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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



SS-Kaserne und KZ-Außenkommando Radolfzell

In Radolfzell am Bodensee befindet sich eine ehemalige SS-Kaserne aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Sie wurde in den Jahren 1935-1937 auf Initiative der Stadt erbaut und war von 1937 bis 1945 mit verschiedenen SS-Einheiten belegt. Von diesen Einheiten gingen zahlreiche Verbrechen aus.

Unter anderem war in der Radolfzeller SS-Kaserne auch ein Außenkommando des KZ Dachau untergebracht.

Nach 1945 bezogen französische Truppen die Kaserne. Nach deren Abzug 1977 verfiel sie zusehends und diente in den 90er Jahren u.a. als Unterkunft für AsylbewerberInnen. Nach einer allgemeinen Sanierung der erhaltenen, 1995 unter Denkmalschutz gestellten Bausubstanz (Stabsgebäude, Mannschaftsgebäude, Wirtschaftsgebäude, Kraftwagenhalle, Turn- und Exerzierhalle, Führerheim, Umfassungsmauern) entstand auf dem Gelände ein modernes Gewerbegebiet.

Schrittweise wurden über die Jahre viele Spuren getilgt, die an die Nutzung in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern.

Zeitgenössische Ansichtskarte, Luftbild Franz Thorbecke, um 1955. Sammlung Markus Wolter.

Der Kasernenkomplex um 1950. Fotografie: Urheber unbekannt. Sammlung Markus Wolter.

Entstehung

Die Initiative für den Bau der SS-Kaserne ging auf den NSDAP-Kreisleiter und Gauinspekteur Eugen Speer zurück. Er war im Februar 1934 von Gauleiter Robert Wagner als Radolfzeller Bürgermeister eingesetzt worden. Zeitgleich wurde damals der Gemeinderat ausgetauscht und durchgängig mit Nationalsozialisten besetzt. 1)

Mit vereinten Kräften warben die Radolfzeller Ratsherren für dieses Projekt und erhielten schließlich den Zuschlag, nachdem sie dem Deutschen Reich große Teile der Gemarkung Radolfzell kostenlos für das Kasernenareal überlassen hatten.2)

Stabsgebäude, Zufahrt mit vorgelagerten Wachhäuschen, 1937/38. Fotografie Hillebrecht. Sammlung Markus Wolter

Der Entwurf stammt von dem Karlsruher Architekten Hermann Alker. Seit spätestens Februar 1934 Mitglied der NSDAP und der Allgemeinen SS, verdankte Alker seinen guten Kontakten zu Gauleiter Robert Wagner, zum NSDAP-Funktionär Franz Moraller und vor allem zum Adjutanten Robert Wagners, SS-Standartenführer Karl Bock (1899-1943), die Auftragsvergabe für die SS-Kaserne Radolfzell. Am 26. Juli 1934 kamen Bock und Alker zu einem gemeinsamen Ortstermin nach Radolfzell, um sich ein Bild des projektierten Kasernenareals zu machen. Im Jahr 1935 konnte mit dem Bau begonnen werden, ein Jahr später, am 26. September 1936, war bereits Richtfest.3) Entgegen aller Hoffnung kamen Radolfzeller Baufirmen und Gewerbebetriebe nicht zum Zug. 4)

Doch wurden 800 Arbeitslose beim Bau eingesetzt, unter bewusstem Verzicht auf arbeitserleichternde Maschinen.5) „Arbeiten für die Volksgemeinschaft“ hieß das damals, Vorbote von Zwangsarbeit und Arbeitserziehungslager. Die nationalsozialistische Arbeitsmarktpolitk der Arbeitsbeschaffung durch Wiederaufrüstung wird am Beispiel des Radolfzeller Kasernenbaus besonders deutlich.

Am 31. Juli 1937 bezog das 3. Bataillon der SS-Germania die Kaserne. Die Stadt Radolfzell empfing die Einheiten mit stürmischem Jubel.6)

SS-Einheiten

„Herzlich Willkommen“

Radolfzell am 30. Juni 1939: Rückkehr und offizielle Begrüßung des III./SS „Germania“ nach dem Einsatz als Wachbataillon auf der Prager Burg, März-Juni 1939 (vgl. Zerschlagung der Tschechoslowakei). Der vorausgefahrene Bataillonskommandeur, SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen (1890-1939), nimmt auf dem „Hindenburgplatz“ (Marktplatz) die Vorbeifahrt der Truppe vom Fahrzeug aus ab; NSDAP- und SS-Repräsentanten aus Radolfzell und Konstanz, HJ, BDM, ZuschauerInnen.

"SS Herzlich Willkommen" - Radolfzell am 30. Juni 1939. Fotografie: Josef Glatt, Privatbesitz. Digitalisat des Kleinbild-Negativs: Sammlung Markus Wolter.

SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen nimmt auf dem Marktplatz die Vorbeifahrt der Kolonne ab; links NSDAP-Ortsgruppenleiter Otto Gräble. Fotografie: Josef Glatt, Privatbesitz. Digitalisat des Kleinbild-Negativs: Sammlung Markus Wolter.

Eintreffen der LKW-Kolonne und Kradschützen des III.SS-"Germania" auf dem beflaggten "Hindenburgplatz"; Spalier von HJ und BDM, die Blumen verteilen, im Hintergrund der Kommandeurs-PKW mit dem salutierenden Koeppen, Kaufhaus August Kratt. Fotografie: Hillebrecht. Sammlung Markus Wolter.

Folgende SS-Einheiten waren in der Radolfzeller Kaserne stationiert:

  • 3. Ba­tail­lon der SS-VT-​Standarte „Ger­ma­nia“ (31. Juli 1937 – 18. August 1939) → vgl. Wikipedia: SS-Verfügungstruppe
  • 2 Kompanien der SS-VT-Flugabwehr MG-Abteilung (September-November 1939), die aus KZ-Wachverbandsangehörigen des aufgelösten Dachauer Sturmbanns "N" bestand.
  • SS-​To­ten­kopf-​In­fan­te­rie-​Er­satz-​Ba­tail­lon I (16. Dezember 1939 – 30. November 1940) → vgl. Wikipedia: SS-Division Totenkopf
  • SS-Totenkopf-Kradschützen-Ersatz-Kompanie (1939/40)
  • Gruppenführerlehrgang im Rahmen der SS-Unterführerausbildung (Ende 1940/Anfang 1941). Das „Kommando der Waffen-SS“, hervorgegangen am 1. Mai 1940 aus der Inspektion der SS-VT und ab August 1940 unter Führung des neu geschaffenen SS-Führungshauptamts (SS-FHA) mit Heinrich Himmler als dessen damaligem Leiter, verfügte im November 1940 die Verlegung eines SS-Unterführerlehrgangs von Berlin-Blankensee, Trebbin, in die Heinrich-Koeppen-Kaserne. Der Kommandeur und das Schulungspersonal dieses Unterführerlehrgangs (auch als Gruppenführerlehrgang bezeichnet; nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Dienstgrad des SS-Gruppenführers) bildete das erste Stammpersonal der Anfang 1941 aufzubauenden Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell.
  • Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell (USR) (15. Februar 1941 – 2. Mai 1945) → vgl. Wikipedia: Führerschulen der SS, des SD und der Sicherheitspolizei

MG-Kompanie der USR, Winter 1943/44. Stabs- und Mannschaftsgebäude in Tarnanstrich. Fotografie in Privatbesitz. Digitalisat: Sammlung Markus Wolter

  • 4. Kriegs-Reserve-Führer-Anwärter-Lehrgang (RFA) an der USR (März-Mai 1941), Lehrpersonal u. a. von der Junkerschule Bad Tölz.
  • Angehörige des SS-Totenkopf-Sturmbanns Dachau, die Wachmannschaft des KZ-Außenkommandos Radolfzell (19. Mai 1941-Januar 1945)

Verbrechen, die von der SS ausgingen

Die Verbrechen, die von den verschiedenen SS-Einheiten im Nationalsozialismus ausgingen, insbesondere ihre Rolle im Holocaust, bei der Bewachung der Konzentrationslager und ihre Gräueltaten in den eroberten Gebieten sind gut dokumentiert (vgl. z.B. bei Wikipedia) und brauchen hier nicht wiederholt zu werden.

