Aktuelles
Stolpersteine
Radolfzell
Bodenseeregion
Recherche
Wiki
Karte von Radolfzell

Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Pauline Kindler (1903-1978)


Pauline Kindler, Passbild von 1947, Privatbesitz.

Pauline Kindler wurde am 16.09.1903 als zweites von drei Kindern des Schuhmachermeisters August Kindler und dessen Ehefrau Maria, geb. Mayer, in Radolfzell geboren. Obwohl sie eine begabte Schülerin war, blieb ihr der Besuch des Gymnasiums und eine höhere Ausbildung verwehrt, während ihre Brüder Josef und Karl Abitur machen und studieren konnten. Sie arbeitete ab 1923 zunächst als Kontoristin/Stenotypistin bei Schiesser, musste diese Arbeit aber wegen häufiger, krankheitsbedingter Fehlzeiten und psychischer Probleme aufgeben und wurde Arbeiterin bei Allweiler und in der Strickwarenfabrik Schroff (Radolfzell).

Am 19.6.1934 wurde Pauline Kindler in Begleitung und auf Antrag ihrer Mutter in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau aufgenommen. Diagnosestellung bei Aufnahme: „Schizophrenie (paranoid)“. Nach Einspruch ihres Bruders Josef Kindler, der seine Schwester rechtlich als „Pfleger“ vertrat und sowohl die Diagnose anzweifelte als auch den Versuch unternahm, die drohende Sterilisierung zu verhindern, wurde von Seiten der Anstalt von Med. Rat Dr. Hermann Zwilling ein umfassendes Gutachten zum Krankheitsbild und Krankheitsverlauf der Patientin erstellt, das die Erstdiagnose „bestätigte“.

Der klinische Direktor der Reichenauer Anstalt, Dr. Arthur Kuhn, beantragte am 7.7.1934 beim Erbgesundheitsgericht Konstanz die „Unfruchtbarmachung“ Pauline Kindlers auf Grund der §§ 1-3 des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wegen angeblicher Schizophrenie. Dieser Beschluss wurde am 12.11.1934 bestätigt, die Zwangssterilisation angeordnet und in der Zeit zwischen dem 28.11. und 10.12.1934 im Wöchnerinnenheim Konstanz durchgeführt - damit noch vor Verstreichen der Widerspruchsfrist von vier Wochen. Die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau entließ Pauline Kindler mit dem zynischen Aktenvermerk „gebessert und schonungsbedürftig“ am 12.12.1934 wieder nach Hause.


Stolperstein für Pauline Kindler, Bismarckstr. 3, Radolfzell, verlegt am 11. September 2015.

Pauline Kindlers erster Antrag auf „Wiedergutmachung“ von 1958 wurde von der Behörde „mangels Feststellbarkeit von nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen“ abgewiesen. Ein zweiter Antrag von 1970 wurde ebenfalls abgewiesen mit der Begründung, der Sterilisierung läge „ein ordentlicher und rechtskräftiger Beschluss des Erbgesundheitsgerichtes“ zugrunde. Nur wenn Sterilisierungen ohne einen solchen Beschluss vorgenommen wurden, wären Entschädigungsleistungen zu gewähren.


Der Wortlaut des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (1.1.1934)

Dieser Kammerentscheid wurde von Pauline Kindler vor dem Landgericht Stuttgart erfolgreich angefochten. Die Behörde gewährte ihr schließlich 1972 (Zitat:)

a. Für entgangene Lebensfreuden

b. Für entgangenen Unterhalt an durch die Sterilisierung nicht geborener Kinder

eine Pauschalabfindung in Höhe von DM 3.000,–

1961 vermachte sie ihre Haushälfte in der Hebelstraße 8 an eine zu gründende Stiftung, die eine Wohnstätte für „unbescholtene, unverheiratete, mittellose Frauen“ werden sollte und war damit die Gründerin des Frauenhauses in Radolfzell.

Eine lebende Angehörige Pauline Kindlers ist ihre Nichte Ursula Wagner, Achern.

Recherche: Markus Wolter
Patenschaft: Elisabeth Burkart

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite ist nicht gemeinfrei im Sinne der ansonsten in diesem Wiki geltenden Creative Commons CC 3.0 Lizenz.

Quellen:

Wiedergutmachungsakte, Staatsarchiv Freiburg F 196/1 Nr. 11767. Krankenakte, Heil- und Pflegeanstalt Konstanz / ca. 1910-1940; Patientenakten Frauen; Buchstabe K; Krankenakte Pauline Kindler, geb. 16. Sept. 1903, Staatsarchiv Freiburg, StAF, B 822/2 Nr. 1281; Stadler, Christof: Erfra(e)ulich – Frauen in der Radolfzeller Stadtgeschichte, in: Hegau 67 (2010), Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee. Themenband „Personen, Traditionen - Geschichte“, S. 5–40, zu Pauline Kindler hier S. 32f.

Termine

Kundgebung "NS-Vergangenheit in Radolfzell"

Kundgebung für mehr Toleranz und gegen örtliche Nazistrukturen am 8. Mai 2018 um 14 Uhr auf dem Luisenplatz

Die Stadt Radolfzell hat die Kundgebung am Luisenplatz allerdings untersagt, was von den Anmeldern derzeit rechtlich überprüft wird.

Auch die Luisenplatz-Kundgebung am 21. April war von der Stadt Radolfzell verboten worden. Das Verbot hatte das Freiburger Verwaltungsgericht jedoch in einem Eilverfahren als „offensichtlich rechtswidrig“ kassiert.

