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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Frieda Armbruster (1890-1940)

"Frieda 1927" - Bronzerelief von Emile Mondon, 2016.

Frieda Armbruster, geb. am 14. Januar 1890 in Wilferdingen, Pforzheim, war die Tochter des Land- und Gastwirts Ludwig Philipp Armbruster (1853-1912) und dessen Ehefrau Karoline Katharina, geb. Holzmüller (1856-1941). Sie war die Zwillingsschwester von Adolf Armbruster (1890-1972), dem späteren, langjährigen Direktor (Vorstand) des Milchwerks Radolfzell. Ihr älterer Bruder, Friedrich Armbruster (geb. 1886), starb 1916 als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Über Frieda Armbrusters Kindheit und Jugend in Pforzheim und ihre Schulausbildung ist bislang wenig bekannt. Im Alter von 16 Jahren kam es lt. Versorgungsakte infolge einer nicht näher bezeichneten „Gehirnerkrankung“ zum Ausbruch einer „Geisteskrankheit“ und Frieda Armbruster wurde 1906 entmündigt.

Ihr Zwillingsbruder Adolf machte 1909 in Pforzheim Abitur und wurde 1914 Landwirtschaftslehrer an der Landwirtschaftlichen Kreiswinterschule Meßkirch; 1918 war er Verbandssekretär des Genossenschaftsverbandes badischer landwirtschaftlicher Vereinigungen in Karlsruhe und 1924 Leiter der Bezirkszentrale Stockach der badischen landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft eGmbH. Im selben Jahr kamen auch Frieda Armbruster und ihre Mutter Karoline Armbruster (der Vater Ludwig Armbruster war bereits 1912 gestorben) nach Stockach, wo die Familie in der Hindelwangerstraße 254 lebte.

Nach über 20 Jahren in familiärer Obhut wurde die 37-jährige Frieda Armbruster am 30. August 1927 per „Vollzugsordnung zum Irrenfürsorgegesetz“ in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau eingewiesen. Beantragt hatte dies ihre Mutter; Aufnahmediagnose: vmtl. „Schwachsinn“ oder Schizophrenie.1)

1928 zog Familie Armbruster nach Radolfzell um, wo Adolf Armbruster geschäftsführendes Vorstandsmitglied (Direktor) des Milchwerkes Radolfzell geworden war. Die Familie - Karoline Armbruster, Adolf Armbruster, dessen zweite Frau Julie Armbruster, geb. Bälz, und die vier Kinder (zwei Söhne, Friedrich und Adolf, die 1941/1944 fielen, und zwei Töchter, Margarethe und Elisabeth Armbruster - wohnte fortan in der Güttinger Str. 13, direkt neben der Einfahrt zum Milchwerk. Die Verpflegungskosten für Frieda Armbrusters Unterbringung in der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau wurden anfänglich von ihrer Mutter, zuletzt von Adolf Armbruster getragen.

Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, Luftbild des Areals, um 1926. Archiv ZfP Reichenau.

Nach dreizehn Jahren als Patientin der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau wurde die fünfzigjährige Frieda Armbruster für die geplante NS-„Euthanasie“-„Aktion T4“ erfasst. Anstaltsdirektor Arthur Kuhn schickte im Oktober und November 1939 die angeforderten Meldebögen von insgesamt 596 Patient/innen an die Planungszentrale in Berlin, Tiergartenstr. 4; dort entschieden „T4“-Gutachter nach flüchtiger Akteneinsicht über den „Lebens(un)wert“ von zehntausenden psychisch kranker und geistig behinderter Menschen.