Die Radolfzeller SS-Einheiten sprengten in der Region Synagogen, deportierten Jüdinnen und Juden in Konzentrationslager, waren am 'Anschluß' von Österreich, der Besetzung der Su­de­ten­deut­schen Ge­bie­te, der Zer­schla­gung der Tsche­cho­slo­wa­kei und dem Über­fall auf Polen beteiligt.

Überliefert sind folgende Verbrechen, für die u.a. Radolfzeller SS-Einheiten bzw. die KZ-Wachmannschaften des Außenlagers verantwortlich sind:

  • Im Verlauf der Reichspogromnacht (9./10.11.1938) wurden in Horn, Wan­gen, Gai­lin­gen, Ran­degg, Sin­gen und Über­lin­gen viele jü­di­sche Män­ner in die Kel­ler der Rat­häu­ser ver­schleppt und schwer miss­han­delt bzw. ge­fol­tert. Ein Pionierzug der III.SS-VT-Standarte aus Radolfzell sprengte und plünderte die Synagogen von Konstanz, Gailingen, Wangen und Randegg. Viele jü­di­sche Män­ner wur­den am dar­auf fol­gen­den Tag ins KZ Dachau ver­bracht, wo ei­ni­ge von ihnen ums Leben kamen, an­de­re, die wie­der­kehr­ten, waren see­lisch und kör­per­lich ge­bro­chen. Beteiligt waren die Allgemeine SS, die SS-Verfügungstruppe aus der Radolfzeller Kaserne, SA-Einheiten sowie die Gestapo. 7) 8)
Die Synagoge von Konstanz, nach ihrer Sprengung durch die Radolfzeller SS-VT „Germania“ am 10. November 1938.Die Synagoge von Wangen (Öhningen), um 1925. Von der zerstörten Synagoge ist keine Fotografie überliefert.Die Synagoge von Randegg, nach ihrer Sprengung durch die Radolfzeller SS-VT „Germania“ am 10. November 1938.Die Synagoge von Gailingen, nach ihrer Sprengung durch die Radolfzeller SS-VT „Germania“ am 10. November 1938. Bildarchiv Yad Vashem.
  • 314 Personen aus 11 Orten im Kreis Konstanz (Überlingen, Waldshut, Konstanz, Bohlingen, Gailingen, Hilzingen, Radolfzell, Randegg, Tiengen, Waldshut, Wangen) wurden am 22.10.1940 in das südfranzösische Internierungsla­ger Gurs deportiert.9) Schon auf der Fahrt starben einige ältere Menschen, die im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion aus ganz Baden und der Rheinpfalz deportiert wurden. Die meisten anderen starben jedoch entweder in Gurs oder später im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. 10) 11) 12) 13) 14)
  • Am 20. Juli 1944 be­fahl der damalige SS-​H­auptsturmführer Dr. Kurt Groß die Tö­tung zwei­er in Öh­nin­gen und Wan­gen ge­fan­gen ge­nom­me­ner ame­ri­ka­ni­scher Pi­lo­ten, die nach dem Luft­an­griff auf Fried­richs­ha­fen mit ihren Fall­schir­men ab­ge­sprun­gen waren.15)
  • 5 Exekutionen von Deserteuren durch Angehörige der Unterführerschule bzw. des SS-Regiments Radolfzell fanden im März und April 1945 statt. 16)
  • Kurt Groß, zuletzt stellvertretender Kommandeur der Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell und Kom­man­deur einer nach ihm be­nann­ten „Kampf­grup­pe Groß“ in Kompaniestärke, lieferte sich im Rathaus von Wahl­wies eine Schieße­rei mit Männern des Volkss­turm­s, die sich ge­wei­gert hatten, eine Pan­zer­sper­re vor den an­rü­cken­den Fran­zo­sen zu schlie­ßen. Dabei kamen am 21. April 1945 vier Menschen ums Leben.17) 18) 19)
  • Des weiteren er­schoss die Kampfgruppe der USR am 23. April 1945 in Stockach fünf Angehörige der französischen Streitkräfte - wahrscheinlich nachdem sie bereits gefangen genommen waren, sowie 16 ausländische Zwangs­ar­bei­ter und Kriegsgefangene: drei Franzosen, fünf Italiener, einen Polen und sieben Russen. 20) 21)
  • Karl Bäder, Bürgermeisterstellvertreter von Singen wurde am 24. April 1945 durch Angehörige der Radolfzeller Waffen-SS ermordet. Für seine Bemühungen, die Stadt Singen den französischen Streitkräften kampflos zu übergehen, wurde er an einen Laternenpfahl in der Nähe der Aluminium Walzwerke Singen aufgehängt.22) 23)

Außenkommando des KZ Dachau

Die Arbeiten am Großkaliber-Schießstand der Unterführerschule wurden ab 1941 mit Hilfe von KZ-Häftlingen aus Dachau fertig gestellt. Eine erste Verlegung von etwa 113 Männern nach Radolfzell fand im Mai 1941 statt. Ab 1942 kam es wieder zu Rückverlegungen. Die letzten 19 KZ-Häftlinge wurden laut Transportliste im Januar 1945 ins KZ Dachau transportiert.

Transporte von KZ-Häftlingen von Dachau nach Radolfzell und zurück. (Quelle Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg, B162/16384)

Während der Jahre im Außenlager Radolfzell wurden die Häftlinge gemäß der Dachauer Lagerordnung von Dachauer Wachmannschaften bewacht. In der Kaserne übernahmen Soldaten der Unterführerschule die Bewachung. Die KZ-Insassen mussten sowohl körperlich anstrengende Erdarbeiten bei der SS-Schießanlage verrichten als auch verschiedene Arbeiten in der Kaserne und beim Herzenbad. Radolfzeller Firmen konnten KZ-Häftlinge zur Arbeitsleistung anfordern. 24) Etwa 15 KZ-Häftlinge waren 1943/44 nachweislich beim Bau eines unterirdischen Kleinkaliber-Schießstandes bzw. Erdbunkers östlich des Wirtschaftsgebäudes eingesetzt und mussten hierfür die Ausschachtungsarbeiten ausführen.25)

Die Unterbringung im Pferdestall der Kaserne sowie die Verpflegung war laut Aussage eines Häftlings „nicht besser als im Hauptlager Dachau“.

Der Tagesablauf sah i.d.R. so aus: 6 Uhr wecken, 6:15 Uhr Appell, 6:30 Uhr Marsch zum Schießstand, Arbeit bis 12 Uhr, dann eine halbe Stunde Pause, und weiterarbeiten bis 17:30 Uhr. Danach ging es zurück in die Kaserne.

