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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Ernst Gnirß (1905–1945)


Ernst Gnirß, Passbild im "Ausschließungsschein" aus der Wehrmacht, 28. September 1942.

Ernst Gnirß wurde am 30.09.1905 als Sohn von Leonhard und Margaretha Gnirß in Singen/Htwl. geboren. Er war mit Klara Gnirß, geb. Rehm (geb. 24.08.1907 in Radolfzell), verheiratet. Das Paar hatte keine Kinder.

Die Radolfzeller Wohnadressen zur Zeit der Verfolgungs­maßnahmen waren: 1933–1938: Schlageterstr 23,II (Hinterhaus) (= heute Seestr. 53); ab 25.11.1938: Allweilerstr. 29.

Ernst Gnirß war Sohn eines Schlossers, wurde nach Besuch der achtjährigen Volksschule Kernmacher und arbeitete in Singen und anderen Orten Süddeutschlands. Im Sommer 1932 wurde er erwerbslos und zog nach Radolfzell. Am 2. Januar 1934 wurde er zusammen mit dem Radolfzeller Buchbinder Eduard Kränkel und seinem Schwager Karl Rehm wegen „Verbreitung von kommunistischen Druckschriften“ in Radolfzell verhaftet und am 23.4.1934 durch das Sondergericht Mannheim auf Grund § 4 der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Nach Verbüßung dieser Strafe im Gefängnis Freiburg wurde Gnirß am 6.12.1934 entlassen und trat im Juni 1935 bei der Firma Allweiler in Radolfzell als Kernmacher ein.

Von Arbeitskollegen denunziert, wurde Gnirß am 26.2.1942 von der Gestapo erneut verhaftet und in Schutzhaft genommen. Das Amtsgericht Konstanz erließ am 17.3.1942 Haftbefehl wegen „fortgesetzter Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Wehrkraftzersetzung“ und verhängte Untersuchungshaft im Gerichtsgefängnis Konstanz. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte Gnirß mit Urteil vom 17.7.1942 zu 5 Jahren Zuchthaus.

Aus der Anklageschrift: „Um auch seinerseits zur Schwächung der dt. Widerstandskraft und zum Zusammenbruch des NS beizutragen, hetzte er besonders seit Ausbruch des gegenwärtigen Krieges in seinem Arbeitsbetrieb in Radolfzell unter seinen Arbeitskameraden (…). Er benutzte dort jede Gelegenheit zu politischen Gesprächen und versuchte dabei unablässig, das Vertrauen seiner Mitarbeiter zur nationalsoz. Reichsführung und zur Wehrmacht zu erschüttern und sie vor der angeblich mit Sicherheit bevorstehenden deutschen Niederlage zu überzeugen.“ In der Urteilsbegründung heißt es u.a., Gnirß wünsche „den Sieg des Feindes des Deutschen Volkes und den völligen Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates.“

Die Strafe trat Gnirß am 17.7.1942 im Zuchthaus Ludwigsburg an. Er wurde von dort am 13.12.1943 in das Zuchthaus von Celle, Niedersachsen, verlegt, wo er am 19. März 1945 angeblich an Lungentuberkulose im Alter von 39 Jahren starb. Tatsächliche Todesursache war aber Unterernährung: „Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und nach den Angaben einiger seiner Leidensgenossen starb er infolge mangelhafter Ernährung, schlechter Behandlung u. schlechter Zellenverhältnisse am 19. März 1945 an akuter Tuberkulose.“ (Erklärung von Klara Gnirß, 1946.)

Ernst Gnirß wurde auf dem Waldfriedhof Celle in einem Reihengrab bestattet, das seine Witwe, Klara Gnirß, bis zur Einebnung 1965 führte.

Lebende Angehörige waren nicht zu ermitteln.

Recherche: Markus Wolter
Patenschaft: Teggingerschule

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Quellen

Wiedergutmachungsakte, Staatsarchiv Freiburg F 196/1 Nr. 1733; Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 86 Celle Acc. 142/90 (Karteikarte) Nr. 43/735 (Gefangenenkarteikarte für Gnirss, Ernst, geb. 30.09.1905 in Singen a.H. (Vorbereitung zum Hochverrat); Hann. 86 Celle Acc. 142/90 Nr. 43/0735 (Gefangenenpersonalakte für Gnirss, Ernst, Kernmacher, geb. 30.09.1905, aus Radolfzell, wegen Vorbereitung zum Hochverrat)

Termine

Der Vortrag entfällt aus bekannten Gründen- Verschoben auf Herbst 2020

Vortrag VHS Konstanz - "Dr. med. Ludwig Finckh und die NS-Rassenhygiene"

