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Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Johann Baptist Kaiser (1881-1955)

Passbild um 1940. Privatbesitz Heidi Kaiser, Radolfzell.

Der am 11. Juni 1881 in Konstanz geborene Johann Baptist Kaiser wuchs in Möggingen auf. Er war verheiratet mit Olga Luise Kaiser, geborene Näff, und hatte drei Kinder. 1912 kam Sohn Julius in Neuhausen, Schaffhausen, zur Welt, wo die Familie lebte, bevor sie nach Radolfzell zurückkam und Kaiser als Dreher bei Allweiler Beschäftigung fand. Kaiser vertrat die SPD, deren Mitglied er seit 1905 war, von 1930 bis zum Parteiverbot 1933 im Bürgerausschuss von Radolfzell. In der Zeit des Nationalsozialismus galt er als „Gegner des Hitlersystems“, so die Bescheinigung des SPD-Ortsvereins Radolfzell und dessen Vorstand Gustav Troll vom 20.07.1950.

Die Familie Kaiser lebte zu jener Zeit in einer Allweiler-Werkswohnung in der Schützenstraße 40, die 1933 in R.-Walther-Darré-Str. umbenannt worden war.

Das Wohnhaus der Familie Kaiser: Schwertstr. 40 (rote Markierung). Das Haus wurde nach 1955 abgerissen. Sein Standort befand sich an der Ecke Schwertstr./Ratoldusstr. Zeitgenössische Fotografie, um 1955. Sammlung Markus Wolter.

Das Haus (links) fotografiert von der Schwerstraße aus. Zeitgenössische Fotografie, vor 1955. Sammlung Markus Wolter.

Johann Kaiser wurde im Rahmen der "Aktion Gitter" (al. "Aktion Himmler") am 22. August 1944 durch die Geheime Staatspolizei in das Landgerichtsgefängnis Konstanz eingeliefert und von dort am 23. August 1944 in das Konzentrationslager Natzweiler verschleppt; Häftlings-Kategorie: „Schutzhaft“, politisch; Häftlingsnummer 23321. Die reichsweit geplante und durchgeführte Verhaftungsaktion richtete sich gegen Gewerkschafter und ehemalige Funktionäre und Mandatsträger der SPD, der KPD und - eingeschränkt - der Zentrumspartei. Am 6. September 1944 wurde Kaiser in das Konzentrationslager Dachau überstellt, Häftlingsnummer 101543, und dort am 24. September 1944 entlassen. Die Entlassung erfolgte, so zumindest äußerten sich Kaisers Mithäftlinge Julius Fuchs und Max Porzig, „auf das energische Drängen von Angehörigen zweier Radolfzeller Häftlinge“ (nach Porzig waren dies vmtl. der Sohn von Hermann Schärmeli und der Sohn von Hugo Bansbach, „Fliegeroberleutnant Bansbach“). Auf Grund des KZ-Systems und der rigiden Lagerordnung ist eine solche Intervention jedoch sehr unwahrscheinlich.

Stolperstein für Johann Kaiser, Schwertstr. 40, Radolfzell, verlegt am 2. Juli 2016.

Der im Staatsarchiv Freiburg überlieferten „Wiedergutmachungsakte“ ist nicht zu entnehmen, ob Johann Kaiser für die erlittene KZ-Haft entschädigt wurde. Die mit Kaiser zeitgleich inhaftierten ehemaligen SPD-Bürgerausschuss-Mitglieder Julius Fuchs und Gustav Troll erwirkten eine beschämend geringe Entschädigungszahlung über 160,– DM, wobei sie dem Landesamt für Wiedergutmachung den Nachweis zu erbringen hatten, dass ihre „politische Haltung“ Grund für ihre Verfolgung gewesen war.

Als Rentner lebte Johann Kaiser 1950 und bis zu seinem Tod am 11. Januar 1955 in der Schwertstr. 12/1.

Eine lebende Angehörige ist Heidi Kaiser, Radolfzell, Enkelin; Tochter von Julius Waldemar Kaiser (1912-2000), eines Sohnes von Johann Kaiser.

Steinpatenschaft: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Konstanz.
Recherche: Markus Wolter.

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Quellen: Wiedergutmachungsakte, StAF 196/1, Nr. 1745; DNZ-Akte („Nicht betroffen“), StAF D180/2-220944; Schreibstubenkarte von Johann Kaiser, Häftlingsdatenbank KZ Dachau (Steve Morse)); Geburten- und Sterberegister, StAR; Adressbuch der Stadt Radolfzell 1938; Geburtsregistereintrag Julius Waldemar Kaiser, Neuhausen, Schweiz; Privatdokumente Heidi Kaiser, Radolfzell.