Es kam zu mehreren Tötungen von KZ-Häftlingen:26)

Während des Arbeitseinsatzes kamen, durch überlieferte Dokumente aus Dachau nachweislich, mindestens zwei Häftlinge gewaltsam zu Tode - im Jargon der Täter: „auf der Flucht erschossen“ bzw. bei einem „Unfall“:

  • Jacob Dörr (geb. 1916) war erst am 25. April 1941 von seiner Geburtsstadt Frankfurt in das KZ Dachau verschleppt worden und wurde dort mit der Häftlingsnummer 24562 als „Asozialer“, d.h. „AZR“-Häftling von der Lagerverwaltung registriert. Im Außenlager Radolfzell galt er allerdings als „politischer Vorbeugungshäftling“. Er wurde von einem SS-Wachposten erschossen, nachdem seine Mütze hinter die Postenkette geworfen worden war und er den Befehl erhielt, die Mütze wieder zu holen. Seine Leiche wurde noch am Tag der Ermordung am 11. November 1941 im Krematorium Konstanz eingeäschert.

Mutmaßlicher Täter: (Ludwig) Schmidt (Schmitt), (geb. vmtl. in Mönchengladbach, gestorben 1976 in Mönchengladbach), SS-Rottenführer oder SS-Unterscharführer. Laut Aussage des überlebenden Häflings Josef Drehsen war Ludwig Schmidt „eine Art Stellvertreter“ von Kommandoführer Josef Seuß (BArch B 162/16384, Bl. 165 f.). Nach Aussage des überlebenden Häftlings Alfons Krzebietke habe ein SS-Unterscharführer oder SS-Rottenführer „mit Namen Schmidt (phon.)“ einen Häftling auf dem Schießplatzgelände erschossen. Vor dem Kriminalkommissariat München sagte Alfons Krzebietke am 24. März 1969 wie folgt aus: „Während meines Aufenthaltes in Radolfzell [Mai 1941-Herbst 1942] habe ich nur eine Häftlingstötung miterlebt. Anfangs 1942 (!), während der Arbeiten am Schießstand, sah ich, wie der SS-Unterführer, er kann auch SS-Rottenführer gewesen sein, mit Namen Schmidt (phon.), einem mir namentlich nicht bekannten Häftling, der an der Lore arbeitete, die Mütze vom Kopf riss und diese außerhalb der Postenkette warf. Als der Häftling dann auf seinem Befehl die Mütze holen wollte und sich außerhalb der Postenkette begab, wurde er von Schmidt mit dem Karabiner erschossen. Nähere Einzelheiten von Schmidt sind mir nicht erinnerlich; ich würde ihn aber auf einnem Lichtbild sofort wieder erkennen.“ (BArch B 162/16384, Bl. 72) Möglicherweise handelte es sich bei dem erschossenen Häftling um Jacob Dörr; dieser allerdings wurde nachweislich bereits am 11. November 1941 auf dem Schießplatzgelände auf die von Krzebietke geschilderte Art erschossen. Im Rahmen der 1978 eingestellten Ermittlungen konnte der SS-Angehörige Ludwig Schmidt nicht (mehr) ausfindig gemacht werden.

  • Fritz Klose (geb. 16.7.1904) aus Rehlau, Oberschlesien, seit 21.09.1940 im KZ Sachsenhausen in „Vorbeugehaft“ und in der Strafkompanie („SK“)- Häftlingskategorie: „BV/Sittl“ (=„Berufsverbrecher/ Sittlichkeitsverbrecher“27) - und vmtl. wegen TBC-Erkrankung mehrmals im Krankenbau, war am 21./22. Oktober 1941 von Sachsenhausen nach Dachau überstellt worden und kam dort in den TBC-Block.

Die Schreibstubenkarte von Fritz Klose, KZ Dachau, mit dem Vermerk seiner Überstellung aus Sachsenhausen am 22. Oktober 1941 und seines Todes am 5. August 1943 im „Außenkommando Radolfzell“. ITS Bad Arolsen.

Vor Mai 1942 ins Außenkommando Radolfzell verlegt, wurde Klose, den die Dachauer Bestandstärkeliste vom Mai 1942 nun als „PSV“-Häftling (= „polizeiliche Sicherungsverwahrung“) führt, zwischen dem 3. und 5. August 1943 mutmaßlich bei einem Außeneinsatz und/oder „auf der Flucht“ von einer SS-Wache umgebracht. Seine Leiche wurde am 5. August 1943 im Böhringer See gefunden, einer Leichenschau in Radolfzell unterzogen und dort begraben. Die genauen Umstände von Fritz Kloses Tod sind bis heute ungeklärt. In den Dachauer Lagerdokumenten (Totenbuch und Buch der „Veränderungsmeldungen“) ist als verschleiernde Todesursache „Unfall“ angegeben. 28)

  • Außerdem hat es nach Aussagen überlebender Häftlinge (Vorermittlungen der „Zentralen Stelle“ Ludwigsburg) weitere Häftlingstötungen gegeben:

Lt. Zeugenaussage des ehemaligen Häftlings Josef Drehsen, 8.12.1976, vor dem Amtsgericht Mönchengladbach, AS 23-31, erschoss der SS-Rottenfüher und spätere SS-Unterscharführer Jakob Stock kurze Zeit vor Rücküberstellung Drehsens nach Dachau (26.8.1942) zwei Häftlinge bei der Arbeit auf dem Schießplatzgelände. „Ziemlich gegen Ende meines Aufenthalts in Radolfzell war ich Zeuge, wie von einem Wachposten zwei Häftlinge erschossen worden sind. Die beiden Häftlinge waren dabei, eine Böschung oben einzuebnen. Ich war mit anderen Häftlingen unterhalb der Böschung mit Arbeiten beschäftigt. Plötzlich hörten wir zwei Schüsse. Die beiden toten Häftlinge lagen noch innerhalb des Arbeitsplatzes oben auf der Böschung. Einer der beiden hieß mit Vornamen Fritz. Den Namen des anderen weiß ich nicht mehr. Der SS-Mann, der die tödlichen Schüsse abgegeben hat, hieß Jakob Stock und stammte aus Sachsen. Er hat hinterher erklärt, daß die beiden Häftlinge flüchten wollten. Ich bin ganz sicher, daß dieser SS-Mann Jakob Stock hieß. Der Mann ist später SS-Unterscharführer geworden; zum Zeitpunkt der Schüsse war er meiner Erinnerung nach SS-Oberrottenführer (sic!). Sein Ärmelabzeichen bestand aus zwei Winkeln.“ (vgl. BArch B 162/16384, Bl. 164 verso). Weder der Täter (Jakob Stock) noch die beiden von ihm erschossenen Häftlinge konnten im Rahmen der 1978 eingestellten Ludwigsburger Ermittlungen eindeutig identifiziert bzw. verifiziert werden.

  • Nach Erinnerung des ehemaligen „Schutzhäftlings“ Leonhard Oesterle versuchten drei tschechische Häftlinge vor November 1943 zu fliehen, wurden wieder ergriffen und mindestens einer von ihnen auf dem Kasernenareal erschossen. Am 15./16.11.1943 gelang Leonhard Oesterle (1915-2009) zusammen mit Oldrich Sedláček (1919-1949) die Flucht über den Bodensee in die Schweiz.29) 30)
Leonhard Oesterle, undatiert. Foto: Privatbesitz L. Oesterle, Kanada.Oldrich Sedláček als Angehöriger der Royal Air Force, 1945. Foto: Privatbesitz Jiří Sedláček, Kladno, Tschechische Republik.

