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Karte von Radolfzell

Spuren der NS-Herrschaft in Radolfzell


Opfer rechter Gewalt

Todesopfer rechter Gewalt 1990-2010



Josef Paul Bayer (1913–1982)


Josef Bayer, etwa 35-jährig, Passbild des VVN-Ausweises, "Opfer des Faschismus", um 1948. Privatbesitz Lothar Bayer, Radolfzell.


Wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ und Mitgliedschaft in der Kommunistischen Jugend (KJ) wurde der damals 21-jährige Hilfsarbeiter Josef Paul Bayer am 19. April 1935 von der Gestapo in Radolfzell verhaftet, in „Schutzhaft“ genommen und ins Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal verschleppt. Von dort gelang ihm am 8. Oktober 1935 die Flucht. Josef Paul Bayer lebte zunächst bei befreundeten Genossen im Untergrund versteckt, bevor er am 27. November 1937 von der Gestapo in Radolfzell erneut verhaftet wurde. Die auf Josef Paul Bayer ausgestellte Karteikarte der Gestapo Neustadt an der Weinstraße vermerkt: Datum der Auftragung: 23.10.1935, Sachverhalt: Ehem. Angehöriger der komm. Jugend. Siehe auch: Schraff, Johann, geb. 21.11.1904 in Ludwigshafen. Am 8.10.35 aus dem KL.-Kislau entsprungen. Wurde von Schraff, Johann eine Nacht aufgenommen und dann dem Kommunisten Kruppenbacher, Ludwigshafen/Rhein, übergeben, der ihn einige Zeit bis zu seiner Festnahme bewirtete. Bayer wurde dann erneut in Schutzhaft genommen.

Nach seiner Verhaftung in Radolfzell wurde Josef Paul Bayer am 8. Juni 1938 in das Gefängnis Heidelberg eingeliefert (Gefangenenbuchnummer 139) und am 9. Juni 1938 ins Konzentrationslager Dachau (Häftlingsnummer 15643) überstellt. Als „politischer Schutzhäftling“ trug er im Konzentrationslager den roten Winkel auf seiner Häftlingsjacke und galt als „fluchtverdächtig“. Am 9. Mai 1939 kam er in ein nicht näher bezeichnetes Dachauer Außenlager und wurde am 6. Juni 1939 in das Stammlager rücküberstellt. Aufgrund der vorübergehenden Räumung des KZ Dachau, wo ab 16. Oktober 1939 die Waffen-SS Division „Totenkopf“ aufgestellt wurde, verlegte man die KZ-Häftlinge in andere Lager. Josef Paul Bayer wurde am 27. September 1939 in das KZ Mauthausen überstellt, wo er bis zu seiner Rücküberstellung nach Dachau am 18. Februar 1940 im berüchtigten Steinbruch arbeitete. In Dachau trug er von da ab die neue Häftlingsnummer 18. Zwischen 29. Februar und 27. März 1940 abermals in einem Außenlager Dachaus eingesetzt, wurde Bayer 1943 in das Dachauer KZ-Außenkommando Weißsee verlegt, rücküberstellt am 6. Oktober 1944, und kam am 12. Oktober 1944 erneut ins Konzentrationslager Dachau/Kommando Weißsee. Am 17. November 1944 wurde er wieder ins Stammlager zurückverlegt, um von dort im KZ Buchenwald/Kommando Langensalza eingeliefert zu werden (Häftlingsnummer 96782). Dort wurde Josef Paul Bayer im April 1945 schließlich durch die amerikanische Armee befreit.

In einer vom Landratsamt Konstanz am 2. Februar 1946 beglaubigten Erklärung des Leiters der KPD-Ortsgruppe Radolfzell, Karl Teufel, abgefasst am 31.1.1946, werden u.a. zwei Dachauer Mithäftlinge - der Singener Max Erwin Sprandel und Georg Alfred Grein aus Radolfzell dahingehend zitiert, dass sie Zeugen waren, wie Josef Bayer im KZ Dachau mehrfach die „schlimmsten Torturen“ hatte erleiden müssen. Der Wortlaut dieser aufschlussreichen Erklärung:

