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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Carl Diez (1877-1969)

Carl Diez, 1933. Fotografie: Wikipedia.

Carl Diez wurde am 8. Januar 1877 in Öhningen geboren und starb am 24. Juni 1969 in Radolfzell. Verheiratet war er mit Stefanie Diez, geb. Vogler (1877-1961), mit der er 12 Kinder hatte. In Radolfzell betrieb er einen landwirtschaftlichen Hof und übernahm die amtliche Güterbestätterei seines Schwiegervaters Hermann Vogler. Als Vertreter des politischen Katholizismus und Angehöriger der Zentrumspartei gehörte Diez von 1912 bis 1918 dem Reichstag des Kaiserreiches für den Wahlkreis Konstanz an und nahm 1919 an der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar teil. Bis zum „Ermächtigungsgesetz“ 1933 war er Zentrums-Abgeordner des Deutschen Reichstags in Berlin. Zudem vertrat er seine Partei von 1912 bis 1933 im Bürgerausschuss von Radolfzell.

Diez wurde am 6. August 1921 in Bad Griesbach (Schwarzwald) bei dem tödlichen Attentat der nationalistischen Terrororganisation Consul auf seinen Parteifreund Matthias Erzberger schwer verletzt.

Seit 1922 war Diez Aufsichtsratvorsitzender der Obstbaugenossenschaft Radolfzell; Präsident der Landwirtschaftlichen Bezirksgenossenschaft Radolfzell-Überlingen und Vorstandsmitglied des Badischen Bauernvereins. 1926 beteiligte er sich an der Gründung der Milchwerksgenossenschaft Radolfzell. Außerdem war Diez Präsident des Katholischen Männervereins, Radolfzell.

Diez wurde bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 aus politischen Gründen verfolgt und mehrere Wochen in „Schutzhaft“ genommen, die er im Radolfzeller Gefängnis am Luisenplatz verbrachte. Von seiner Zelle aus konnte er das in unmittelbarer Nähe gelegene Wohnhaus der Familie in der nach Rudolf Heß umbenannten Jakobstraße 5 sehen. Die Zelle teilte er zunächst mit dem Radolfzeller Fabrikanten und Zentrumsparteimitglied Albert Schroff und mit dem Arbeiterdichter und ehemaligen Schriftleiter des sozialdemokratischen „Volkswillen“ Max Porzig aus Singen. Die Nationalsozialisten enthoben Diez aller seiner Ämter. Laut eigener Aussage sei sein „Auftreten gegen die NSDAP“ hierfür der Grund gewesen; die Gestapo habe ihn in der Folgezeit weiterhin überwacht. Nach eigenen Angaben sei er „seit Januar 1943 (…) in das Komplott gegen Hitler eingeweiht“ gewesen; Kontakte gab es zum Widerstandskreis um Carl Friedrich Goerdeler.

Vom 28. Juni bis 19. Juli 1944 befand sich Diez wegen „Abhörens ausländischer Sender“ zusammen mit seiner Tochter Jolanda Diez in Untersuchunghshaft im Konstanzer Gefängnis. Wenige Tage nach dem misslungenen Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Diez im Rahmen der "Aktion Gitter" erneut verhaftet. Auch Diez sollte ins KZ Natzweiler, resp. Dachau verbracht werden. Durch Intervention seines Sohns Theopont Diez, Rechtsanwalt in Singen, wurde dies allerdings verhindert. Dieser hatte gegenüber den Parteiverantwortlichen argumentiert, es sei „eine Schande, einen Vater zu inhaftieren, von dem drei Söhne an der Front kämpften.“ Diez hat die Gesamtdauer seiner Inhaftierungen im Spruchkammer-Fragebogen 1946 ohne genauere Angaben auf 13 Wochen beziffert: „6 + 3 + 4 = 13 Wochen“.

Stolperstein für Carl Diez, Jakobstr. 5, Radolfzell, verlegt am 2. Juli 2016. Fotografie: Alfred Heim

Nach dem Krieg gehörte Diez dem ersten Radolfzeller Gemeinderat 1945/46 an. Im März 1946 wurde er badischer Landwirtschaftsminister; ein Amt, von dem er nach einer Kontroverse mit der französischen Besatzungsmacht über den Ernährungsplan für 1947, bereits im November 1946 zurücktrat. Diez hat sich für ehemals Verfolgte des Nationalsozialismus im Rahmen von „Wiedergutmachungsverfahren“ eingesetzt, so etwa für das 1936 nach Palästina emigrierte jüdische Ehepaar Lotte und Josef Bleicher.