Viele der Radolfzeller KZ-Insassen hatten bereits Konzentrationslager wie Neuengamme, Sachsenhausen, Mauthausen, Buchenwald oder Flossenbürg durchlaufen, bevor sie nach Dachau und dann nach Radolfzell kamen. Nachdem ihre Arbeitskraft in Radolfzell nicht mehr benötigt wurde, wurden sie zunächst in das Stammlager Dachau, von dort aber weiter in andere Dachauer Außenlager oder KZ's wie Sachsenhausen, Mauthausen, Buchenwald, Natzweiler oder Flossenbürg verlegt. Zwei ehemalige Radolfzeller Häftlinge kamen nach Auschwitz.31)

25 Häftlinge wurden zu Kriegsende von den Alliierten aus verschiedenen Lagern befreit, 20 weitere waren vorher schon entlassen worden.32)

Mindestens 12 der ehemaligen ca. 119 Radolfzeller Häftlinge überlebten das Lagersystem der Nazis nicht bzw. starben kurz nach der Entlassung oder Befreiung an dessen Folgen. Selbst Oldrich Sedlácek, dem 1943 zusammen mit Leonhard Oesterle die Flucht in die Schweiz gelang, hatte nach dem Krieg nicht mehr lange zu leben.33)

Die laufenden Recherchen werden vermutlich noch weitere Todesfälle offenlegen. In vielen Fällen wird jedoch offen bleiben müssen, ob Häftlinge die Zeit des Nationalsozialismus und das Lagersystem überlebten oder nicht.

Ausgewählte Täterprofile (Wikipedia-Artikel)

SS-Angehörige mit Bezug zu Radolfzell34)

  • Ernst Barkmann, SS-Oberscharführer, von 1937-1939 in Radolfzell stationiert, später SS-Panzerkommandant und nach dem Krieg Bürgermeister von Kisdorf, Holstein.
  • Georg-Robert Besslein, Kompanieführer an der USR, Dezember 1941-Februar 1942.
  • Heinz Büngeler, Reserve-Führer-Anwärter-Lehrgang an der USR, August bis Oktober 1942. Adjutant des Lagerkommandanten im KZ Buchenwald.
  • Fritz Christen, Unterführer-Lehrgang an der USR, 1941/42.
  • Karl Maria Demelhuber, Regimentskommandeur der SS-Standarte „Germania“, 1936-1940.
  • Bernhard Dietsche, geb. 1912 in Singen/Htwl., III/SS-„Germania“ seit 1937, Zugführer in der 12. (MG) bzw. 13. (IG) Kompanie in Radolfzell 1937-1939. SS-Division „Wiking“ (Westland), Angriff auf die SU, später SS-Gebirgsjäger-Regiment 2 „Prinz Eugen“ („Partisanen“-Bekämpfung) in Jugoslawien. Taktikausbilder an der Junkerschule Bad Tölz.35)
  • Hans Dorr, III/SS-„Germania“, Zugführer der 10. Kompanie in Radolfzell 1938/39.
  • Markus Faulhaber, III/SS-„Germania“, 1938 ff. In Radolfzell 1939 verheiratet. Einer der „gefallenen Söhne“ der Stadt Radolfzell, derer am Kriegerdenkmal als „Opfer der Gewaltherrschaft“ namentlich gedacht wird. Begraben zunächst auf dem städtischen Friedhof (alt), umgebettet auf die Kriegsgräberstätte des neuen städtischen Friedhofs von Radolfzell im Altbohl.
  • Otto Förschner, III/SS-„Germania“, 12. Kompanie, 31. Juli 1937-1. April 1938 in Radolfzell; August 1943-Anfang Februar 1945 Lagerkommandant KZ Dora-Mittelbau. Im Dachau-Hauptprozess zum Tod verurteilt und als Kriegsverbrecher hingerichtet.
  • Karl Gesele, SS-Standartenführer, Taktik-Ausbilder an der USR beim 4. RFA-Lehrgang 1941 (1. März 1941-31. Mai 1941); am 12. August 1944 als Kdr. des SS-Panzergrenadier-Regiments 35 verantwortlich für das Massaker von Sant'Anna di Stazzema.
  • Kurt Groß, SS-Sturmbannführer, WE-Leiter, Stabsabteilung VI, 1943 und Kommandeur USR-'Regiment Radolfzell' und stellvertretender Kommandeur der USR 1944/45.
  • Günther Niethammer, SS-Obersturmführer (F), der „Ornithologe von Auschwitz“; nach 1945 enge Verbindungen zur Vogelwarte Radolfzell.
  • Walter Harzer, SS-Standartenführer, Taktik-Ausbilder an der USR beim 4. RFA-Lehrgang 1941 (1. März 1941-31.Mai 1941).
  • Willi Hund, SS-Obersturmführer, Zugführer als 19-jähriger Untersturmführer an der USR (1.September 1942 – 2. März 1943).
  • Hans Robert Jauß, SS-Hauptsturmführer. 1941 Führerausbildung, in deren Verlauf Teilnahme am 4. Kriegs-Reserve-Führer-Anwärter-Lehrgang (RFA) an der USR, 1. März - 31. Mai 1941, nach erfolgreichem Abschluss Beförderung zum Führeranwärter der Reserve und SS-Oberscharführer d. R. zum 1. Juni 1941.36)
  • Hugo Lausterer, Wachmannschaft des KZ-Außenkommandos, 1941/42.
  • Thomas Müller, Kdr. der USR, Februar 1941 - Februar 1943
  • Max Pausch, III/SS-„Germania“, 1935-1939. SS-Obersturmführer und „Musikführer“ des Bataillons. 1940-1941 SS-Rgt. „Nordland“, 1941-1943 SS-Ers.Btl. 5 „Wiking“. Dezember 1944-Mai 1945 Lagerführung im KZ-Außenlager Gusen II (Mauthausen). In einem Mauthausen-Nebenprozess 1947 zum Tod verurteilt und als Kriegsverbrecher 1948 hingerichtet.
  • Joachim Rumohr, III/SS-„Germania“, 1937 ff. SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS. In Radolfzell verheiratet. Einer der „gefallenen Söhne“ der Stadt Radolfzell, derer am Kriegerdenkmal als „Opfer der Gewaltherrschaft“ namentlich gedacht wird.
  • Josef Seuß, Kommandoführer des KZ-Außenkommandos, 1941/42. Im Dachau-Hauptprozess zum Tod verurteilt und als Kriegsverbrecher hingerichtet.
  • Walter Stein, SS-Oberführer, Führer des SS-Abschnitts XXIX der Allgemeinen SS, Konstanz 1937-1939. Mitverantwortlich für die Synagogen-Zerstörung in Konstanz am 9./10.11.1938 und Koordinator der „Zusammenarbeit“ mit dem Radolfzeller SS-VT-Bataillon an diesem Tag. Markanter Repräsentant der Allgemeinen SS der Region und häufig Gast des III./SS-VT-„Germania“ in Radolfzell.
  • Hermann Wicklein, Führer-Lehrgang an der USR, August-Oktober 1942. Adjutant des Lagerkommandanten in den Konzentrationslagern Herzogenbusch, Ravensbrück und Flossenbürg.

Prozesse gegen die Täter

18 SS-Angehörige, die zeitweilig in der Radolfzeller Kaserne stationiert und /oder in Radolfzell gemeldet waren, mussten sich nach dem Krieg wegen dort oder an anderen Orten verübten Kriegsverbrechen in Prozessen vor amerikanischen Militärgerichten verantworten. Die Prozesse lassen sich einteilen in:

Anklagebank Dachauer Hauptprozess, Josef Seuß: zweite Reihe von oben, links außen (Quelle: Wikipedia)

Es kam zu drei Todesurteilen (Josef Seuß, Otto Förschner, Max Pausch), die vollstreckt wurden, sowie zu langen und kürzeren Haftstrafen. Zwei SS-Angehörige wurden freigesprochen.

Die Protokolle dieser Prozesse sind heute unter http://www.jewishvirtuallibrary.org/ im Internet zugänglich.

Weitere Namen von Radolfzeller SS-Angehörigen erscheinen in Ermittlungsakten z.B. der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung Nationalsozialistischer Verbrechen, Ludwigsburg.