Der Unterzeichnende bestätigt hiermit dem Genossen Josef Bayer, geb. am 27.12.1913 in Radolfzell, dass derselbe Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes und der Antifa, Ortsgruppe Radolfzell, bis zu deren Auflösung im Jahre 1933 war. Bayer war während seiner Zugehörigkeit zur kommunistischen Jugend ein rühriger und treuer Genosse, und hatte sich mit allen Mitteln gegen den Naziterror zur Wehr gesetzt. So wurde Bayer wegen Angriffe auf einen Nazibeamten, Waffenvergehen, sowie Verdacht der Beihilfe zur Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg, zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren verurteilt. Er verbrachte diese 9 Jahre in den berüchtigtsten K.Z. Lager Kislau , Dachau , Allach, Mauthausen und Buchenwald. Nach Aussagen einiger Mitgefangener und zwar Georg Grein , Gefangenennummer 29008, sowie Max Sprandel in Singen a. H., z.Zt. Fahndungspolizei, sowie noch viele ehemalige KZ-Häftlinge aus Konstanz war Bayer im Lager Dachau den schlimmsten Torturen, Schläge, Hunger, Krankheit, sowie sonst. Quälereien ausgesetzt. (Privatbesitz Lothar Bayer, Radolfzell)

Josef Paul Bayer lebte nach dem Krieg wieder in Radolfzell. Er starb 1982, nachdem er viele Jahre und bis zu seiner Rente bei einem Radolfzeller Baugeschäft gearbeitet hatte.

Lebende Angehörige von Josef Paul Bayer sind: Lothar Bayer, Sohn von Josef Paul Bayer, Radolfzell, und Helmut Bayer, Cousin von Josef Paul Bayer, Radolfzell.

Für Josef Paul Bayer wurde am 28. Juni 2014 an seiner Radolfzeller Wohnadresse zur Zeit der Verfolgungsmaßnahmen ein Stolperstein verlegt: Die damalige Bollstetterstr. 35 entspricht der heutigen Schwertstr. 44.

Recherche: Markus Wolter
Patenschaft: Lothar Bayer, Sohn von Josef Paul Bayer

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Quellen

ITS Bad Arolsen, 22.4.2013: Gef.Buch Gefängnis Heidelberg, Doc.No. 11509249; Kartei Gestapo Neustadt, Doc.No. 12536284); Schreibstubenkarte KZ Dachau, Doc.No. 10613013, Arbeitseinsatz KZ Dachau, Doc.No. 9917380/9917405/9917703; Neuzugänge KZ Buchenwald, Doc.No. 5286129; Fragebogen für Insassen des KZ Buchenwald, Doc.No. 5495037, Häftlingspersonalbogen des KZ Buchenwald, Doc.No. 5495038, Korrespondenzakte T/D-202772, Doc.No. 88334133. Ferner: Schreibstubenkarte von Josef Bayer in der Datenbank des KZ Dachau (Steve Morse).

Termine

Gedenken an NS-Opfer: 4. Stolperstein-Verlegung in Radolfzell, 24. September 2020

Am 24. September 2020 kommt es zur Verlegung von fünf neuen Stolpersteinen im Stadtgebiet von Radolfzell. Sie gelten Josefa Trost, geb. Klaus, Opfer der "Euthanasie"-"Aktion T4" 1940, sowie Hermine Bauer und den Geschwistern Josefine Fetzer, Anna Fetzer und Agnes Zimmermann, geb. Fetzer, die nach Maßgabe des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuches“ 1934-1938 zwangssterilisiert wurden.

Vgl.: Informationssystem des Radolfzeller Gemeinderats, Beschluss in der GR-Sitzung vom 5. Juni 2020.