Gauschulungslager des NS-Lehrerbundes (NSLB), Gaienhofen. „5. Lehrgang, Sonderkurs in Erbbiologie und Rassenkunde“, 1935. Ansichtskarte eines Kursteilnehmers an seine Familie in Pforzheim

Über Dr. med. Ludwig Finckh (1876-1964) wäre vermutlich längst das letzte Wort gesprochen und der Autor vergessen worden, wenn es sich bei ihm nur um den sogenannten „Heimat-Dichter“, den „Rosendoktor“ von der Höri gehandelt hätte. Als virulenter Nationalsozialist gibt Finckh stattdessen heute noch Anlass, sich mit seinem Fall kritisch auseinanderzusetzen. Teils als Vordenker, teils als Vortragsredner in Sachen NS-„Rassenhygiene“, betätigte sich Finckh u.a. als „Weltanschauungslehrer“ des NS-Lehrerbundes am Gauschulungslager des NSLB in Gaienhofen und an der Waffen-SS-Unterführerschule in Radolfzell. Neueste Recherchen belegen die Teilnahme von Finckhs Gauschulungslagern an eugenischen Tagungen der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau in den Jahren 1934-1938. (Text: Markus Wolter)

Referent: Markus Wolter, MA

Ort: VHS Konstanz-Singen e.V., Katzgasse 7, Astoria Saal

Datum: 24. März 2020

Zeit: 19.30 - 21.00 Uhr

Anmeldung: VHS-Konstanz

2020/01/30 12:15 · Markus Wolter · 2 Kommentare

Gerhard Zahner: "Weißes Blut". Eine dramatische Lesung zur Weihnacht

Zeit: 24.12.2019, 14.00 Uhr

Ort: THEATER-KULTUR-ZENTRUM, Fürstenbergstrasse 7a, Radolfzell

„Der Arzt Nathan Wolf (1882–1970) war Jude aus Wangen, er wurde von den Nazis vertrieben und im KZ Dachau eingesperrt und gepeinigt. Nach dem Krieg kehrte er nach Wangen, in seine Höri zurück. Er ist zurück gekehrt, nicht heimgekehrt. Die jüdische Gemeinde in der Höri vernichtet, die Synagogen zerstört. Nicht heimkehren, zurückkehren, darum geht es diesem Stück. Eine Situation, die heute so viele Flüchtlinge betrifft. Auch ihre Heimat ist für immer zerstört. Die neue Heimat ist vielleicht, solchen Menschen wie Nathan Wolf gerecht zu werden, ihrem Leben. Letztlich, wenn heute Abgeordnete aus den Protokollen der Weisen von Zion zitieren, diesem Buch aus dem Giftschrank der Verleumdung, scheitern wir alle und vertreiben uns selbst.“

Programmtext: http://www.zellerkultur.de/veranstaltungen.html

Hintergrund: https://www.wolf-wangen.com/

2019/12/14 16:25 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Der Reichspogrom 1938 am westlichen Bodensee - Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Klöckler in Radolfzell

Der 9. November 1938 im westlichen Bodenseeraum: Opfer – Täter – Zuschauer“

Vortrag in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Radolfzell und des Arbeitskreises „Erinnerung“

„Kaum ein anderes Datum der deutschen Geschichte ist so aufgeladen wie der 9. November 1938. Aus der Perspektive von Opfern und Tätern, aber auch der zahlreichen Zuschauer, sollen die Ereignisse in Radolfzell, auf der Höri sowie im westlichen Bodenseeraum rekonstruiert und in das allgemeine Verfolgungsgeschehen im Deutschen Reich eingebettet werden. Die entscheidende Rolle bei der Zerstörung der Synagogen in Wangen, Gailingen und Randegg kam der in Radolfzell stationierten SS zu. Mit Ekrasit sprengte sie unter der Verantwortung von SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen auch die Konstanzer Synagoge.“ (www.radolfzell.de)

Referent: Prof. Dr. Jürgen Klöckler, Stadtarchiv/Universität Konstanz

Ort: Stadtbibliothek Radolfzell

Zeit: Freitag, 8. November 2019, 19.30 Uhr

2019/11/07 12:56 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Verlegung des Stolpersteins für Karl Teufel

Zum Ersatz des vor rund einem Jahr im Zuge von Straßenbauarbeiten fahrlässig beseitigten und verloren gegangenen Stolpersteins für Karl Teufel wird am 28. Oktober 2019, 16.30 Uhr, in der Konstanzer Str. 30/1 ein von Gunter Demnig neu gefertigtes Exemplar verlegt.

2019/10/28 12:33 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
stolpersteine/ernst_gnirss.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/21 08:40 von sw
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