Die allermeisten Täter konnten sich jedoch gänzlich einer Strafverfolgung entziehen.

Vgl. ausführlich: Prozesse gegen Radolfzeller SS-Angehörige

Nutzung nach 1945

Die Grafik zeigt den Grundriss der SS-Kaserne nach der Fertigstellung im Jahr 1937 vor dem Hintergrund eines Luftbildes, das die heutige Bebauung wiedergibt.

„Caserne Vauban“ - Das Kasernenareal um 1955, während der Nutzung durch die französischen Streitkräfte. Zu diesem Zeitpunkt sind die ehemalige Reithalle und die Pferdeställe noch vorhanden. Auf dem ehemaligen Reitplatz und Sprunggarten beziehungsweise auf dem angrenzenden Rasenplatz sind die erst nach 1945 errichteten Lagerhallen zu erkennen. Fotografie: Zeitgenössische Postkarte (Ausschnitt), Luftbild von Franz Thorbecke.

„Caserne Vauban“. Fotografie: Verlag Rudolf Sutter, zeitgen. Ansichtskarte, um 1950. Sammlung Markus Wolter

Einige Gebäude der früheren Kasernenbebauung, der Eingangsbereich mit dem Stabsgebäude, die Mannschaftsgebäude, das Wirtschaftsgebäude, die frühere Turn- und Exerzierhalle sowie das SS-Führerheim existieren noch heute. Der zentrale Exerzierplatz wurde ebenso wie andere Freiflächen überbaut.

Insbesondere mehrere Gebäude im Nordwesten entsprechen nicht mehr der ursprünglichen Bebauung. Die Waffenmeisterei und die Reithalle mit den angrenzenden Reitställen, in denen früher die KZ-Häftlinge untergebracht waren, sind z.B. verschwunden.

Die im Jahr 1995 unter Denkmalschutz gestellte Bausubstanz: Stabsgebäude, Mannschaftsgebäude, Wirtschaftsgebäude, Kraftwagenhalle, Turn- und Exerzierhalle, Führerheim und die Umfassungsmauern einschließlich der ehemaligen Wachhäuschen.

Es muß an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass Überbauungen des Geländes von ehemaligen Konzentrationslagern z.B. mit Umgehungsstraßen oder Einkaufszentren an anderen Orten entweder unterlassen wurden oder andernfalls zu starken Protesten und politischen Auseinandersetzungen geführt haben - nicht so in Radolfzell.

Mittlerweile sind die Abgrenzungen der früheren SS-Kaserne im Stadtbild kaum noch wiederzuerkennen.

Offizielle Gedenkpolitik zur SS-Kaserne

Gedenkstätte an der ehemaligen Kaserne

Der Radolfzeller Gemeinderat hat sich in seiner Sitzung vom 11.10.2011 für die Realisierung eines Entwurfs des Pforzheimer Künstlers René Dantes (geb. 1962) zur Gestaltung einer „Erinnerungsstätte“ an der Kaserne (Errichtung voraussichtlich 2012) mehrheitlich entschieden. Die Kosten (EUR 10.000 für vier Informations-Stelen und EUR 30.000 für eine Edelstahl-Skulptur) werden von der Stadt getragen.37)

Der anfänglich gewählte Terminus „Erinnerungsstätte“ anstelle von „Gedenkstätte“ scheint nicht ganz zufällig, angesichts eines Konzeptes, das nur zum Teil Gedenken an die NS-Zeit zum Ziel hat. Auf den Informationsstelen soll merkwürdigerweise im Anschluß an die Dokumentation der Geschichte der SS-Kaserne auch die Nutzung nach 1945 durch die Franzosen und die heutige kommerzielle Nutzung als Industriepark beschrieben werden. Man kann aber nicht gut mit einem Mahn­mal an den Ort einer Waf­fen-​SS-​Ka­ser­ne bzw. ein KZ-​Au­ßen­kom­man­do er­in­nern und gleich­zei­tig Wer­bung für ein mo­der­nes Ge­wer­be­ge­biet (RIZ) ma­chen. Letz­te­res braucht schlech­ter­dings kei­nen Ort des Ge­den­kens. Wer an bei­de Funk­tio­nen und an alle Zeitabschnitte der Geschichte des Ka­ser­nenareals gleichermaßen „erinnern“ will, miss­ver­steht den Zweck, den eine „Gedenkstätte“ zu er­fül­len hat.

In einer städ­ti­schen Ar­beits­grup­pe wurde auch deswegen über ein Jahr lang um jeden Satz ge­run­gen, der auf den vier ge­plan­ten Informationss­te­len vor der ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne stehen soll. In öffentlicher Sitzung des Gemeinderats stimmten die Stadträte schließlich am 16.10.2012 u.a. für die von der Arbeitsgruppe erarbeiteten Textentwürfe (Stelen I und IV: Achim Fenner, Stelen II und III: Markus Wolter).38)

Am 8. September 2013, dem "Tag des offenen Denkmals", der in diesem Jahr unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ stand, wurde das Ensemble aus Gedenkskulptur und Informationstafeln im Eingangsbereich der ehemaligen SS-Kaserne mit einem Festakt eingeweiht. Es ist zusammen mit den Informations- und Gedenktafeln am Schießstand und dem Gurs-Mahnmal künftig Teil einer dezentralen NS-Gedenkstätte der Stadt Radolfzell.39)

Gedenkstätte an der ehemaligen SS-Kaserne Radolfzell, 2013. Fotografie Alfred Heim.

Die Texte auf den vier Informationstafeln:

Stele I: "Gebaut für die Ewigkeit"

Stele II: "Täter, Opfer, Zuschauer"

Stele III: Die Waffen-SS-Unterführerschule und das KZ-Außenkommando Radolfzell

Stele IV: Aus Besatzern werden Freunde / Eine Investition in die Zukunft - Gewerbegebiet Nord

Politik der Straßenbenennungen

Walter-Schellenberg-Straße

Eine Straße auf dem Gebiet einer ehemaligen SS-Kaserne, die lt. städtischem Bebauungsplan seit 1991 den Namen Walter-Schellenberg-Straße trägt, sorgt für Irritationen. Nicht alle dürften wissen, dass hier nicht der verurteilte Kriegsverbrecher Walter Schellenberg (SS-Brigadeführer, Generalmajor der Polizei und Leiter der vereinigten Geheimdienste von SD und Abwehr im Reichssicherheitshauptamt), sondern der gleichnamige ehemalige Vorstandsvorsitzende des Radolfzeller Unternehmens Schiesser-AG ab 1936 gemeint ist. Um diese Irritationen zu vermeiden, müsste eine biografische Zusatzinformation am Straßenschild angebracht werden.40) Spätestens dann müsste allerdings auch die Frage beantwortet werden, welches die „Verdienste“ des Schiesser-Vorstandsvorsitzenden Schellenberg (1910-1992) gewesen sein mögen, die eine Straßenbenennung nach ihm im Jahr 1991 rechtfertigten. So wurde unter Schellenbergs Führung der Schiesser-AG am 1. Mai 1940 im betrieblichen Leistungskampf 1939/40 von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) der Titel „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ verliehen. 41) Überdies setzte die Schiesser-AG nach Beginn des Russlandfeldzugs 1941 zahlreiche russische und ukrainische Zwangsarbeiter/innen in ihrer Kriegsproduktion ein.42)

Jakob-Dörr-Straße

In der Nähe der längst abgerissenen KZ-Unterkünfte wurde auf dem ehemaligen Kasernenareal 2004 eine Sackgasse nach dem 1941 von SS-Wachpersonal erschossenen KZ-Häftling Jacob Dörr (1916-1941) benannt. Das Straßenschild blieb ohne Kommentierung, weshalb nicht nur bei den Anwohnern bis heute weitgehend unbekannt blieb, dass mit dieser Straßenbenennung ein Opfer der NS-Gewaltherrschaft in Radolfzell gewürdigt werden soll. Erst auf einer Informationstafel der 2013 eingeweihten Gedenkstätte werden die Hintergründe dargestellt.

Landserweg>Fritz-Klose-Weg

Renazifizierung 1956: der Landserweg im „Kasernengebiet“

Adressbuch der Stadt Radolfzell 1956

Die im Rahmen des Kasernen-Neubaus 1937 angelegte „Hans-Cyranka-Str.“, benannt nach dem Hamburger SS-Angehörigen, „Blutzeugen der Bewegung“ und „alten Kämpfer“ Hans Cyranka (1910-1932), führte von der damaligen SS-Wohnsiedlung bis zum Stabsgebäude der SS-Kaserne an der Steißlinger Straße; der heutige „Landserweg“ endet an der „Kasernenstraße“.

Durch Beschluss des Gemeinderates wurde die nach 1945 gebotene Umbenennung der „Hans-Cyranka-Str.“ offiziell erst im Jahr 1956 vorgenommen; wie auch die übrigen, nach „Alten Kämpfern“ benannten Straßen in der ehemaligen SS-Wohnsiedlung war sie zunächst namenlos geblieben. Der neue Name „Landserweg“ gab 1956 offenbar keinen Anlass für Bedenken; auch nicht die damit verbundene und ausdrückliche „Ehrung des einfachen Soldaten der beiden Weltkriege“.43) Unkritisch und ohne zwischen Reichswehr- und Wehrmachtssoldaten zu differenzieren, bediente und tradierte man stattdessen vor allem das historisch falsche Stereotyp der vermeintlich „sauberen Wehrmacht“, deren Beteiligung an Kriegsverbrechen 1939-1945 man bis heute selbstredend unterschlägt.

Entlang der ehemaligen SS-Kaserne verlaufend, suggeriert der Name zudem, dass es sich um eine Wehrmachtskaserne gehandelt haben könnte, oder aber, bedenklicher noch, dass die hier 1937-1945 stationierten Angehörigen der Waffen-SS eben auch nur „einfache Soldaten“, „Soldaten wie andere auch“ gewesen seien - eine Problematik, die sich 1958 am Kriegerdenkmal fortsetzt und bis heute nicht gelöst ist.

Soldaten der Wehrmacht waren übrigens bis auf wenige Tage im April 1945 zu keiner Zeit in der Radolfzeller Kaserne stationiert.

Außer in Radolfzell gibt es in Deutschland sonst keinen „Landserweg“, „Landserstraße“ oder eine ähnliche Straßen- oder Platzbezeichnung.

Der Begriff „Landser“ wurde und wird vor allem in rechtsextremen Kreisen und Publikationen (v.a. „Der Landser“-Heftromane) als Inbegriff des besagten „einfachen“ Wehrmachtsoldaten 1939-1945 verklärt und heroisiert. Auch eine Rechtsrock-Band aus Berlin trug diesen Namen. Sie war bis zu ihrem Verbot im Jahr 2003 die bekannteste Musikgruppe aus dem neonazistischen Milieu.

Die SS-Wohnsiedlung 1938 an der „Hans-Cyranka-Str.“, dem späteren „Landserweg“. Fotografie Hillebrecht. Sammlung Markus Wolter

Fotografie um 1947, die ehemalige SS-Wohnsiedlung noch im Tarnanstrich. Sammlung Markus Wolter

Eine Umbenennung des „Landserwegs“ wird vor diesem Hintergrund dringend empfohlen; von Markus Wolter wird „Fritz-Klose-Weg“ vorgeschlagen, nach dem - neben Jacob Dörr zweiten namentlich bekannten KZ-Häftling, der im KZ-Außenkommando Radolfzell gewaltsam zu Tode kam: Fritz Klose (1904-1943).

Straßenumbenennung 2018

Im Juni 2018 wurde eine entsprechende Initiativanfrage an den Ältestenrat des Radolfzeller Gemeinderats übermittelt. Am 27. November 2018 beschloss der Gemeinderat, den „Landserweg“ in „Fritz-Klose-Weg“ umzubenennen.

Kasernenstraße

Karte

Die SS-Kaserne liegt im Nordwesten von Radolfzell am Stadtrand. Sie ist über die Steißlinger Straße (L226) erreichbar.

Durch Selektion der verschiedenen Checkboxen auf der rechten Seite können verschiedene Marker in der Karte zu- oder weggeschaltet werden. Die linke Seite bietet einen Schieberegler, mit dem die Karte gezoomt werden kann. Das Anklicken der Marker öffnet Kurzinfos mit weiterführenden Links.

Bildergalerie

Stabsgebäude (Südseite), Einfahrt mit den vorgelagerten Wachhäuschen

Stabsgebäude (Nordseite)

Stabs- und Mannschaftsgebäude (Ostflügel)

Großansicht (1600 x 350 Pixel)

SS-Führerheim

Der Sportplatz der Kaserne, dahinter die ehemalige SS-Wohnsiedlung am späteren „Landserweg“, rechts die Ruine des ehemaligen SS-Führerheims. Fotografie um 1947, zeitgenössische Ansichtskarte aus einem Leporello zur Caserne Vauban.

Bei Einmarsch der Franzosen am 25. April 1945 wurde das sogenannte „Führerheim“ der Radolfzeller Waffen-SS durch Granatenbeschuss stark beschädigt. Die Ruine des Gebäudes wurde im November 1950 bis auf die Grundmauern abgetragen; anschließend bauten die Franzosen unter Wiederbenützung der Trümmersteine das Offiziers-Casino wieder auf (Richtfest: 18. Juli 1951); bis heute blieb das ehemalige „Casino“ nahezu unverändert.44)

Turn- und Exerzierhalle

Kasernenmauer (West)

SS-Runen im Treppengeländer des Stabsgebäudes, 2004 entfernt

Aufnahme aus dem Jahr 2003.

Das Mannschaftsgebäude 1, Innenaufnahmen Flur und Treppenhaus, 1938/2014, anlässlich der Ausstellung „Kunst in der Kaserne: Damals-heute“.

Mannschaftsgebäude I, Schießübungen auf dem Exerzierplatz, Fotografie Ganzenmüller 1938, Sammlung Markus Wolter.

Fotografie Hillebrecht 1938, Sammlung Markus Wolter

In den Wandnischen befanden sich ursprünglich die Gewehrhalter.

Historische Abbildungen

SS-Kaserne, Stabsgebäude (Südseite)

Großansicht (1200 x 683 Pixel)

SS-Kaserne, Durchfahrt durch Stabsgebäude, Wirtschaftsgebäude im Hintergrund. Fotografie von Friedrich Franz Bauer (SS-Fotograf)

SS-Kaserne, Stabsgebäude, Einfahrt, mit SS-Beflaggung. Privatarchiv Dost

SS-Kaserne, Mannschaftsgebäude IV, Exerzierplatz. Gelöbnis und Fahneneid von Angehörigen der III./SS-VT „Germania“, 1938 / Fotografie Ganzenmüller

SS-Kaserne, Führerheim. Fotografie / Bildkarte von Friedrich Franz Bauer

Sportplatz der Kaserne, dahinter Wohnsiedlung für SS-Führer und deren Familien, Hans-Cyranka-Straße. / Fotografie Hillebrecht 1938

Historische Fotografien: Sammlung Markus Wolter, Freiburg.