Diez wurde 1961 das große Bundesverdienstkreuz verliehen. Die Gemeinde Öhningen ernannte ihn 1965 zum Ehrenbürger. Nach Diez wurden die Carl-Diez-Straßen in Öhningen und in Radolfzell benannt.

Carl Diez besucht seine ehemalige Zelle im Gefängnis Radolfzell, vor dessen Abriss 1967. Fotografie: Foto-Archiv Liedl, Stadtarchiv Radolfzell.1)

Steinpatenschaft: Katholische Kirchengemeinde, Radolfzell.
Recherche: Markus Wolter

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Quellen: StadtA Singen, 440/125-147 (schriftlicher Nachlass); DNZ-Akte: StAF D 180/2-4028 (Spruchkammerakte: „Nicht betroffen“); Artikel "Carl Diez", Wikipedia; Max Porzig: Wortwelten in der Arbeiterprovinz. Erzählungen und Gedichte des Arbeiterschriftstellers Max Porzig 1879-1948, Hg. Geschichtswerkstatt Singen, Konstanz 1998, zu Diez im Radolfzeller Gefängnis 1933, hier S. 99; Reiner Haehling von Lanzenauer: Carl Diez, in: Ottnad, B. / Sepaintner, F.L. (Hg.): Baden-Württembergische Biographien Band III. Stuttgart, Kohlhammer 2002, S. 32-34; Carl Diez: Die Lebensgeschichte eines Menschen. Konstanz, Aktienges. Oberbadische Verlagsanstalt 1929.)


1) Abgebildet in: Förderverein Museum und Stadtgeschichte Radolfzell (Hg.): Gotthard und Burkhard Liedl - Foto Archiv Liedl. Festgehalten im Bild - 1950-1980. Ausstellung im Stadtmuseum Radolfzell 30. November 2013 bis 16. März 2014, Radolfzell 2013, S. 19.

Termine

Bunte Demo statt braunes Denkmal

Antifaschistische Kundgebung zum Vokstrauertag in Radolfzell am Sonntag, 18.11.18 um 11:30 Uhr.

Der Text des Flyers

Wenn Kriegstoten gedacht werden soll, muss erklärt werden warum sie gestorben sind. So gibt es Täter die morden und Menschen die jenen zum Opfer fallen. Im postnazistischen Deutschland wird diese Erklärung ausgelassen. Das führt dazu, dass Opfern und Tätern im selben Atemzug gedacht wird. Das Kriegerdenkmal in Radolfzell treibt diese absurde Form des Gedenkens auf die Spitze. Unterschiedslos stehen auf den Gedenkplatten die Namen der Ermordeten in mitten ihrer Häscher. So finden sich zahlreiche SS-Offiziere und Wehrmachtssoldaten inmitten derer, der jährlich zum Volkstrauertag gedacht wird. Das Kriegerdenkmal wurde 1938 im Auftrag der SS errichtet. Das macht den Ort zu einer Pilgerstätte für Neonazis aus der Region. Wiederholt nutzte die faschistische Partei Der Dritte Weg diesen Ort um Kränze nieder zu legen und Kriegsverbrechern zu huldigen. Antifaschistische Proteste gegen solche PR-Aktionen versuchte die Stadt schon zweimal zu verhindern – ohne Erfolg: Die Demoverbote wurden vor Gericht als illegal eingestuft und kosteten die Stadt über 10.000 Euro.

Aus diesen Gründen sagen wir nein zu unterschiedsloser Trauer, zu Nazidenkmälern und zu faschistischen Umtrieben. Deswegen wollen wir den Opfern faschistischer Gewalt auf angemessene Weise gedenken.

Treffpunkt: Gedenkstein der deportierten Jüdinnen und Juden an der Seetorstraße vor dem Bahnhof Radolfzell. Danach wird es am Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz eine Kundgebung gegen das Denkmal geben.