Termine

Der Reichspogrom 1938 am westlichen Bodensee - Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Klöckler in Radolfzell

Der 9. November 1938 im westlichen Bodenseeraum: Opfer – Täter – Zuschauer“

Vortrag in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Radolfzell und des Arbeitskreises „Erinnerung“

„Kaum ein anderes Datum der deutschen Geschichte ist so aufgeladen wie der 9. November 1938. Aus der Perspektive von Opfern und Tätern, aber auch der zahlreichen Zuschauer, sollen die Ereignisse in Radolfzell, auf der Höri sowie im westlichen Bodenseeraum rekonstruiert und in das allgemeine Verfolgungsgeschehen im Deutschen Reich eingebettet werden. Die entscheidende Rolle bei der Zerstörung der Synagogen in Wangen, Gailingen und Randegg kam der in Radolfzell stationierten SS zu. Mit Ekrasit sprengte sie unter der Verantwortung von SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen auch die Konstanzer Synagoge.“ (www.radolfzell.de)

Referent: Prof. Dr. Jürgen Klöckler, Stadtarchiv/Universität Konstanz

Ort: Stadtbibliothek Radolfzell

Zeit: Freitag, 8. November 2019, 19.30 Uhr

2019/11/07 12:56 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Verlegung des Stolpersteins für Karl Teufel

Zum Ersatz des vor rund einem Jahr im Zuge von Straßenbauarbeiten fahrlässig beseitigten und verloren gegangenen Stolpersteins für Karl Teufel wird am 28. Oktober 2019, 16.30 Uhr, in der Konstanzer Str. 30/1 ein von Gunter Demnig neu gefertigtes Exemplar verlegt.

2019/10/28 12:33 · Markus Wolter · 0 Kommentare

Zum mahnenden Gedenken an die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden nach Gurs im Jahr 1940

Verzeichnis der am 22. Oktober 1940 aus Baden in das Internierunglager Gurs deportierten Juden, Badische Landesbibliothek Karlsruhe.

Aus Baden deportierte Frauen vor ihren Baracken. Camp de Gurs, 1940

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Gedenkstättenort Radolfzell:

Gedenkstätte ehemalige SS-Kaserne Radolfzell, Informationstafel u.a. zur Rolle der Radolfzeller SS bei der „Wagner-Bürckel-Aktion“ 1940

Gurs-Mahnmal (Projekt Neckarzimmern) / Stolperstein Alice Fleischel, Seetorplatz

2019/10/21 23:02 · Markus Wolter · 0 Kommentare

In memoriam Oldřich Sedláček (1919–1949) und Leonhard Oesterle (1916–2009)

Dachauer Schreibstubenkarte. Arolsen Archives, Digitales Archiv.

Anlässlich des 100. Geburtstages von Oldřich Sedláček am 15. September 2019 lädt die Initiative Stolpersteine Radolfzell zu einer Gedenk- und Informationsveranstaltung ein:

„Geführte Radtour zu Stationen der KZ-Häftlinge in Radolfzell“

In Erinnerung an Oldrich Sedlacek und Leonhard Oesterle (1916-2009), denen am 15. November 1943 die Flucht aus dem Dachauer KZ-Außenkommando Radolfzell über den Bodensee in die Schweiz gelang.

Zeit: Sonntag, 15.09.2019 – 15 bis 17 Uhr

Treffpunkt: Gurs-Gedenkstein, Seetorplatz, Radolfzell


Von Jiří Sedláček, dem Sohn von Oldrich Sedláček, erreichte uns die folgende Grußbotschaft aus Kladno, Tschechische Republik:

Dears, I am sending you my heartiest greetings, to Markus Wolter, to his friends and to everybody who will take part in this commemoration for Leonhard Oesterle and my father, Oldřich Sedláček. I feel sorrow not to come and meet you in person, but my health is not allowing me to travel so long way. I will be with you in my mind, My best regards,

Jiří Sedláček

2019/09/02 08:44 · Markus Wolter · 2 Kommentare

Täter-Helfer-Trittbrettfahrer: Prof. Dr. Eugen Fischer (1874-1967)

Eugen Fischer: Der völkische Staat, biologisch gesehen. Berlin 1933. Fotografie: Wikipedia

Vortrag:

Dr. Wolfgang Proske (Hrsg.) / Markus Wolter:

Prof. Dr. Eugen Fischer (1874–1967). Die Freiburger Schule des Rassenwahns

Zeit und Ort:

Dienstag, 28. Mai, 20 Uhr, HS 1009 (Uni Freiburg KGI)

Veranstaltet vom Referat gegen Antisemitismus, Studierendenrat der Universität Freiburg, in Kooperation mit der Fachschaft Geschichte und der Fachschaft Medizin.

https://www.stura.uni-freiburg.de/gremien/referate/gegenantisemitismus

http://www.ns-belastete.de/band_9.html

2019/05/15 16:43 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
stolpersteine/johann_kaiser.txt · Zuletzt geändert: 2019/08/26 10:05 von mw
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