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Alice Fleischel

Stolperstein Alice Fleischel  

Stolperstein für Alice Fleischel, Seetorplatz Radolfzell, verlegt 2014.

Alice Fleischel, geb. Rossin, wurde am 04.06.1873 als Tochter jüdischer Eltern in Hamburg geboren. Sie war mit dem Berliner Verleger Egon Fleischel (1862-1936) verheiratet. Alice und Egon Fleischel konvertierten 1897 zum Christentum. Das Paar hatte zwei Söhne, Erich Fleischel, geb. 1897, und Günther Fleischel, geb. 1903. Alice Fleischel lebte mit ihrer Familie lange Jahre in Berlin, zuletzt allein in München und Radolfzell.

Alice Fleischel, die, aus München über Baden-Baden kommend, seit April 1940 im „Bahnhofhotel Schiff“ am Bahnhofplatz 1 / Ecke Seetorstr. 2 in Radolfzell wohnte, wurde dort am 22. Oktober 1940 von der Gestapo Konstanz im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ verhaftet. Noch am selben Tag wurde sie per Zug ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert, wo sie am 26. April 1941 ums Leben kam.

In ihrer Unterkunft in Radolfzell war sie entschieden, über die Schweiz nach Südamerika oder Italien zu gelangen, wo eine Schwägerin lebte. In Radolfzell hatte sie zunächst keine offizielle Meldeadresse und wurde der Polizei erst aufgrund einer Denunziation bekannt. Die überlieferte Meldekarte im Stadtarchiv Radolfzell belegt eine (nachträglich?) zum 1. Juli 1940 vorgenommene, reguläre Anmeldung und verzeichnet akribisch: „Jahr und Tag der Anmeldung: 1.7.40; Wohnung: Bahnhofplatz 1, Hotel Schiff. Jahr und Tag der Abmeldung: 22.10.40. Von Gestapo Konstanz abtransportiert.“

Die in Teilen überlieferte Korrespondenz zwischen Alice Fleischel in München beziehungsweise Radolfzell und ihrem Sohn Günther, der wegen angeblicher „Rassenschande“ damals im Zuchthaus Hameln inhaftiert war, macht deutlich, dass Günther Fleischel noch im Jahr 1940 plante, zusammen mit seiner Mutter nach Brasilien zu emigrieren. In einem Brief vom 18. Februar 1940 aus München äußerte Alice Fleischel zwar noch grundsätzlichen Zweifel an dem gemeinsamen Vorhaben, „denn was sollen alle Staaten mit all den Juden anfangen!“ Schließlich erhielt Günther aber doch die Mitteilung aus Radolfzell, dass seine Mutter mit ihm auswandern wolle. Im September 1940 schickte Alice Fleischel aus Radolfzell - wie auch zuvor schon bei verschiedenen Anlässen - letztmals vor der Deportation einen kleinen Geldbetrag zur Unterstützung ihres Sohnes ins Zuchthaus nach Hameln

Anfang Februar 1941 äußerte Günther Fleischel in einem Brief an seinen Freund Kurt Kaliski die Hoffnung, im Laufe des Monats noch Post von seiner Mutter zu bekommen, doch eine Mitteilung seiner in Berlin wohnenden Tante Charlotte Asten vom 21. Mai 1941 informierte ihn ohne nähere Angaben vom Tod Alice Fleischels.Auch ihre beiden Söhne überlebten die NS-Zeit nicht. Erich Fleischel wurde nach dem 4. März 1943 im KZ Majdanek ermordet. Günther Rolf Egon Fleischel starb am 5. September 1943 an einer Krebserkrankung im Ghetto Riga.

Heute noch lebender Angehöriger der Familie ist Gilbert Fleischel, Köln, Großneffe von Egon und Alice Fleischel und Enkel von Bruno Fleischel, eines Bruders von Egon Fleischel.

Quellen

Meldekarteikarte Alice Fleischel, Stadtarchiv Radolfzell. Zu Günther und Alice Fleischel vgl.: Herbert Obenaus: Vom SA-Mann zum jüdischen Ghettoältesten in Riga. Zur Biographie von Günther Fleischel. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 8 (1999), S. 278–299.Überlieferte Korrespondenz von Alice und Günther Fleischel in der Häftlingsakte Günther Fleischel, Zuchthaus Hameln, Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann.86 Hameln Acc 143/90 Nr. 3613.Badische Landesbibibliothek Karlsruhe, Digitalisat der Transportlisten aller am 22. Oktober 1940 aus Baden nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden, Alice Sara Fleischel hier unter „Radolfzell“, Bl. 59.; vgl. auch: Stadtarchiv Konstanz, Stolpersteine Konstanz.

Dokumentation zum Aufenthalt Alice Fleischels in Radolfzell und zu ihrer Deportation nach Gurs: Markus Wolter: Juden in Radolfzell.
 

Recherche: Markus Wolter
Patenschaft: Ute Müller


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