Quelle: http://oatkn.blogsport.de/


Ein weiteres Mal kam es zu einem extrem kurzfristigen Verbot einer seit Monaten angemeldeten Kundgebung zur „NS-Vergangenheit in Radolfzell“ auf dem Luisenplatz.

Die Verbotsbegründung der Stadt Radolfzell: der Präventionsrat der Stadt und das Bürgerbündnis Radolfzell für Demokratie (BRD) würden dort ein Friedensfest veranstalten, das aber, wie FGL-Gemeinderätin Nina Breimaier zugab, später angemeldet worden war.

Der Verbotsbescheid kam wieder einmal so kurzfristig, dass ein Eilverfahren für vorläufigen Rechtsschutz nicht mehr möglich war. Soviel zum Demokratiebegriff des Radolfzeller Bürgerbündnisses und der Radolfzeller Versammlungsbehörde.

Der 8. Mai ist ein Feiertag anlässlich des Kriegsendes und der Befreiung vom Nationalsozialismus.

2018/05/07 12:41 · sw · 0 Kommentare

Bündnis Bodensee Nazifrei - Demo am Kriegerdenkmal Radolfzell, 21. April 2018

„Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft“ - an Namenstafeln mit den SS-Tätern.

Vor dem Hintergrund der am „Volkstrauertag“ 2017 von der Stadt Radolfzell kurzerhand verbotenen, angemeldeten Kundgebung, die über die NS-Vergangenheit von Radolfzell sowie das Radolfzeller Kriegerdenkmal und örtliche Neonazi-Strukturen aufklären sollte, ist für den 21. April 2018 eine antifaschistische Demonstration vom Bahnhof zum Luisenplatz geplant. Organisation: Bündnis Bodensee Nazifrei.

Vgl.: Artikel in: seemoz, 13. April 2018.

Datum: Samstag, 21. April 2018

Zeit und Treffpunkt: Bahnhof Radolfzell, 14.00 Uhr

2018/04/16 10:26 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum München vom 18. März 2018 bis 17. Februar 2019 in Hohenems.

Ausgehend von der biblischen Erzählung von der Flucht der Efraimiten vor den siegreichen Gileaditern und ihrem tödlichen Scheitern an den Ufern des Jordans, lädt das Jüdische Museum Hohenems internationale Künstler dazu ein, Grenzen in aller Welt kritisch zu betrachten – nur einen Steinwurf vom alten Rhein entfernt, an dem sich ab 1938 Flüchtlingsdramen abspielten, deren Gegenwart wir heute an den Rand unseres Bewusstseins drängen.

http://www.jm-hohenems.at/ausstellungen/aktuelle-ausstellung

2018/03/08 19:35 · sw · 0 Kommentare

Fluchtwege - An der Grenze. Flucht in die Schweiz 1938–1945

Das Jüdische Museum Hohenems bietet im März öffentliche Führungen zu Fluchtwegen im Grenzgebiet zwischen Österreich und der Schweiz und zeigt den Film über den schweizer Fluchthelfer Paul Grüninger.

Sa, 24. Mrz 2018, 09:30-12:00 Uhr Fluchtwege - An der Grenze. Flucht in die Schweiz 1938–1945 Aktionstage Politische Bildung - Angebote für Schulklassen Ort: Jüdisches Museum Hohenems

Sa, 24. Mrz 2018, 13:00-15:00 Uhr Fluchtwege - An der Grenze. Flucht in die Schweiz 1938–1945 Aktionstage Politische Bildung - Angebote für Schulklassen Ort: Jüdisches Museum Hohenems

Sa, 24. Mrz 2018, 17:30-19:30 Uhr „Die Akte Grüninger“ Filmvorführung mit einer Einführung von Hanno Loewy, im Rahmen der Aktionstage Politische Bildung - Angebot für Schulklassen Ort: Bibliothek und Seminarraum Jüdisches Museum Hohenems

Quelle: http://www.jm-hohenems.at

2018/03/08 19:30 · sw · 0 Kommentare

Thälmann-Stolpersteine am 20.2.2018 in Singen/Htwl.

Am 20.2.2018 werden für Ernst, Rosa und Irma Thälmann in Singen/Htwl. zum ersten Mal 3 Stolpersteine verlegt. Der genaue Ort und die Uhrzeit werden noch bekanntgegeben. Irma und Rosa waren bei guten Freunden in Singen/Htlw. untergekommen und im August 1944 verhaftet und ins KZ Ravensbrück eingeliefert worden.

Das wird der Text der Stolpersteine sein:

ERNST THÄLMANN
JG. 1886
VORSITZENDER KPD
REICHSTAGSMITGLIED
GESTAPOHAFT AB 3.3.1933
ERMORDET 14.8.1944
KZ BUCHENWALD

HIER WOHNTE
ROSA THÄLMANN
JG. 1890
IM WIDERSTAND/KPD
VERHAFTET 1944
RAVENSBRÜCK
BEFREIT

HIER WOHNTE
IRMA VESTER
GEB.THÄLMANN
JG. 1919
VERHAFTET 1944
RAVENSBRÜCK
BEFREIT

2017/12/10 13:14 · sw · 0 Kommentare
 
stolpersteine/pauline_kindler.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/21 08:35 von sw
Recent changes RSS feed Creative Commons License Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki