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Karte von Radolfzell

Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Radolfzell zur NS-Zeit

Radolfzell wurde im Jahr 1937, mit dem umjubelten Einzug eines Bataillons der SS-Verfügungstruppe (SS-VT) in die neu errichtete SS-Kaserne, Garnisonsstadt.

Doch die NS-Geschichte von Radolfzell beginnt wesentlich früher, vielleicht mit der Gründung der NSDAP-Ortsgruppe im Jahr 1926. Erster NSDAP-Ortsgruppenleiter war Willy Renz, gefolgt von Arnold Haller am 12. Oktober 1937, bis dieser nach seiner Bestellung zum Villinger Kreisleiter am 1. August 1938 das Amt an den Radolfzeller Heilpraktiker(!) Otto Gräble abgab.

NS-Geschichte von Radolfzell

Alte Kämpfer“: „Ehrentafel der alten PG der NSDAP-Ortsgruppe Radolfzell, Oktober 1930“; angefertigt 1933.1)

Von links nach rechts, oben nach unten: E. Engelhardt, Friedrich Stoß, Viktor Graf (SA), Franz Hafner (SA), A. Berger, Rudolf Schwarzwälder (SS), Willy Renz (Ortsgruppenleiter), Richard Burk, Otto Hanauer, Ludwig Beck (SA), Egon Gabele, Willy Ritter, Ernst Weißhaupt | Hermann Gabele, A. Graf (SA), Johann Graf (SA), Vinzenz Miehle, Ch. Blessing, J. Poppe (SS), Emil Traub (SS), Eduard Schmidt, M. Renn, Oskar Klaumünzer, A. Haller, K. Hock, K. Glas, Eugen Speer | Emil Honold, W. Hügle, Otto Großhanser, Otto Braun, J. Frank, Georg Delp (SA), Rudolf Schoch (SA), Matthäus Renn (SA), Leo Bader (SA), Otto Bader, Alois Dellamaria, Karl Keck, Josef Häne, R. Riedmüller | Fritz Bachmann, W. Hügle, F. Straub (SA), Anton Simmendinger (SA), Anton Muffler, O. Keller (SA), Josef Mayer, Josef Ruh, Berthold Krembs, Josef Schlosser (SA), Ludwig Kurz, Ernst Bleyhl, Hermann Kirner (SA), Adolf Bonauer | Karl Truckenbrod, W. Schellinger (SS), E. Stier (SS), W. Stier, Franz Weschenfelder, K. Auer, Karl Riester (SA), Richard Bruttel, Johann Graf, Franz Sauter, E. Nutz, Theodor Thum, Oskar Bohl, Johann Hertenstein | E. Baumann, K. Barth (SS), G. Sigg (SA), Josef Deininger, Josef Glatt (SA), Reinhard Dischinger, Ernst Büche, J. Bertsche, Otto Bastian, H. Peter, O. Göhring, Th. Simmendinger, F. Heuer, Karl Stocker (SA).2)

Einige der genannten „Söhne der Stadt Radolfzell“ finden sich auch auf den Namenstafeln am „Kriegerdenkmal“.

Weitere markante Daten sind:3)

  • Im Oktober 1930 die Bildung einer SA in Radolfzell, die sich am 17. Mai 1931 unter Truppführer Ludwig Beck (siehe oben) bei einem Aufmarsch erstmals öffentlich präsentierte. Prominente Gastredner waren Fritz Plattner und der Münchner Gauleiter Adolf Wagner.
  • die Gründung eines SS-Zugs („Allgemeine SS“) in Radolfzell im Jahr 1931, unterstellt dem SS-Sturm von Konstanz, dieser wiederum dem dortigen SS-Sturmbann.
  • SA-Oberführer Hanns Ludin nimmt im November 1931 den Appell des Radolfzeller SA-Sturms 32 im Gasthaus „Adler“ ab.
  • die Wahlkampfveranstaltung mit Adolf Hitler am 29.7.1932 (vor angeblich 30.000 ZuhörerInnen) sowie zwei weitere Wahlkundgebungen im März 1938
  • Gründung des Radolfzeller SA-Sturmbanns II/114 (SA-Standarte 114, Konstanz) im Jahr 1934 unter Obertruppführer Ludwig Beck und Adjutant Viktor Graf
  • die Propagandamärsche der SA und SS auf der Höri (1932, 1933 und 1938)
  • der Fackelzug der SA anläßlich der Machtübernahme durch Hitler im Jahr 1933
  • die starke Zunahme der SA im Jahr 1934; Radolfzell wird Sitz der SA-Reiterstandarte 156
  • Radolfzeller SA-Angehörige stehen anlässlich des Reichspogroms im November 1938 vor dem Überlinger Textilgeschäft Wilhelm Levi (heute Münsterstraße 12) und hielten Kunden davon ab, „beim Juden zu kaufen“.4).
  • die Radolfzeller Wahlerfolge der NSDAP bei der Reichstagswahl am 31.7.1932 (NSDAP wird zweitstärkste Partei) sowie bei den Scheinwahlen nach der Machtergreifung (z.B. 98% Ja-Stimmen für Hitler bei der Reichstagswahl am 29.3.1936 oder 98,37% bei der Reichstagswahl am 10.4.1938 bei jeweils extrem hohen Wahlbeteiligungen)5)
  • die Ernennung des NSDAP-Kreisleiters Eugen Speer zum Bürgermeister im Februar 1934
  • diverse NS-Veranstaltungen im Scheffelhof („Gemeindepolitische“ Kundgebungen, „Braune“ Weihnachtsfeier, Theateraufführung der Hitlerjugend, Vereidigung von NSDAP-Mitgliedern,…)
  • Feier des „Tags des deutschen Volkstums in der Welt“ mit 1000 Radolfzeller Schülern auf dem früheren Hindenburgplatz (Marktplatz) am 22.9.1935
  • Großkundgebung mit Reichsstatthalter und Gauleiter Robert Wagner als Redner; Gegenstand seiner völkischen Hetzrede: „Kampf dem Bolschewismus“, 25.10.1936
  • „Bodensee-Lager der Leipziger HJ“ in Iznang - Ankunft und Aufenthalt von rund 1000 Angehörigen der HJ aus Leipzig im Juli 1938. Empfang am Radolfzeller Bahnhof durch die SS.6)
  • Bemerkenswert ist vor allem das einträchtige Miteinander der Zivilbevölkerung, der verschiedenen NS-Organisationen (SA, SS, HJ, BDM7), NSV8), KdF9) ) und der Waffen-SS im öffentlichen Leben der Stadt Radolfzell, sei es bei Turn- und Erntedankfesten, beim „Eintopfsonntag“, bei Fasnachtsumzügen, Weihnachtsfeiern oder sonstigen NS-Großveranstaltungen.
  • Die „Radolfzeller Fastnacht“ und die SS: In den „Hochburgen“ des Karnevals (Rheinland) und der Fastnacht (schwäbisch-alemannischer Raum) verstanden es die Nationalsozialisten, sich der Tradition des verordneten Frohsinns zu bemächtigen, indem sie die Karnevalsvereine und Narrenzünfte gleichschalteten und die Umzüge für ihre Sache instrumentalisierten und organisierten. In Radolfzell übernahm die stationierte SS diese Aufgabe. So lag die Durchführung der Radolfzeller Fastnachtsumzüge der Jahre 1938 und 1939 im Verein mit der willfährig mitwirkenden „Narrizella Ratoldi“ in der Hand der SS-„Germania“. Neu aufgefundene Fotografien dokumentieren diesen ebenso bizarren wie beklemmenden Aspekt der SS-Garnisonsstadt.10)

Wahlverhalten in Radolfzell

In der Weimarer Republik traten in Radolfzell drei Parteien, die man heute als rechtsextrem bezeichnen würde, zu Wahlen des Reichstags und des Landtags an. Dies waren

Sie vertraten deutschnationale, militaristische, antisemitische, rassistische und antikommunistische Positionen und teilten sich manchmal die Listen. Die DNVP und DVFP verloren gegenüber der NSDAP nach und nach an Boden und gingen letztlich in der NSDAP auf.

In der Folge werden die Wahlergebnisse bei den Reichs- und Landtagswahlen in Radolfzell aufgeführt11). Für eine größere Aussagekraft und Vergleichsmöglichkeit mit den Reichstags- und Reichspräsidentenwahlergebnissen in ganz Deutschland bzw. den Landtagswahlergebnissen im Land Baden sind die Überschriften mit den jeweiligen Wikipedia-Artikeln verlinkt:

Reichstagswahl vom 6.6.1920

SPDDNVPZentrumKPDDVPDDPSonstige
19,38%2,70%46,88%0,07%1,09%14,43%15,46%

Landtagswahl vom 30.10.1921

SPDDNVPZentrumKPDDVPDDPSonstige
25,98%2,01%49,58%4,87%2,21%15,12%0,24%

Reichtstagswahl vom 4.5.1924

SPDDNVPZentrumKPDDVPDDPSonstige
10,03%11,89%34,01%13,07%13,36%7,61%10,03%

Reichtstagswahl vom 7.12.1924

SPDDNVPZentrumKPDDVPDDPNSDAP/DVFPSonstige
13,15%10,42%35,50%7,47%15,79%9,82%4,87%2,98%

Landtagswahl vom 25.10.1925

SPDDNVPZentrumKPDDVPDDPNSDAPSonstige
17,27%4,27%%45,94%2,86%12,39%8,24%0,54%8,49%

Reichstagswahl vom 20.5.1928

SPDDNVPZentrumKPDDVPDDPNSDAPSonstige
17,43%4,02%39,52%5,73%12,52%11,45%1,178,15%

Landtagswahl vom 27.10.1929

SPDZentrumKPDDVPDDPNSDAPSonstige
20,35%45,35%3,60%10.10%11,40%1,43%7,77%

Großen Rückhalt in der Bevölkerung erhielt die NSDAP in Radolfzell ab Beginn der 1930er Jahre. Einen Erdrutschsieg verzeichneten die Nazis dann bei den Reichstagswahlen von 1932, wo sie in Radolfzell 31,92% der Stimmen erhielten. Bei der Reichtagswahl von 1933 wählten die Radolfzeller die NSDAP mit 39,16% zur stärksten Partei.

Reichstagswahl vom 14.9.1930

SPDDNVPZentrumKPDDVP/DDPNSDAPSonstige
14,88%3,16%39,43%10,41%15,49%9,24%7,38%

Reichstagswahl vom 31.7.1932

SPDDNVPZentrumKPDNSDAPSonstige
12,25%3,21%37,62%7,93%31,92%7,07%

Reichstagswahl vom 6.11.1932

SPDDNVPZentrumKPDNSDAPSonstige
13,69%4,59%36,07%12,61%24,35%8,68%

Reichstagswahl vom 5.3.1933

SPDZentrumKPDNSDAPSonstige
11,46%33,23%7,65%39,16%8,50%

Bei den Reichspräsidentenwahlen wurde in Radolfzell wie folgt gewählt12):

Reichspräsidentenwahl 26.4.1925

HindenburgMarxThälmann
34,22%60,66%5,12%

Reichspräsidentenwahl 10.4.1932

HindenburgHitlerThälmann
67,23%24,68%8,09%

Zeitgenössische Fotografien

"Machtübernahme" - 30. Januar 1933

Bevölkerung und SA am beflaggten Rathaus, 30. Januar 1933. Amtssitz von Bürgermeister Otto Blesch (1876–1951), der dieses Amt seit 1911 ausübte. Mit seinem Eintritt in die NSDAP am 1. Mai 1933 versuchte das ehemalige Mitglied der „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP), sich auch unter den neuen Machthabern zu halten. Fotografien: Liedl-Archiv, Radolfzell; StAR

"Radolfzell empfängt die SS", 31. Juli 1937

SS-Sturmbannführer Heinrich Koeppen zu Pferd, links, Ankunft auf dem Hindenburgplatz. Fotografie: Paul Moriell.

Großansicht (747 x 499 Pixel)

Marktplatz Radolfzell, 31. Juli 1937. Einzug der III./SS-Standarte Germania. Sturmbannführer Heinrich Koeppen (rechts vorn mit Helm) wird von Wehrmachts-Generalmajor E. von Groeneveld salutiert. Fotografie: vmtl. Paul Moriell. BArch-MA, N 756/330b.

Das Musikkorps des III./SS-VT „Germania“ unter SS-Obersturmführer Max Pausch, Radolfzell, 31.7.1937. Fotografie: Otto Reichardt.

Großansicht (1845 x 1083 Pixel)

Empfang am Rathaus. Erste Reihe, 6. v. links: Bürgermeister Josef Jöhle (in Parteiuniform und mit Amtskette), rechts daneben: Landeskommissär Gustav Wöhrle (in Zivil), SS-Oberführer Walter Stein (schwarze SS-Uniform), Landrat Carl Engelhardt (abgewandt), n.n. (SS-Angehöriger), Egon von Groeneveld (im Mantel der Wehrmachtsuniform), SA-Standartenführer Cäsar Graf v. Beroldingen u.a. Fotografie vom 31. Juli 1937. Vmtl. von Gotthard Liedl oder Paul Moriell, StAR.13)

„Deutscher Gruß“ der Repräsentanten aus NSDAP, SA, SS und Wehrmacht, u.a. Landeskommissär Gustav Wöhrle und SS-Oberführer Walter Stein, dieser hebt statt des vorgeschriebenen rechten den linken Arm.

Begrüßung der SS-VT durch Bürgermeister Josef Jöhle; linke Seite: SA-Angehörige; rechts: SS-VT; Mitte: Landeskommissär Gustav Wöhrle; von hinten links, mit Degen, SS-Sturmbannführer Koeppen; auf dem Podest neben dem Rathaus: Bürgermeister Josef Löhle. Perspektive: vom Marktplatz in die Kaufhausstraße. Fotografie: Paul Moriell.

NSV-Kindergarten und Volksschule

Das „St. Antoniushaus“ mit Hakenkreuzfahne und NSV-Runen-Schild („Kindergarten der NSV“) an der Hausfassade, R. Walther-Darréstr. 23 (vormals Schwertstraße). Fotografie um 1940, Privatbesitz. Sammlung Markus Wolter

Das noch kurz vor der NS-„Machtübernahme“, am 29.1.1933 als Kindergarten und Krankenpflegeanstalt eingeweihte „St. Antoniushaus“ war neben dem Kindergarten St. Josef in der Fürstenbergstr. 2 die zweite Vorschuleinrichtung des katholischen Frauenvereins Radolfzell. Nach Verbot des Frauenvereins 1937 wurde das Eigentum dem Deutschen Roten Kreuz, Badischer Frauenverein - Zweigverein Radolfzell übertragen und die beiden Einrichtungen wurden laut Adressbuch 1938 als NSV-Kindergarten und Krankenpflegeanstalt von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) mit NSV-Schwestern geführt. NSV-Ortsamtsleiter war der „Alte Kämpfer“ (NSDAP-Eintritt 1931) und Uniformträger Adolf Bonauer, seit 1934 auch Rektor der Radolfzeller Volksschule. 1944 erfolgte schließlich die Vermögensübertragung an die NSV.

Das NS-Ritual der Flaggenhissung auf dem Schulhof der Volksschule Radolfzell. Fotografie o.D., Stadtarchiv Radolfzell.

Das „gleichgeschaltete“ Kollegium der Radolfzeller Volksschule, 1934. In der Mitte, in der Uniform eines Politischen Leiters der NSDAP, der seit November 1933 als (zunächst kommissarischer) Rektor amtierende „Alte Kämpfer“ Adolf Bonauer (1886-1965).

Aus einer dienstlichen Beurteilung Bonauers durch das Kreischulamt Konstanz, 25.10.1937: „Mit Beziehung auf die am 27./28./30. 9. und 1.10. 1937 an der dortigen Schule vorgenommenen Schulbesuche spreche ich Ihnen meine besondere Anerkennung aus für die umsichtige, zielbewusste, ausgleichende und deutsche Leitung(!) der Grund- und Hauptschule Radolfzell. (…). Die Erziehung zu Volk und Staat ist überall erreicht.“ 14)

"bystanders" - Fotografien von den Rändern (30. Juni 1939)

„Volksgenossen“, Marktplatz, o.D. Fotografie: Paul Moriell

Fotografen, berufsmäßige wie auch zahlreiche Privatpersonen und „Hobbyfotografen“, haben das Zeitgeschehen zwischen 1933 und 1945 in Radolfzell dokumentiert. Die Bildüberlieferung ist in Teilen umfassend (Liedl-Archiv, Moriell- und Sutter-Archiv), in Teilen bedauerlich lückenhaft und dezimiert und verdankt sich nicht selten dem Zufall, der die Negativstreifen oder Alben aus privaten Nachlässen, in Kellern oder auf Speichern auftauchen ließ.

Wer Fotografien aufmerksam betrachtet, kennt die Erfahrung: der Blick lässt sich nicht nur auf das zentrale, vom Fotografen intendierte „Motiv“ fokussieren oder auf dieses begrenzen. Oft erst auf den zweiten Blick wird das abschweifende Auge auf ein wie zufällig und unbewusst das Bild und seine Wahrnehmung bestimmendes „punctum“ (Roland Barthes) gelenkt. Oft sind es die peripheren, scheinbar leeren, blinden oder „unscharfen“, vom Fotografen selbst „übersehenen“ Bildbereiche, die Nebenaspekte, ein Gegenstand, eine Person in der Menge, ein einzelnes Gesicht, denen das fotografische Interesse gilt.

„perpetrators, victims, bystanders“ (Raul Hilberg)

Nachfolgende Bild-Ausschnitte sind das Ergebnis einer solchen „punktuellen“ Erfahrung und blenden aus, was der Fotograf auf 33 Kleinbildfotografien „eigentlich“ zeigen wollte: einen Aufmarsch der SS, die Rückkehr des III.SS-Germania nach Radolfzell am 30. Juni 1939. Das SS-Bataillon war drei Monate in der okkupierten Tschechoslowakei „in schwierigem Einsatz“ gewesen, wie SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen verlauten ließ. Von Prag aus hatte er den Radolfzeller Bürgermeister wissen lassen, wie er sich die offizielle Begrüßung der Truppe in Radolfzell vorstelle, die Art der Beflaggung, die Aufmarschstraßen, die Zusammensetzung der Spaliere aus HJ und BDM, Vertreter der Stadtverwaltung, Repräsentanten aus NSDAP und SS.

Die Bild-Ausschnitte gelten den vermeintlich „Unbeteiligten“ an den Rändern der Fotografien und des Geschehens, den Zuschauern (bystanders). Diese fanden sich an jenem schönen Sommertag offenbar auch ohne Anordnung und Befehl zahlreich ein: an den Straßenrändern der Adolf-Hitler- und Teggingerstaße, auf dem Marktplatz, in den Fensterstöcken der Häuser und neben den Fahnen. Männer, Frauen - und Kinder; „normale“ Bürgerinnen und Bürger, die Menschen von Radolfzell, möchte man meinen.

© Markus Wolter, 2017. Fotografien: Josef Glatt, Privatbesitz. Digitalisate des Kleinbild-Negativfilms: Sammlung Markus Wolter.

Zur Geschichte des 25. April 1945 - Die Stadt Radolfzell, ihre "Retter" und "Ehrenbürger"

„Neben dem heißen Dank an die Vorsehung Gottes gebührt öffentlich Lob und Anerkennung für ihre mutvollen Bemühungen um die Rettung und Erhaltung der Stadt folgenden Personen, deren Namen in der Chronik der Stadt ehrende Erwähnung verdienen: Kaufmann August Kratt, Bürgermeisterstellvertreter, Heilpraktiker Otto Gräble, Ortsgruppenleiter, Stadtpfarrer Josef Zuber, Vikar Karl Ruby, Polizeirevier-Hauptmann Karl Frei.“ Josef Zimmermann (1888-1974)

Das im Stadtarchiv Radolfzell überlieferte Typoskript des NS-„Ortschronisten“ Josef Zimmermann - von den letzten Tagen der NS-Herrschaft in Radolfzell bis zur „kampflosen Übergabe“ der Stadt am 25. April 1945 - wurde in der bisherigen Stadtgeschichtsschreibung bedenkenlos kolportiert und unkritisch rezipiert, ohne dass die NS-Belastung des Autors und der genannten Protagonisten berücksichtigt worden wäre.15) So erkennt Zimmermann im 25. April 1945 auch weniger den Tag der Befreiung von der NS-Gewaltherrschaft als vielmehr der „Verschonung“ und „Rettung“ Radolfzells vor der Zerstörung durch den „Gegner“. Seine Chronik sah darin nichts Geringeres als „göttliche Vorsehung“ am Werk. Tatsächlich redete Zimmermanns Darstellung einem fragwürdigen lokalgeschichtlichen Narrativ das Wort, das – sieht man von den Vertretern der katholischen Kirche, Pfarrer Zuber und Vikar Ruby ab – mit NS-Bürgermeister August Kratt, NSDAP-Ortsgruppenleiter Otto Gräble und Polizeirevierleiter Karl Frei ausgerechnet die örtlichen Funktionsträger der NSDAP und NS-Polizei zu „Rettern“ der Stadt erklärte, sofern sie die drohende Zerstörung durch die anrückenden französischen Streitkräfte abgewendet bzw. den Verteidigungsbefehl von Wehrmacht und Waffen-SS unterlaufen hätten.

NSDAP-Ortsgruppenleiter Otto Gräble16)(rechts) und August Kratt; Kaufmann und NSDAP-Aktivist, Block- und Zellenleiter, förderndes Mitglied der SS, Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e.V. (Adefa), Bürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Radolfzell.17)

Vorbehalte gegenüber Zimmermanns „Chronik“ sind angebracht und deren Revision nötig, da unabhängige Quellen fehlen und insbesondere Kratt und Gräble im Rahmen ihrer „Entnazifizierung“ 1946–1948 als „Betroffene“ und NS-Belastete daran interessiert waren, diese „Geschichte“ zu ihren Gunsten und „Entlastung“ zu erzählen bzw. erzählen zu lassen.18) Dass in Spruchkammerfahren gegen die örtlichen NS-Repräsentanten immer wieder Stadtpfarrer Zuber und Schutzpolizist Karl Frei als „Entlastungszeugen“ auftraten und uniforme „Persilscheine“ ausstellten, gibt zu denken. Zuber beispielsweise hatte keine Bedenken, die NS-Bürgermeister Jöhle und Kratt zu jenen, so wörtlich, „korrekten“ und „anständigen Nationalsozialisten“ zu zählen, „die an einen Sieg der gemäßigten Elemente im Nationalsozialismus glaubten und dafür innerhalb der Partei arbeiteten“. Den „Einsatz seiner Person“ habe Kratt schließlich „gewagt, um die Zerstörung der Stadt durch verbrecherische Elemente der SS zu verhindern“. Zuber hielt dem „gläubigen protestantischen Christen“ Kratt zugute, die „ärgsten Auswüchse der Partei und ihren Gliederungen“, HJ, SS und SA, in ihrem „Kampf gegen die [katholische] Kirche“ verhindert zu haben und der „steigenden Macht der kirchenfeindlichen Kräfte innerhalb der Partei“ mäßigend entgegengetreten zu sein. Sowohl die wiederholten Stellungnahmen der Kratt-Apologeten als auch Kratts eigene Einlassungen entwerfen das Porträt eines selbstlosen, stets um das Wohl der Stadt und vornehmlich der (katholischen) Kirche besorgten Bürgermeisters, Christenmenschen und „guten Nationalsozialisten“, der durch sein „unermüdliches Eintreten für Sauberkeit und Gerechtigkeit“ die SS zuletzt veranlasst habe, ihn zur „gelegentlichen Liquidation auf die Liste der Todeskandidaten“ zu setzen. Trotz gegenteiliger, Kratt deutlich belastender Stellungnahmen19) beurteilte die Spruchkammer Kratt 1948 wohlwollend. Zwar müsse man den umtriebigen und – nach Umsätzen und Gewinnen 1933–1945 – auffällig erfolgreichen Geschäftsmann und „ehrenamtlichen“ Bürgermeister, NSDAP-Funktionär und SS-Förderer als Partei-„Aktivisten“ bezeichnen, zumal er „den Nationalsozialismus nach außen hin in erheblichem Maße repräsentiert“ habe, doch sei er kein „Nutznießer“ des NS-Systems gewesen; dies, obwohl die Kammer zugleich einräumte, dass Kratt „durch seine Stellung in der Partei zweifellos geschäftlichen Gewinn“ gehabt habe. So war es „Textilhändler“ August Kratt 1937 möglich, sein Unternehmen zu vergrößern und mit dem denkmalgeschützten „Hohen Haus“ in der Höllstraße ein weiteres, repräsentatives Gebäude zu erwerben, das dem „ersten Kaufhaus am Ort“, Marktplatz 13, seit 1940 als Ausstellungs- und Lagergebäude diente. In einem ersten Urteilsspruch 1947 verurteilte die Spruchkammer den „minderbelasteten“ (Gruppe III) Kratt zur Abgabe von 50 % (später 70 %) seines – nicht unerheblichen – Vermögenszuwachses seit 1933, ferner sollte ihm über 10 Jahre verboten werden, eine leitende Stellung oder selbständige Tätigkeit auszuüben. Gegen dieses Urteil legte Kratt, vertreten von Rechtsanwalt Theopont Diez, erfolgreich Revision ein. Die Kammer ordnete Kratt schließlich 1948 erneut der Gruppe der „Minderbelasteten“ zu, verhängte aber nur noch eine Geldstrafe in Höhe von RM 5.000,– und sprach Kratt das Verbot aus, sich während einer dreijährigen Bewährungsfrist politisch zu betätigen oder wählen zu lassen. „Die Kosten des Verfahrens trägt der Betroffene. Der Streitwert wird auf RM 33.000 festgesetzt.“

Als strafmildernd wurde Kratts mutmaßliches Verhalten am 25. April 1945 bewertet, als er nach Überzeugung der Spruchkammer „unter Einsatz seines Lebens“ und „gegen die Anweisung des Generals und Hauptsturmführers der SS“ [recte: General der Wehrmacht Hans Schmidt und SS-Kampfkommandant N.N. Schmidt] die Stadt Radolfzell dem französischen Kampfkommandanten „übergeben“ habe. Die Kammer folgte – in teils wörtlicher Übernahme – der Selbstmystifizierung Kratts und dessen mitunter zynischen Argumentation; wie auch den Stellungnahmen seiner örtlichen Unterstützer.

„Ich möchte hiermit ausdrücklich betonen, daß ich mich in keiner Weise vor den Folgen meiner formellen Zugehörigkeit zur NSDAP drücken will, aber ich habe, wie mir jedermann zuerkennt, mehr für die Rettung von Menschenleben und Eigentum getan als viele heutige Antifaschisten, die in der Zeit, als es um das Letzte ging, nicht hervortraten und allerdings hierzu nicht in der Lage waren.“ 20)

In Radolfzell schien man dieser Einschätzung noch 1962 zu folgen und verlieh Kratt aufgrund seiner „besonderen Verdienste als erster Beigeordneter und Bürgermeisterstellvertreter während des zweiten Weltkrieges“ die Ehrenbürgerwürde; im selben Jahr wurde auch Stadtpfarrer Josef Zuber diese Ehrung zuteil.

Fortgeschrieben wurde dieses Narrativ auf einer Steintafel, die am 50. Jahrtag des Geschehens vom 25. April 1945 am Münsterbrunnen angebracht wurde und folgende Inschrift trägt:

„Zur Erinnerung an die Bewahrung von Radolfzell: Am 25. April 1945 verhinderten verschiedene Personen die totale Zerstörung der Stadt: Bürgermeister-Stellvertreter August Kratt und Erwin Berger verhandelten mit den Franzosen über die gewaltfreie Übergabe. Stadtpfarrer Josef Zuber ließ durch seinen Vikar Karl Ruby unter Mithilfe von Manfred Lipp und Heinz Frank eine weiße Fahne auf dem Münsterturm hissen, mit Mathäus Hermann und Franz Stuber sicherte er den Turmeingang. Franz Stuber hisste auf Veranlassung von Gastwirt Fritz Volk eine zweite weiße Fahne auf der Obstbaugenossenschaft. 1962 wurden Stadtpfarrer Josef Zuber und August Kratt zu Ehrenbürgern ernannt. Große Kreisstadt Radolfzell am Bodensee, 25. April 1995.“

Kaufmann bleibt Kaufmann

Vor der Spruchkammer hatte der „ehrliche und ordentliche Kaufmann“ (Kratt über Kratt) 1946 vollmundig behauptet, er sei „der einzige gewesen, der es wagte, gegen alle Befehle die Stadt Radolfzell zu übergeben und die von mir gelieferte weiße Fahne hissen zu lassen.“

Markus Wolter, 2017.

Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell

Diese Karte von Radolfzell soll mögliche Orte mit Bezug zur NS-Zeit in Radolfzell veranschaulichen.

Quellen


1) Stadtarchiv Radolfzell; abgebildet in: Sebastian Hausendorf: „Eine böse Mißwirtschaft“. Radolfzell 1933-1935, Konstanz 2013, S. 34/35.
2) Zur Ergänzung der Vornamen diente u.a.: Adressbuch der Stadt Radolfzell am Bodensee und Umgebung, Stadler Verlag 1938.
3) Quelle überwiegend: Friedrich Stadler (Hrsg.): Adressbuch der Stadt Radolfzell am Bodensee und Umgebung, Konstanz, Stadler Verlag 1938, S. 22-41.
4) Geschäftsführer Viktor Levi, Sohn von Wilhelm Levi, wurde nach dem Pogrom nach Dachau deportiert und Tage später freigelassen, mit der Auflage, Deutschland sofort zu verlassen. Die Stadt Überlingen plant, Stolpersteine vor dem Geschäft zu verlegen. Quelle: Überlinger Stadtführung von Oswald Burger am 13.10.2013, sowie Südkurier, 13.3.2013.
5) Zur Bedeutung der Wahlen im Nationalsozialismus vgl. http://www.geschichte-s-h.de/vonabisz/wahlen-1933-bis-1938.htm
10) Recherche und Text: Markus Wolter
11) Hausendorf, Sebastian: »Eine böse Mißwirtschaft«. Radolfzell 1933-1935. Konstanz, UVK 2012, S. 135 ff
12) Hausendorf, Sebastian: »Eine böse Mißwirtschaft«. Radolfzell 1933-1935. Konstanz, UVK 2012, S. 141 f
13) Fotografien und Bildunterschriften in: Wolter, Markus: Radolfzell im Nationalsozialismus - Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Band 129, Thorbecke, Ostfildern 2011, hier S. 254/55.
14) Personalakte Adolf Bonauer, StAF, L 50/111218.
15) Josef Zimmermann (1888–1974), Volksschullehrer und Heimatforscher, aktives NSDAP-Mitglied, Ortsgruppenobmann des NSLB, Radolfzell. NS-Chronist Radolfzells, nach 1945 zahlreiche Publikationen zur Lokal- und Regionalgeschichte im „Südkurier“, davon viele anonym erschienen; vgl. „Kurze Stadtchronik“, in: Adressbuch der Stadt Radolfzell am Bodensee und Umgebung, Konstanz 1938, S. 37–41. Das Typoskript zum 25.4.1945 blieb unveröffentlicht, ist aber u.a. Grundlage der geschichtsverfälschenden Darstellung in: Raggenbass, Otto: Trotz Stacheldraht. 1939–1945. Grenzland am Bodensee und Hochrhein in schwerer Zeit. Konstanz 1964, hier das Kapitel: „Radolfzells aufregendste Tage“ (!), S. 99–100.; vgl. Spruchkammerakte Josef Zimmermann, StAF D 180/3 Nr. 1402
16) Otto Gräble, geb. 12.10.1898. Teilnahme am Ersten Weltkrieg, Gefreiter im Infanterieregiment 94; bürgerlicher Beruf: Heilpraktiker. NSDAP-Gemeinderat unter Eugen Speer (15.2.1934). NSDAP-Ortsgruppenleiter (1938-1945); nach 1945 vmtl. kurze Zeit in französischer Internierungshaft, weshalb seine Spruchkammerakte (StAF, D 180/2 Nr. 103216) heute im Archiv des Franz. Außenministeriums, Courneuve bei Paris, lagert. Der „entnazifizifierte“ Gräble lebte nach seiner Entlassung und bis zu seinem Tod (wann?) in Radolfzell.
17) August Kratt (1882–1969). Kaufmann. Mitglied der NSDAP (1.5.1933–1945), NSDAP-Nr. 3916638, Block- und Zellenleiter (1934–1943), DAF („Ortswalter Handel“), NSV, förderndes Mitglied der SS (1933–1942), Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e.V. (Adefa), des Reichskolonialbundes und Reichskriegerbundes. NSDAP-Gemeinderat 1935, Erster Beigeordneter von Bürgermeister Jöhle 1937-1942. Nach dessen Tod kommissarischer Bürgermeister (23.10.1942–1945). Ehrenbürger der Stadt Radolfzell (1962). Undatierte Fotografie, StAR. Vgl. Spruckammerakte August Kratt, 1946-1948, StAF D 180/2, Nr. 163641
18) Erhellend hierzu: Frank, Niklas: Dunkle Seele, feiges Maul. Wie absurd, komisch und skandalös sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen. Bonn, Diez 2016.
19) Vgl. die politische Beurteilung Kratts durch Paul Steiner, Vorsitzender der „Anti-Nazi-Bewegung“ Radolfzell, 17.8.1946: „Kratt, Nazi-Bürgermeister aus Radolfzell, ist Antisemit aus egoistischen Gründen. Er ist seit ihrem Bestehen der Nazipartei in Radolfzell zuzuzählen, großer Aktivist und Postenjäger“, StAF D 180/2 Nr. 163641, S. 6.
20) August Kratt in einer Stellungnahme im Jahr 1946, an den Prüfungsausschuss Industrie, Handel und Handwerk, Freiburg; betr.: „Politische Überprüfung.“

Termine

Aufgrund der am 28.10.2020 beschlossenen bundesweiten Maßnahmen zur Corona-Pandemie-Eindämmung abgesagt:

Vortrag: "Dr. med. Ludwig Finckh und die NS-Rassenhygiene"

Gauschulungslager des NS-Lehrerbundes (NSLB), Gaienhofen. „5. Lehrgang, Sonderkurs in Erbbiologie und Rassenkunde“, 1935. Ansichtskarte eines Kursteilnehmers an seine Familie in Pforzheim

Über Dr. med. Ludwig Finckh (1876-1964) wäre vermutlich längst das letzte Wort gesprochen und der Autor vergessen worden, wenn es sich bei ihm nur um den sogenannten „Heimat-Dichter“, den „Rosendoktor“ von der Höri gehandelt hätte. Als virulenter Nationalsozialist gibt Finckh stattdessen heute noch Anlass, sich mit seinem Fall kritisch auseinanderzusetzen. Teils als Vordenker, teils als Vortragsredner in Sachen NS-„Rassenhygiene“, betätigte sich Finckh u.a. als „Weltanschauungslehrer“ des NS-Lehrerbundes am Gauschulungslager des NSLB in Gaienhofen und an der Waffen-SS-Unterführerschule in Radolfzell. Neueste Recherchen belegen die Teilnahme von Finckhs Gauschulungslagern an eugenischen Tagungen der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau in den Jahren 1934-1938. (Text: Markus Wolter)

Referent: Markus Wolter, MA

Ort: VHS Konstanz, Katzgasse 7, Astoria Saal

Datum: 23. November 2020 (ursprünglicher Termin: 24. März 2020)

Zeit:19.30 - 21.00 Uhr

Anmeldung: VHS-Konstanz

2020/10/19 18:10 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden nach Gurs 1940 - Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag, 22. Oktober 2020

Camp de Gurs, Ende 1940.

Am 22. Oktober 2020 jährt sich die Deportation von über 6500 badischen und saarpfälzischen Jüdinnen und Juden in das südfranzösische Internierungslager Camp de Gurs 1940 zum 80. Mal.

Der Jahrestag der sogenannten "Wagner-Bürckel-Aktion" wird in Radolfzell auch in diesem Jahr mit einer Gedenkveranstaltung der Initiative Stolpersteine am Gurs-Mahnmal, zugleich Verlegeort des Stolpersteins für Alice Fleischel, am Seetorplatz begangen.

Datum: 22.10.2020

Uhrzeit: 17:00 Uhr

Ort: Radolfzell, Seetorplatz

ABSAGE: Die Gedenkveranstaltung wurde vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Lage von den Veranstaltern abgesagt.

Programm: Initiative Stolpersteine-Radolfzell

2020/10/15 21:53 · Markus Wolter · 0 Kommentare

4. Stolperstein-Verlegung in Radolfzell, 24. September 2020

Am 24. September des Gedenkjahres - 80 Jahre „Euthanasie“-„Aktion T4“ - kommt es zur Verlegung von fünf weiteren Stolpersteinen im Stadtgebiet von Radolfzell. Sie gelten Josefa Trost, geb. Klaus, Opfer der „Euthanasie“-„Aktion T4“ 1940, sowie Hermine Bauer und den |Geschwistern Josefine Fetzer, Anna Fetzer und Agnes Zimmermann, geb. Fetzer, die nach Maßgabe des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuches“ zwischen 1934 und 1939 zwangssterilisiert wurden.

Vgl.: Informationssystem des Radolfzeller Gemeinderats, Beschluss in der GR-Sitzung vom 5. Juni 2020.

Vgl.: Initiative Stolpersteine-Radolfzell

Ad personam: Josefine Fetzer

Screenshot von www.klepperle.de vom 17. Februar 2020; dort nach dem SK-Artikel vom 19. Februar 2020 gelöscht.

Radolfzeller „Brauchtumspflege“: Narrenvers „Dreschmaschine“. Er wird an der Fastnacht intoniert und verhöhnt ein Opfer des Nationalsozialismus - Josefine Fetzer (1910-1991) - bis heute; in diesem Jahr (2020) außerdem als Spottbild auf dem käuflich zu erwerbenden Narren-"Brettle" der "Narrizella Ratoldi" (Bild).

Vgl. weiterhin auf: "Heischeverse und Narrensprüche". Zit.: „Hier findest Du die wirklich wichtigen Dinge der alemannischen Fasnacht.“(!)

Vgl.: Dominique Hahn: Neue „Stolpersteine“ für Radolfzell, Wochenblatt, 16. September 2020; Online.

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Neuerscheinung

Markus Wolter: Die Radolfzeller Ärzteschaft im Nationalsozialismus. Das Fallbeispiel Dr. med. Hans Foerster (1894-1970).

In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 138. Heft 2020, Thorbecke Verlag 2020, S. 157-192; hier u. a. zu den Zwangssterilisationen der Geschwister Fetzer, zur Verantwortung der Ärzteschaft, zum NS-Ärztebund und zur Rolle der staatlichen Gesundheitsämter.

2020/08/24 12:30 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Vor 80 Jahren: "Aktion T4" - Zum Gedenken an die Opfer des NS-"Euthanasie"-Programms 1940

Im Rahmen der staatlich angeordneten und durchgeführten Massenmorde ("Aktion T4") an psychisch kranken und behinderten Menschen, die vor 80 Jahren in Deutschland begannen, wurden in den Monaten Mai bis November 1940 allein 214 Männer und 242 Frauen aus der „Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz“ (Reichenau) in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und dort in einer Gaskammer ermordet. Im Dezember 1940 und Januar/Februar 1941 erfolgte in drei weiteren Transporten die „Verlegung“ von 69 Reichenauer Patient/inen in die als Zwischenanstalt fungierende Anstalt nach Wiesloch, von wo aus die meisten in die Tötungsanstalt Hadamar verbracht wurden. Die Reichenauer Anstalt wies damit eine „Tötungsrate“ von über 50 % ihres Krankenstandes (869 Patient/innen) von Anfang 1940 auf.

Insgesamt konnten 14 „T4“-Opfer aus Radolfzell und den Ortsteilen ermittelt werden; an ihr Leben erinnern in Radolfzell bislang sechs Stolpersteine, die 2015 und 2016 verlegt wurden. Die Frauen, Männer und Kinder waren Patient*innen der Heil- und Pflegeanstalten Reichenau, Emmendingen und Wiesloch, der Kreispflegeanstalt Geisingen, der Universitätsnervenklink Freiburg und/oder „Pfleglinge“ der St. Josefsanstalt Herten und davor in Kinderheimen in Freiburg, Konstanz und Sigmaringen untergebracht.

2020/06/10 14:59 · Markus Wolter

Kundgebung zum 8. Mai 2020 auf dem Luisenplatz

Anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des deutschen Nationalsozialismus organisierte das Feministische Antifaschistische Kollektiv (FAK) auf dem Radolfzeller Luisenplatz eine Kundgebung unter dem Motto “Entnazifizierung – Heraus zum 8. Mai!”, die erst von der Radolfzeller Stadtverwaltung verboten, später dann doch noch mit Auflagen zugelassen wurde. Mehrere regionale Gruppen wie die Konstanzer Seebrücke, das OAT Konstanz, die VVN-BdA, die Linksjugend, das Rojava-Bündnis und die Singener Teestube riefen mit zur Kundgebung auf und hielten teils eigene Reden. Ca. 40 Personen waren gekommen und informierten sich anhand von Texttafeln z.B. über das unsägliche Gedenkmal das heute noch gefallene SS-Angehörige als „Opfer“ ehrt. Die Namen der SS-Angehörigen waren mit pinker Kreide hervorgehoben worden - auf den Stufen vor dem Denkmal stand „Deutsche Täter sind keine Opfer“. Das Kriegerdenkmal wurde mit VVN- und Antifafahnen verziert.

Bericht beim Feministischen Antifaschistischen Kollektiv

2020/05/09 15:34 · sw · 0 Kommentare
 
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