„Verlegung“ und Ermordung in Grafeneck

Eine Urne mit Frieda Armbrusters Namen wurde 1983 unter 196 nicht bestatteten Urnen von „Euthanasie“-Opfern im Friedhofsgebäude von Konstanz aufgefunden; die Urnenplakette trug die gravierte Inschrift:

„Nr. 5696 / Frieda Armbruster / Geb. 14.1.1890 Wilferdingen / Gest. 6.7.1940 Hartheim / Eing. 7.7.1940 Krematorium Hartheim“

Todesdatum und Todesort sind Fälschungen. Frieda Armbruster wurde nachweislich der Krankenakte und Transportliste am 17.6.1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet, wohin die „unruhige Patientin“ aus der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, Gebäude FU I (= „Frauen unruhig“), mit einem der „grauen Busse“ der Gekrat gebracht worden war; gemeinsam mit weiteren 90 Patientinnen („Frauen A-L“); auch Albertine Hässig befand sich in diesem 2. Reichenauer Transport nach Grafeneck. Die auffälligen, bei ihren Fahrten durch die Städte und Dörfer beobachteten Reichspost-Busse mit den weiß getünchten Fenstern fuhren von Reichenau über Radolfzell und Stockach nach Grafeneck.

Hektographiertes Formblatt: Mitteilung der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau an den Kostenträger Adolf Armbruster, betr. "Verlegung" seiner Schwester "im Rahmen besonderer planwirtschaftlicher Maßnahmen" am 17. 6. 1940.

Die Angehörigen in Radolfzell erhielten die Todesnachricht (Schema-„Trostbrief“) nach dem 7. Juli 1940 zusammen mit zwei Sterbeurkunden von der „Landesanstalt Hartheim“ bei Linz. Eingetragenes Todesdatum: 6. Juli 1940; fingierte Todesursache „Wurmfortsatzentzündung / Bauchfellentzündung“. Es handelt sich bei diesen im Original durch die Familie überlieferten Dokumenten um Schriftstücke, die die gängige Praxis des „Aktentauschs“ („Papierverlegung“) unter den Tötungsanstalten und damit die strategische Verschleierung der Mordaktionen belegen. Von Grafeneck wurden in Fällen des Akentauschs die Akten der in Grafeneck Ermordeten an eine andere „T4“-Vernichtungsanstalt, in diesem Fall nach Hartheim geschickt und die dortige Verwaltung angewiesen, je einen „Trostbrief“ und zwei Sterbeurkunden für die Angehörigen auszustellen. Sofern von den Angehörigen gewünscht, wurde danach sogar eine entprechend beschriftete Urne (mit unbekanntem Inhalt) aus Hartheim an die zuständige Friedhofsverwaltung im Wohnort der Angehörigen versandt. Bei Frieda Armbruster wünschten die Angehörigen offenbar „keine offizielle Bestattung“ und baten mit Schreiben vom 21. Juli 1940, die sterblichen Überreste in Hartheim begraben zu lassen, woraufhin am 1. August 1940 ein Hartheimer Büroleiter oder Tötungsarzt („Dr. Hell“) antwortete, dass dies nicht möglich sei; ebenso wenig wie eine direkte Übersendung der Urne an die Angehörigen; man werde sie deshalb - wie offenbar geschehen - zur Beisetzung an die Friedhofsverwaltung Konstanz schicken. Warum diese Urne in Konstanz dann aber nicht bestattet und „vergessen“ wurde und wo man die Asche von Frieda Armbruster 1940 beseitigte, ist nicht bekannt.

Todesnachricht (Schema-"Trostbrief") aus Hartheim an die "Schwester" (recte: Schwägerin) Julie Armbruster in Radolfzell. Unterzeichnet von einem stellv. Büroleiter oder Todesarzt von Hartheim; mit dem bislang nicht aufzulösenden Tarnnamen "Dr. Hell"(?). Eines der wenigen original überlieferten Dokumente dieser Art. Privatbesitz der Familie Armbruster-Mondon, Emile Mondon, Erlangen.

Die ebenfalls gefälschte Sterbeurkunde des zu Tarnzwecken eingerichteten Sonderstandesamtes Hartheim; der unterzeichnende „Standesbeamte“ war der berüchtigte, damalige SS-Obersturmführer Christian Wirth, der hier keinen Tarnnamen verwendete.

„unbewusst gestorben“

Zweites Schreiben aus Hartheim an die Angehörigen in Radolfzell, unterzeichnet mit demselben Tarnnamen wie die Todesnachricht; zum angeblich völlig "unbewussten" Tod von Frieda Armbruster und zu den Formalitäten der Urnenverschickung nach Konstanz. Privatbesitz Emile Mondon, Erlangen.

Die Gedenkstätte Grafeneck führt Frieda Armbruster im Namens- und Gedenkbuch unter den 10.654 Menschen, die in Grafeneck 1940 als sogenanntes „lebensunwertes Leben“ ermordet wurden.

Außerdem findet sich ihr Name mit Geburts- und Todesjahr an der „Euthanasie“-Gedenkstätte auf dem Konstanzer Friedhof verzeichnet, wo die Hartheimer Urne mit ihrem Namen seit Juli 1984 begraben liegt.

Gedenkstätte für "Euthanasie"-Opfer, Hauptfriedhof Konstanz. Namenstafeln erinnern an die 196 "vergessenen" Urnen der "Euthanasie"-Opfer. Fotografie: Initiative "Stolpersteine für Konstanz".

Die oben abgebildeten Dokumente fanden sich unerwartet im Nachlass der Familie Mondon-Armbruster.


Stolperstein für Frieda Armbruster, Güttinger Str. 13, Radolfzell, verlegt am 2. Juli 2016.

Ein lebender Angehöriger ist Erich-Herbert (Emile) Mondon (geb. 1939), Erlangen, Sohn von Dr. Elisabeth Mondon-Armbruster, Kinderärztin, Singen (1920-2006). Emile Mondon fertigte im Vorfeld der Stolpersteinverlegung für Frieda Armbruster das Bronze-Relief „Frieda 1927“. Anlässlich der Verlegung des Stolpersteins wurde das Relief am Haus Güttinger Str. 13 angebracht, heute die Adresse des Kulturbüros von Radolfzell.

Steinpatenschaft: Emile Mondon, Erlangen.
Recherche: Markus Wolter

Quellen: Stockacher Meldeakten zur Einweisung Frieda Armbrusters und zu Fragen der Verpflegungskostenübernahme, Stadtarchiv Stockach; Transportliste vom 17.6.1940 (Lfd. Nr. 2), Sammlung Faulstich, ZfP Reichenau und Roland Didra; Todesnachricht, Sterbeurkunde, Korrespondenz, Privatbesitz Erich Mondon, Erlangen; Krankenakte (Aktendeckel), StAF B 822/3 Nr. 140; Krankenakte (Aufnahme, Diagnostik, Krankengeschichte u.a.), BArch Berlin, Bestand R 179. Zum Fund der 196 Urnen im Krematoriumsgebäude des Konstanzer Hauptfriedhofs 1983: Roland Didra, 2016; vgl. Götz Aly: Die Belasteten. ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankfurt 2013.


1) Aufschluss hierüber gäbe die überlieferte Krankenakte Frieda Armbrusters im Bundesarchiv Berlin, Bestand R 179, die bislang noch nicht eingesehen wurde.

Termine

Thälmann-Stolpersteine am 20.2.2018 in Singen/Htwl.

Am 20.2.2018 werden für Ernst, Rosa und Irma Thälmann in Singen/Htwl. zum ersten Mal 3 Stolpersteine verlegt. Der genaue Ort und die Uhrzeit werden noch bekanntgegeben. Irma und Rosa waren bei guten Freunden in Singen/Htlw. untergekommen und im August 1944 verhaftet und ins KZ Ravensbrück eingeliefert worden.

Das wird der Text der Stolpersteine sein:

ERNST THÄLMANN
JG. 1886
VORSITZENDER KPD
REICHSTAGSMITGLIED
GESTAPOHAFT AB 3.3.1933
ERMORDET 14.8.1944
KZ BUCHENWALD

HIER WOHNTE
ROSA THÄLMANN
JG. 1890
IM WIDERSTAND/KPD
VERHAFTET 1944
RAVENSBRÜCK
BEFREIT

HIER WOHNTE
IRMA VESTER
GEB.THÄLMANN
JG. 1919
VERHAFTET 1944
RAVENSBRÜCK
BEFREIT

2017/12/10 13:14 · sw · 0 Kommentare

Stolperstein-Treffen am 26.11.2017

Am Sonntag den 26.11.2017 trifft sich die Stolperstein Initiative Radolfzell um 14 Uhr im Cafe Fino.

Einziger TOP bislang ist die Beschlussfassung über den Antrag, die Initiative nach über einem Jahr der Nichtaktivität aufzulösen.