Quelle: https://de-de.facebook.com/events/491576801250024/

2018/11/17 15:05 · sw · 0 Kommentare

Volkstrauertag 2018 in Radolfzell

„Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Radolfzell am Bodensee sind herzlich eingeladen, an der Gedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages am 18. November 2018 um 11.15 Uhr an den Gedenktafeln auf dem Luisenplatz teilzunehmen. An diesem Tag gedenken wir der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege.“

Programm:

Sinfonia aus Kantate Nr. 157 (J.S. Bach) - Stadtkapelle Radolfzell

Gedenkrede - Christof Stadler, Stadtrat

Menuett aus Berenice (G. F. Händel) - Stadtkapelle Radolfzell

Kranzniederlegungen

Lied „Ich hatt‘ einen Kameraden“ - Dietmar Baumgartner, Trompete“

Quelle: www.radolfzell.de

In Konsequenz des Gemeinderatsbeschlusses vom 6. November 2018: auch in diesem Jahr sind der Luisenplatz, das Kriegerdenkmal und die „Gedenktafeln“ der - falsche - Ort für die Begehung des Volkstrauertags, zum Gedenken an die „Opfer der [NS-]Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“.

„Ich hatt' einen Kameraden“ - zum Beispiel: SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Joachim Rumohr

"Die gefallenenen Söhne der Stadt"

"Opfer der Gewaltherrschaft"?

2018/11/16 08:43 · Markus Wolter · 0 Kommentare

80 Jahre Reichspogromnacht 1938 - Gedenkveranstaltungen in Radolfzell

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Die am 10. November 1938 u. a. von Angehörigen des III.SS „Germania“ aus Radolfzell zerstörte Synagoge von Gailingen

Aus der Ankündigung auf der Homepage der Stadt Radolfzell:

„Am 9. November 2018 jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden jüdische Geschäfte zerstört, fast in jeder Stadt wurden die Synagogen in Brand gesetzt und deutsche Juden auf offener Straße angegriffen.

(…)

Gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Radolfzell“ (ACK) und der Stolperstein Initiative Radolfzell wurde ein Themenabend erarbeitet, der nicht nur einen Rückblick auf die NS-Zeit in Radolfzell wirft, sondern auch mit Blick auf die Gegenwart und Zukunft für gemeinsames Miteinander und ein offenes Radolfzell.“

Die Veranstaltungen im Überblick:

17.30 Uhr, Foyer RIZ

Andacht zum Friedensweg 2018 der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Radolfzell

18 Uhr, am Mahnmal beim RIZ

Gedenken an die Pogrome und Begrüßung durch Oberbürgermeister Martin Staab Die Stolperstein Initiative Radolfzell wird zusammengefasst die Pogrome benennen, die von der ehemaligen SS-Kaserne Radolfzell ausgingen und damit auf die Ziele der Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL hinweisen: Erinnerung an Opfer des NS-Terrors wachhalten und an die nächste Generation weitergeben. Verantwortung tragen im Umgang mit rassistischen und nationalistischen Aktivitäten in Radolfzell, insbesondere in der ehemaligen SS-Kaserne.

18.30 Uhr, Gedenkstein Alice Fleischel am Seetorplatz

Stolperstein-Reinigung Die Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL will die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus – VORORT erhalten und an die nächste Generation weitergeben. Zusätzlich wendet sie sich gegen rassistische und nationalistische Aktivitäten in Radolfzell. http://www.stolpersteine-radolfzell.de

Der um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek angekündigte Vortrag „Im westlichen Bodenseeraum: Opfer, Täter, Zuschauer.“ muss leider ausfallen. Ein neuer Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.