Vgl.: Initiative Stolpersteine-Radolfzell

2020/06/10 14:59 · Markus Wolter

Kundgebung zum 8. Mai 2020 auf dem Luisenplatz

Anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des deutschen Nationalsozialismus organisierte das Feministische Antifaschistische Kollektiv (FAK) auf dem Radolfzeller Luisenplatz eine Kundgebung unter dem Motto “Entnazifizierung – Heraus zum 8. Mai!”, die erst von der Radolfzeller Stadtverwaltung verboten, später dann doch noch mit Auflagen zugelassen wurde. Mehrere regionale Gruppen wie die Konstanzer Seebrücke, das OAT Konstanz, die VVN-BdA, die Linksjugend, das Rojava-Bündnis und die Singener Teestube riefen mit zur Kundgebung auf und hielten teils eigene Reden. Ca. 40 Personen waren gekommen und informierten sich anhand von Texttafeln z.B. über das unsägliche Gedenkmal das heute noch gefallene SS-Angehörige als „Opfer“ ehrt. Die Namen der SS-Angehörigen waren mit pinker Kreide hervorgehoben worden - auf den Stufen vor dem Denkmal stand „Deutsche Täter sind keine Opfer“. Das Kriegerdenkmal wurde mit VVN- und Antifafahnen verziert.

Bericht beim Feministischen Antifaschistischen Kollektiv

2020/05/09 15:34 · sw · 0 Kommentare

Der Vortrag entfällt aus bekannten Gründen- Verschoben auf Herbst 2020

Vortrag VHS Konstanz - "Dr. med. Ludwig Finckh und die NS-Rassenhygiene"

Gauschulungslager des NS-Lehrerbundes (NSLB), Gaienhofen. „5. Lehrgang, Sonderkurs in Erbbiologie und Rassenkunde“, 1935. Ansichtskarte eines Kursteilnehmers an seine Familie in Pforzheim

Über Dr. med. Ludwig Finckh (1876-1964) wäre vermutlich längst das letzte Wort gesprochen und der Autor vergessen worden, wenn es sich bei ihm nur um den sogenannten „Heimat-Dichter“, den „Rosendoktor“ von der Höri gehandelt hätte. Als virulenter Nationalsozialist gibt Finckh stattdessen heute noch Anlass, sich mit seinem Fall kritisch auseinanderzusetzen. Teils als Vordenker, teils als Vortragsredner in Sachen NS-„Rassenhygiene“, betätigte sich Finckh u.a. als „Weltanschauungslehrer“ des NS-Lehrerbundes am Gauschulungslager des NSLB in Gaienhofen und an der Waffen-SS-Unterführerschule in Radolfzell. Neueste Recherchen belegen die Teilnahme von Finckhs Gauschulungslagern an eugenischen Tagungen der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau in den Jahren 1934-1938. (Text: Markus Wolter)

Referent: Markus Wolter, MA

Ort: VHS Konstanz-Singen e.V., Katzgasse 7, Astoria Saal

Datum: 24. März 2020

Zeit: 19.30 - 21.00 Uhr

Anmeldung: VHS-Konstanz

2020/01/30 12:15 · Markus Wolter · 2 Kommentare

Gerhard Zahner: "Weißes Blut". Eine dramatische Lesung zur Weihnacht

Zeit: 24.12.2019, 14.00 Uhr

Ort: THEATER-KULTUR-ZENTRUM, Fürstenbergstrasse 7a, Radolfzell

„Der Arzt Nathan Wolf (1882–1970) war Jude aus Wangen, er wurde von den Nazis vertrieben und im KZ Dachau eingesperrt und gepeinigt. Nach dem Krieg kehrte er nach Wangen, in seine Höri zurück. Er ist zurück gekehrt, nicht heimgekehrt. Die jüdische Gemeinde in der Höri vernichtet, die Synagogen zerstört. Nicht heimkehren, zurückkehren, darum geht es diesem Stück. Eine Situation, die heute so viele Flüchtlinge betrifft. Auch ihre Heimat ist für immer zerstört. Die neue Heimat ist vielleicht, solchen Menschen wie Nathan Wolf gerecht zu werden, ihrem Leben. Letztlich, wenn heute Abgeordnete aus den Protokollen der Weisen von Zion zitieren, diesem Buch aus dem Giftschrank der Verleumdung, scheitern wir alle und vertreiben uns selbst.“

Programmtext: http://www.zellerkultur.de/veranstaltungen.html

Hintergrund: https://www.wolf-wangen.com/

2019/12/14 16:25 · Markus Wolter · 0 Kommentare
 
stolpersteine/josef_paul_bayer.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/21 08:38 von sw
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