2017/11/22 21:14 · sw · 0 Kommentare

9. November 2017: Gedenken an den 79. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938

Gedenkstättenort Radolfzell: Keine offizielle Gedenkveranstaltung

Jedem ist es an diesem Tag unbenommen und jeder sei dazu eingeladen, sich auch in diesem Jahr an der bundesweiten Stolperstein-Putz- und Mahnaktion zu beteiligen und die 23 in Radolfzell und Markelfingen verlegten Stolpersteine zu putzen, eine Kerze anzuzünden und eine Blume niederzulegen; auch an den Gedenkstätten vor der ehemaligen SS-Kaserne und am ehemaligen SS-Schießstand.

Stolpersteine für Lotte und Josef Bleicher, Höllstr. 1

Wider das Vergessen, zum mahnenden Gedenken.

2017/11/07 13:42 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Performance "508 ... Gegen das Vergessen"

Freitag, 11.08.2017, um 14:00 Uhr am Mahnmal im ZfP Reichenau

Im Gedenken an die 1940/41 im Rahmen der NS-Euthanasie ermordeten 508 Patienten in Reichenau schuf der Konstanzer Künstler Alexander Gebauer 1988 das „Mahnmal für die Opfer der NS-Euthanasie“ auf dem Gelände des ZfP. In Verbindung mit diesem Kunstwerk findet eine bewegende Aufführung, changierend zwischen Konzert und Performance, mit Bernhard Thomas Klein (Musiker und Komponist), Christine Koch (Bildhauerin) und Andieh Merk (Musiker) statt.

Weitere Informationen und den genauen Ablauf können Sie dem angefügten Faltblatt entnehmen: Faltblatt (6,4 MB)

Bitte beachten Sie, dass die Veranstaltung bei jedem Wetter unter freiem Himmel stattfindet. Es werden einfache Sitzgelegenheiten und Pavillons als Sonnen- oder Regenschutz zur Verfügung stehen.

Der Eintritt ist frei.

Die Veranstaltung wird organisiert und durchgeführt vom ZfP Reichenau und der Reihe „Kunst belebt“ des BodenseeKulturraum e.V., unterstützt von der Kunststiftung Landkreis Konstanz.

2017/08/07 20:08 · sw · 0 Kommentare

Duft der Steine - Theaterstück von Gerhard Zahner

Regie: Waltraud Rasch

Uraufführung: 21. September 2017

weitere Aufführungen 22.,23. September 6.,7., 20.,21. Oktober

Zeit: 20 Uhr

Ort: Theater-Zeller-Kultur, Fürstenbergstrasse 7a, 78315 Radolfzell

Karten: kartenbestellung@zellerkultur.de, Tel. 07732 8233941

Alice Fleischel wollte mit ihrem Sohn Günther nach dessen Entlassung die Flucht nach Brasilien wagen, aus diesem Grund wartete sie im Frühling 1940 im Hotel Schiff in Radolfzell auf ihn. Zu diesem Zeitpunkt in ihrer Geschichte setzt unser Theaterstück ein. Hier wird „unsübersteigend“ und beklemmend das Seelenleben eines Flüchtlings aufgezeigt. Wie Alice Fleischel im Schatten der Angst, des Misstrauens und der Ungerechtigkeit auf sich allein gestellt leben muss. In Ungewissheit und Schmerz, den widrigen Umständen zum Trotz zwischen vier Wänden ausharrt. Ihr einziger Berührungspunkt zur Außenwelt und der einzige warme Lichtblick in ihrem Leben ist der Hotelier Strudel, der sie beschützt. Obwohl sie ohne festen Wohnsitz und nur auf Fremdenzettel gemeldet ist, unterlässt er es die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten. Auch als der Bürgermeister im Sommer 1940 anordnet, dass die Jüdin Stadt und Hotel zu verlassen habe, gewährt ihr Strudel weiter Obdach und riskiert dabei sein eigenes Leben.

2017/07/18 19:08 · sw · 0 Kommentare
 
stolpersteine/frieda_armbruster.txt · Zuletzt geändert: 2016/07/07 08:19 von mw
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