2018/11/06 22:04 · Markus Wolter · 0 Kommentare

22. Oktober 1940

Im Gedenken, gegen das Vergessen

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Am 22. Oktober jährt sich zum 78. Mal die Massendeportation von 6551 badischen und saarpfälzischen Juden in das südfranzösische Internierungslager Gurs im Jahr 1940. Die nach den verantwortlichen Gauleitern Robert Wagner (Baden) und Josef Bürckel (Saarpfalz) bezeichnete „Aktion“ war die Fortsetzung der systematischen Erfassung, Isolation, Entrechtung und staatlichen Beraubung der deutschen Juden seit 1933 und zugleich der Vorlauf zu ihrer Ermordung in den deutschen Vernichtungslagern im besetzten Polen und im Baltikum nach 1941. Das Bestreben des glühenden Antisemiten Wagner und dessen Amtskollegen Bürckel war es gewesen, zwei Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938 die „Judenfrage“ - als eine der ersten im Deutschen Reich – „territorial“ zu lösen. Bei der Umsetzung der Deportationspläne im Landkreis Konstanz waren lokale Ordnungspolizei, Konstanzer Gestapo und vor allem das in der Radolfzeller Kaserne stationierte SS- Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillon im Einsatz, das die Juden von Wangen, Gailingen und Randegg zusammentrieb und in LKWs an die Bahnhöfe fuhr. Von den aus Baden in sieben Zügen der Reichsbahn deportierten 5592 Juden überlebten nur 750, 2000 wurden 1942 in die Konzentrationslager Majdanek und Auschwitz verschleppt und ermordet. Der Gau Baden sei „judenrein“, vermeldeten die NS-Täter im Herbst 1940 befriedigt; die Deportationen seien „reibungslos und ohne Zwischenfälle“ verlaufen und „von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“ worden.

2018/10/22 08:54 · Markus Wolter · 0 Kommentare

"NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg"

Neuerscheinung, Oktober 2018

Täter Helfer Trittbrettfahrer, Bd. 9.

NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg

Hrsg.: Wolfgang Proske

460 Seiten

19,99 Euro

Kugelberg Verlag, Gerstetten 2018

ISBN 978-3-945893-10-4

Bestellung unter: http://www.ns-belastete.de/bestellung.php

Die Artikel und ihre Autor*innen, u.a.:

Anton Blaser (Bürgermeister der Gemeinde Bodnegg, Krs. Ravensburg), Wolf-Ulrich Strittmatter.

Hugo F. Boss (Metzingen, Schneider, Kaufmann und Unternehmer), Rudolf Renz.

Wilhelm Emmerich (Östringen, Bäcker und SS-Oberscharführer im KZ Auschwitz), Christiane Walesch-Schneller.

Prof. Dr. Eugen Fischer (Freiburg, Mediziner, Anthropologe und Rassenforscher), Markus Wolter.

Dr. Hans Fleischhacker (Tübingen, Anthropologe, SS-Obersturmführer), Madeleine Wegner.

Georg Grünberg (Lagerleiter in Friedrichshafen, Überlingen), Oswald Burger.

Emil Haussmann (Ravensburg, Einsatzkommandoführer, Massenmörder), Wolf-Ulrich Strittmatter.

Prof. Dr. Martin Heidegger (Mai 1933 NSDAP, bis 1934 Rektor Universität Freiburg), Eggert Blum.

Prof. Dr. Hans Robert Jauß (Konstanz, Hauptsturmführer, „Bandenbekämpfung“), Dr. Jens Westemeier.

Friedrich Jeckeln (Hornberg, Höherer SS- und Polizeiführer, Massenmörder), Gerhard Wenzl.

Kurt Georg Kiesinger (Ebingen, 1933 NSDAP, 1966 Bundeskanzler), Prof. Dr. Phillip Gassert.

Martin Nauck (Tübingen, Kripo, „Vorbeugungshaft“), Udo Grausam.

Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann (Allensbach, Meinungsforscherin), Prof. Dr. Jörg Becker.

Johannes Pauli (Lagerleiter KZ Bisingen), Dr. Franziska Blum.

Dr. Rudolf Rahn (Ulm, Diplomat), Dr. Wolfgang Proske.

Dr.-Ing. Helmut Stellrecht (Wangen/Allg., im Amt Rosenberg, nach 1945 Schriftsteller), Udo Mischek, Mitarb. Tim Rose.

Bruno Störzer (Hailfingen, Bauleiter der Organisation Todt), Volker Mall.

Julius Viel (Schramberg/Wangen/Allg., Journalist, SS 1936), Wolf-Ulrich Strittmatter.

2018/09/30 11:35 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
stolpersteine/carl_diez.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/21 08:33 von sw
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