanz und Sigmaringen untergebracht.

2020/06/10 14:59 · Markus Wolter

Kundgebung zum 8. Mai 2020 auf dem Luisenplatz

Anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des deutschen Nationalsozialismus organisierte das Feministische Antifaschistische Kollektiv (FAK) auf dem Radolfzeller Luisenplatz eine Kundgebung unter dem Motto “Entnazifizierung – Heraus zum 8. Mai!”, die erst von der Radolfzeller Stadtverwaltung verboten, später dann doch noch mit Auflagen zugelassen wurde. Mehrere regionale Gruppen wie die Konstanzer Seebrücke, das OAT Konstanz, die VVN-BdA, die Linksjugend, das Rojava-Bündnis und die Singener Teestube riefen mit zur Kundgebung auf und hielten teils eigene Reden. Ca. 40 Personen waren gekommen und informierten sich anhand von Texttafeln z.B. über das unsägliche Gedenkmal das heute noch gefallene SS-Angehörige als „Opfer“ ehrt. Die Namen der SS-Angehörigen waren mit pinker Kreide hervorgehoben worden - auf den Stufen vor dem Denkmal stand „Deutsche Täter sind keine Opfer“. Das Kriegerdenkmal wurde mit VVN- und Antifafahnen verziert.

Bericht beim Feministischen Antifaschistischen Kollektiv

2020/05/09 15:34 · sw · 0 Kommentare

Der Vortrag entfällt aus bekannten Gründen- Verschoben auf Herbst 2020

Vortrag VHS Konstanz - "Dr. med. Ludwig Finckh und die NS-Rassenhygiene"

Gauschulungslager des NS-Lehrerbundes (NSLB), Gaienhofen. „5. Lehrgang, Sonderkurs in Erbbiologie und Rassenkunde“, 1935. Ansichtskarte eines Kursteilnehmers an seine Familie in Pforzheim

Über Dr. med. Ludwig Finckh (1876-1964) wäre vermutlich längst das letzte Wort gesprochen und der Autor vergessen worden, wenn es sich bei ihm nur um den sogenannten „Heimat-Dichter“, den „Rosendoktor“ von der Höri gehandelt hätte. Als virulenter Nationalsozialist gibt Finckh stattdessen heute noch Anlass, sich mit seinem Fall kritisch auseinanderzusetzen. Teils als Vordenker, teils als Vortragsredner in Sachen NS-„Rassenhygiene“, betätigte sich Finckh u.a. als „Weltanschauungslehrer“ des NS-Lehrerbundes am Gauschulungslager des NSLB in Gaienhofen und an der Waffen-SS-Unterführerschule in Radolfzell. Neueste Recherchen belegen die Teilnahme von Finckhs Gauschulungslagern an eugenischen Tagungen der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau in den Jahren 1934-1938. (Text: Markus Wolter)

Referent: Markus Wolter, MA

Ort: VHS Konstanz-Singen e.V., Katzgasse 7, Astoria Saal

Datum: 24. März 2020

Zeit: 19.30 - 21.00 Uhr

Anmeldung: VHS-Konstanz

2020/01/30 12:15 · Markus Wolter · 2 Kommentare
 
stolpersteine/berta_und_elisabeth_welschinger.txt · Zuletzt geändert: 2019/02/24 22:01 von mw
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