Quellen


2) Klöckler, Jürgen: Ein Hort der Nazi-Ideologie, Südkurier, 8.10.2010
3) Vgl. Roos, Dorothea: Der Karlsruher Architekt Hermann Reinhard Alker, Bauten und Projekte 1921 bis 1958, Tübingen, Wasmuth 2011, S. 296.
5) Exner, Georg: Experte berichtet Neues zur SS-Gewalt, Südkurier 03.11.2010
7) Bloch, Erich: Die Ge­schich­te der Juden von Kon­stanz im 19. und 20. Jahr­hun­dert. Eine Do­ku­men­ta­ti­on. Stad­ler 1996. S. 145 - 150
8) Gläser, Dietrich: Die Nacht in der die Fenster klirrten - Die Pogromnacht vom 9./10. November in Konstanz und im Hegau. In: Hegau. Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Bd. 64, Singen, 2007, S. 185-210
10) Friesländer-Bloch, Berty: Unsere Deportation. In: Friedrich, Eckhardt (Hrsg.); Schmieder-Friedrich, Dagmar (Hrsg.): Die Gailinger Juden. Materialien zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Gailingen aus ihrer Blütezeit und den Jahren der gewaltsamen Auflösung. Konstanz, 2010, S. 111-121
11) Fidler, Helmut: Es geschah am hellichten Tag, Südkurier 22.10.2010
12) Wiehn, Erhard Roy (Hg.): Camp de Gurs - Zur Deportation der Juden aus Südwestdeutschland 1940. Neuausgabe, Konstanz, 2010.
14) Steinbach, Peter: Das Leiden – zu schwer und zu viel. Zur Bedeutung der Massendeportation südwestdeutscher Juden. In: Tribüne – Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 49. Jg. Heft 195. 3. Quartal 2010, S. 109 – 120
16) Vgl. Köhler, Hans: Die SS-Buben von Radolfzell. Ein Erlebnisbericht, in: Bd. 63. Hegau - Menschen - Schicksale, 2006; ferner: Exner, Georg: Experte berichtet Neues zur SS-Gewalt, Südkurier 03.11.2010
18) Meyer, Fredy: Wahlwies. Ein Dorf und seine Geschichte. Stähle Druck und Verlag. Engen 1990, S. 146
19) Wiedeking, Elmar: Das Ende - Eine Spurensuche im Hegau, am Bodensee, in Vorarlberg. Selbstverlag des Autors 2013, S. 145ff
21) Rathke, Hartmut: Stockach im Zeitalter der Weltkriege. (Hegau-Bibliothek Bd. 123), Konstanz 2004, S. 282ff
23) Wiedeking, Elmar: Das Ende. Eine Spurensuche im Hegau, am Bodensee, in Vorarlberg. Selbstverlag, Sipplingen 2013, S. 145f
24) Schreiben der Radolfzeller Polizei vom 8.09.1967. Bundesarchiv Außenstelle Ludwigsburg, B162/16384
25) So die Erinnerung des USR-Absolventen Walter Scheinpflug, Februar-Juni 1944, in einem Schreiben im Dezember 2012 an den Vf., M.Wolter
27) Vgl. hierzu grundlegend: Dagmar Lieske: Unbequeme Opfer? „Berufsverbrecher“ als Häftlinge im KZ Sachsenhausen. Metropol Verlag, Berlin 2016.
29) Markus Wolter: Vor 70 Jahren: Die KZ-Häftlinge Oldrich Sedláček und Leonhard Oesterle fliehen aus dem Dachauer KZ-Außenkommando Radolfzell in die Schweiz; Südkurier, 15.11.2013
30) Kluwe, Sigbert E.: Glücksvogel. Leos Geschichte, Baden-Baden 1990
31), 32), 33) Recherchen von Markus Wolter
34) Zusammenstellung und Artikel-Ergänzungen: Markus Wolter, 2014
35) Vgl.: Strittmatter, Wolf-Ulrich: Bernhard Dietsche - „Ich blieb ein Bergsteiger und Wanderer in Uniform, auch während des Krieges“, in: Proske, Wolfgang (Hg.). Täter, Helfer, Trittbrettfahrer. Band 4, NS-Belastete aus Oberschwaben, Kugelberg Verlag, Gerstetten 2015, S. 84-97
36) Vgl.: Westemeier, Jens: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Konstanz University Press, Konstanz 2016, S. 55 ff.
41) Vgl. Badens Betriebe im Leistungskampf. Auszeichnung zum Nationalen Feiertag des deutschen Volkes, in: Freiburger Zeitung, 1. Mai 1940; Digitalisat UB Freiburg
42) Vgl. hierzu: Christian Ruch, Myriam Rais-Liechti, Roland Peter: Geschäfte und Zwangsarbeit: Schweizer Industrieunternehmen im «Dritten Reich», Zurich 2001.
43) Im Grund stellt diese Benennung einen nachträglichen Verstoß gegen Direktive Nr. 30 des Alliierten Kontrollrats dar, die die Entfernung aller Symbole des alten Regimes und seiner militärischen Tradition zum 1. Januar 1947 angeordnet hatte: „Von dem Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Direktive an ist untersagt und als gesetzeswidrig erklärt die Planung, der Entwurf, die Errichtung, die Aufstellung und der Anschlag oder die sonstige Zurschaustellung von Gedenksteinen, Denkmälern, Plakaten, Statuen, Bauwerken, Straßen- oder Landstraßenschildern, Wahrzeichen, Gedenktafeln oder Abzeichen, die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten, den Militarismus wachzurufen oder die Erinnerung an die nationalsozialistische Partei aufrechtzuerhalten, oder ihrem Wesen nach in der Verherrlichung von kriegerischen Ereignissen bestehen“. Dies sollte sich bereits beziehen „auf Kriegshandlungen nach dem 1. August 1914 zu Lande, zu Wasser oder in der Luft und auf Personen, Organisationen und Einrichtungen, die mit diesen Handlungen in unmittelbarem Zusammenhang stehen.“ Als allerdings der „Landserweg“ 1956 Straßenname in Radolfzell wurde, war die besagte Kontrollrats-Direktive breits seit einem Jahr durch Artikel 2 des Gesetzes Nr. A-37 der Alliierten Hohen Kommission vom 5. Mai 1955 (ABl. AHK S. 3268) „außer Wirkung“ gesetzt.
44) Vgl.: Exner, Georg: Als auch in Radolfzells Kaserne der Friede einzog, in: Südkurier, 31. August 2016

Hinweis

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Termine

Beschlussvorlage - Zur Umbenennung des "Landserwegs" in "Fritz-Klose-Weg"

Die SS-Wohnsiedlung 1938 an der „Hans-Cyranka-Str.“, dem späteren „Landserweg“. Fotografie Hillebrecht. Sammlung Markus Wolter

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In seiner Sitzung am 27. November 2018 wird der Radolfzeller Gemeinderat über eine Straßenumbenennnung entscheiden. Der durch den einschlägigen NS-Kontext in die Kritik geratene „Landserweg“ - zwischen ehemaliger SS-Kaserne und SS-Wohnsiedlung - soll nach einer im Sommer 2018 an den Ältestenrat übermittelten Initiativanfrage umbenannt werden. Nach ensprechender Empfehlung des Ältestenrats folgte eine nochmalige, quellengestützte Überprüfung der Sachlage und Stellungnahme durch die Abteilung Stadtgeschichte. In der Initiativanfrage war von Markus Wolter die Umbennung des „Landserwegs“ in „Fritz-Klose-Weg“ vorgeschlagen worden, benannt nach dem neben Jacob Dörr zweiten nachweislichen Todesfall eines KZ-Häftlings im Außenkommando Radolfzell. Alternativ schlägt die Abteilung Stadtgeschichte die historisch überlieferte Flurbezeichnung „Am Entennest“ (sic) vor.

Beschlussvorlage:abgerufen auf: Ratsinformationssystem, Sitzungskalender (PDF)

2018/11/23 20:57 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Bunte Demo statt braunes Denkmal

Antifaschistische Kundgebung zum Vokstrauertag in Radolfzell am Sonntag, 18.11.18 um 11:30 Uhr.

Der Text des Flyers

Wenn Kriegstoten gedacht werden soll, muss erklärt werden warum sie gestorben sind. So gibt es Täter die morden und Menschen die jenen zum Opfer fallen. Im postnazistischen Deutschland wird diese Erklärung ausgelassen. Das führt dazu, dass Opfern und Tätern im selben Atemzug gedacht wird. Das Kriegerdenkmal in Radolfzell treibt diese absurde Form des Gedenkens auf die Spitze. Unterschiedslos stehen auf den Gedenkplatten die Namen der Ermordeten in mitten ihrer Häscher. So finden sich zahlreiche SS-Offiziere und Wehrmachtssoldaten inmitten derer, der jährlich zum Volkstrauertag gedacht wird. Das Kriegerdenkmal wurde 1938 im Auftrag der SS errichtet. Das macht den Ort zu einer Pilgerstätte für Neonazis aus der Region. Wiederholt nutzte die faschistische Partei Der Dritte Weg diesen Ort um Kränze nieder zu legen und Kriegsverbrechern zu huldigen. Antifaschistische Proteste gegen solche PR-Aktionen versuchte die Stadt schon zweimal zu verhindern – ohne Erfolg: Die Demoverbote wurden vor Gericht als illegal eingestuft und kosteten die Stadt über 10.000 Euro.

Aus diesen Gründen sagen wir nein zu unterschiedsloser Trauer, zu Nazidenkmälern und zu faschistischen Umtrieben. Deswegen wollen wir den Opfern faschistischer Gewalt auf angemessene Weise gedenken.

Treffpunkt: Gedenkstein der deportierten Jüdinnen und Juden an der Seetorstraße vor dem Bahnhof Radolfzell. Danach wird es am Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz eine Kundgebung gegen das Denkmal geben.

Quelle: https://de-de.facebook.com/events/491576801250024/

2018/11/17 15:05 · sw · 0 Kommentare

Volkstrauertag 2018 in Radolfzell

„Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Radolfzell am Bodensee sind herzlich eingeladen, an der Gedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages am 18. November 2018 um 11.15 Uhr an den Gedenktafeln auf dem Luisenplatz teilzunehmen. An diesem Tag gedenken wir der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege.“

Programm:

Sinfonia aus Kantate Nr. 157 (J.S. Bach) - Stadtkapelle Radolfzell

Gedenkrede - Christof Stadler, Stadtrat

Menuett aus Berenice (G. F. Händel) - Stadtkapelle Radolfzell

Kranzniederlegungen

Lied „Ich hatt‘ einen Kameraden“ - Dietmar Baumgartner, Trompete“

Quelle: www.radolfzell.de

In Konsequenz des Gemeinderatsbeschlusses vom 6. November 2018: auch in diesem Jahr sind der Luisenplatz, das Kriegerdenkmal und die „Gedenktafeln“ der - falsche - Ort für die Begehung des Volkstrauertags, zum Gedenken an die „Opfer der [NS-]Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“.

„Ich hatt' einen Kameraden“ - zum Beispiel: SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Joachim Rumohr

"Die gefallenenen Söhne der Stadt"

"Opfer der Gewaltherrschaft"?

2018/11/16 08:43 · Markus Wolter · 0 Kommentare

80 Jahre Reichspogromnacht 1938 - Gedenkveranstaltungen in Radolfzell

gailingen_synagogen-zerstorung_1938-2.jpg

Die am 10. November 1938 u. a. von Angehörigen des III.SS „Germania“ aus Radolfzell zerstörte Synagoge von Gailingen

Aus der Ankündigung auf der Homepage der Stadt Radolfzell:

„Am 9. November 2018 jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden jüdische Geschäfte zerstört, fast in jeder Stadt wurden die Synagogen in Brand gesetzt und deutsche Juden auf offener Straße angegriffen.

(…)

Gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Radolfzell“ (ACK) und der Stolperstein Initiative Radolfzell wurde ein Themenabend erarbeitet, der nicht nur einen Rückblick auf die NS-Zeit in Radolfzell wirft, sondern auch mit Blick auf die Gegenwart und Zukunft für gemeinsames Miteinander und ein offenes Radolfzell.“

Die Veranstaltungen im Überblick:

17.30 Uhr, Foyer RIZ

Andacht zum Friedensweg 2018 der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Radolfzell

18 Uhr, am Mahnmal beim RIZ

Gedenken an die Pogrome und Begrüßung durch Oberbürgermeister Martin Staab Die Stolperstein Initiative Radolfzell wird zusammengefasst die Pogrome benennen, die von der ehemaligen SS-Kaserne Radolfzell ausgingen und damit auf die Ziele der Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL hinweisen: Erinnerung an Opfer des NS-Terrors wachhalten und an die nächste Generation weitergeben. Verantwortung tragen im Umgang mit rassistischen und nationalistischen Aktivitäten in Radolfzell, insbesondere in der ehemaligen SS-Kaserne.

18.30 Uhr, Gedenkstein Alice Fleischel am Seetorplatz

Stolperstein-Reinigung Die Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL will die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus – VORORT erhalten und an die nächste Generation weitergeben. Zusätzlich wendet sie sich gegen rassistische und nationalistische Aktivitäten in Radolfzell. http://www.stolpersteine-radolfzell.de

Der um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek angekündigte Vortrag „Im westlichen Bodenseeraum: Opfer, Täter, Zuschauer.“ muss leider ausfallen. Ein neuer Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.

2018/11/06 22:04 · Markus Wolter · 0 Kommentare

22. Oktober 1940

Im Gedenken, gegen das Vergessen

alice_fleischel-stolperstein.jpg

Am 22. Oktober jährt sich zum 78. Mal die Massendeportation von 6551 badischen und saarpfälzischen Juden in das südfranzösische Internierungslager Gurs im Jahr 1940. Die nach den verantwortlichen Gauleitern Robert Wagner (Baden) und Josef Bürckel (Saarpfalz) bezeichnete „Aktion“ war die Fortsetzung der systematischen Erfassung, Isolation, Entrechtung und staatlichen Beraubung der deutschen Juden seit 1933 und zugleich der Vorlauf zu ihrer Ermordung in den deutschen Vernichtungslagern im besetzten Polen und im Baltikum nach 1941. Das Bestreben des glühenden Antisemiten Wagner und dessen Amtskollegen Bürckel war es gewesen, zwei Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938 die „Judenfrage“ - als eine der ersten im Deutschen Reich – „territorial“ zu lösen. Bei der Umsetzung der Deportationspläne im Landkreis Konstanz waren lokale Ordnungspolizei, Konstanzer Gestapo und vor allem das in der Radolfzeller Kaserne stationierte SS- Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillon im Einsatz, das die Juden von Wangen, Gailingen und Randegg zusammentrieb und in LKWs an die Bahnhöfe fuhr. Von den aus Baden in sieben Zügen der Reichsbahn deportierten 5592 Juden überlebten nur 750, 2000 wurden 1942 in die Konzentrationslager Majdanek und Auschwitz verschleppt und ermordet. Der Gau Baden sei „judenrein“, vermeldeten die NS-Täter im Herbst 1940 befriedigt; die Deportationen seien „reibungslos und ohne Zwischenfälle“ verlaufen und „von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“ worden.

2018/10/22 08:54 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
ss-kaserne.txt · Zuletzt geändert: 2018/12/09 13:52 von mw
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