Lade...
 

Deportation von Roma und Sinti

Radolfzell war 1943 der Startbahnhof für einen durchgehenden Deportationszug nach Auschwitz.

Im Staatsarchiv Freiburg ist im Aktenbestand des Landratsamts Emmendingen ein Schreiben der Staatlichen Kriminalpolizei, Kriminalpolizeistelle Karlsruhe, an den Emmendinger Landrat vom 10. März 1943 überliefert:

Betreff: „Einweisung von Zigeunermischlingen, Ròm Zigeunern und balkanischen Zigeunern in ein Konzentrationslager.“

Deportation Sinti Und Roma 1943

Akten im Staatsarchiv Freiburg, Landratsamt EM, B 698/5, Nr. 5195 1 2

Auschwitz-Erlass von Himmler

Hintergrund war ein Erlass Himmlers vom 16. Dezember 1942, infolge dessen ab Februar 1943 schließlich über 20.000 Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert wurden. Der Landrat wurde mit dem fraglichen Schreiben der Kriminalpolizeistelle nun darüber informiert, dass die in der Region lebenden Sinti und Roma am 24. März 1943 vom Bahnhof Herbolzheim über Offenburg nach Auschwitz „einzuweisen“ seien.

Durchgehender Zug von Radolfzell nach Auschwitz

Durchgehender Wagen   Radolfzell Auschwitz  

Dem Schreiben liegt die akkurat zusammengestellte Personenzugverbindung mit allen Zwischenhalten eines Sammeltransports von Herbolzheim nach Auschwitz bei. In Offenburg sollten die Deportierten in einen „durchgehenden“ Personenzugwagen einsteigen.

Startbahnhof dieses Deportationswagens war Radolfzell, denn, so die Fußzeile des Fahrplanes: „Durchgehender Wagen kommt von Radolfzell und ist von Offenburg ab zu benutzen“.

Deportationsbahnhof Radolfzell. Zwischenhalt eines Truppentransports der Wehrmacht(?), Fotografie um 1940. Sammlung Markus Wolter
Deportationsbahnhof Radolfzell. Zwischenhalt eines Truppentransports der Wehrmacht(?), Fotografie um 1940. Sammlung Markus Wolter

 

Auschwitz Judenrampe  

Die „Alte Rampe“ zwischen Auschwitz und Birkenau im November 2018. Fotografie: Markus Wolter.

Die Deportierten wurden mit Häftlingsnummern versehen und kamen in das sogenannte "Zigeuner-Familienlager".3 18 der 20 Sinti aus Stockach und Radolfzell/Singen starben bald nach ihrer Ankunft unter den katastrophalen Lebens- und Versorgungsbedingungen des Lagers oder wurden bei Auflösung des „Zigeunerlagers“ in den Gaskammern ermordet. Anna und Luise Winter haben Auschwitz überlebt.

(Text: Markus Wolter).

Offenburg Sinti Und Roma Mahnmal  

Bereits 1995 wurde auf Inititiative des DGB und der VVN-BdA in Offenburg eine Gedenktafel erstellt (künstlerische Gestaltung: Monika Andres), die erst am 9. November 2014 der Öffentlichkeit am Offenburger Ostbahnhof übergeben werden konnte. (Bild: Andreas Heide)

Deportationen aus Radolfzell/Singen

Aus Singen/Radolfzell, in einem „durchgehenden Wagen“ der Deutschen Reichsbahn, Startbahnhof Radolfzell, am 24.-27.03.1943 nach Auschwitz deportiert:4

  • Winter, Johann, geb. 23.03.1892 in Eggingen, Amt Blaubeuren. Wohnhaft in Singen, Duchtlinger Str. 13 b (Tannenberg). Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5386, getötet 31.07.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Philippine, geb. Köhler, verh. mit Johann Winter, geb. 16.09.1896 (1886?) in Uffheim, Elsaß. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5954, getötet 05.08.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Anna, Tochter von Johann und Philippine Winter, geb. 06.10.1925 in Bohlingen. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943. Häftlingsnummer Z-5955. Transp. 15.04.1944. Überlebt.
  • Winter, Karl-David, Sohn von Johann und Philippine Winter, geb. 05.05.1922 in Markelfingen. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5388, getötet 12.04.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Anton, ältester Sohn von Johann und Philippine Winter, geb. 19.10.1913 in Ehrenstetten. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5387, Transport 15.04.1944 ins KZ Buchenwald. Dort 1945 befreit. Gestorben am 19.09.1987 in Singen.
  • Winter, Luise, geb. Köhler, verh. mit Anton Winter, geb. 23.03.1918 in Duisburg. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert am 24.03.1943 nach Auschwitz-Birkenau, Häftlingsnummer 5956. Transp. 15.04.1944. Überlebt. Gestorben am 13.06.1978 in Singen.
  • Winter, Willi Xaver, Sohn von Anton und Luise Winter, geb. 02.12.1941 in Singen. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Lagernummer Z-5390, getötet am 02.05.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Winter, Lothar, Sohn von Anton und Luise Winter, geb. 31.03.1938 in Singen. Wohnhaft in Singen, a.a.O. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5389, getötet 08.11.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Köhler, Josefine, geb. 01.04. (oder 26.04.) 1871. Hielt sich am 23. März 1943 bei Familie Winter auf. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.3.1943, Häftlingsnummer Z-5957, getötet 22.08.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Bruno, geb. 19.03. (oder 19.06.) 1923 in Radolfzell. Pflegesohn der Familie Winter. Hielt sich am 23. März 1943 bei Familie Winter auf. Deportiert nach Auschwitz-Birkenau am 24.03.1943, Häftlingsnummer Z-5391, am 12.04.1943 in das KZ Buchenwald (Buchenwald-Nr. 43038) und von dort in das Buchenwalder Außenlager Mittelbau-Dora verlegt. Getötet 03.03.1945 im Außenlager Ellrich-Juliushütte (= Mittelbau II), Kreis Sonderhausen.

Deportationen aus Schwandorf/Stockach

Mutmaßlich von Radolfzell aus und im selben „durchgehenden Wagen“ der Deutschen Reichsbahn am 24.03.1943 nach Auschwitz deportiert:

  • Reinhardt, Theresia, geb. 17.12.1895 in Maxenhof/Stödtlen. Häftlingsnummer Z-5958, getötet am 31.7.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Magdalene(a), geb. 02.08.1925 in Forchtenberg. Tochter von Theresia Reinhardt. Häftlingsnummer Z-5959. Getötet am 15.11.1943 im KZ Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Johanna, geb. 30.01.1931. Häftlingsnummer Z-5960. Getötet am 29.12.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Antonia, geb. 18.01.1936 in Neuhausen. Häftlingsnummer Z-5961. Getötet am 29.05.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Gertrud, geb. 20.06.1942 in Messkirch. Lagernummer Z-5962. Getötet am ?? im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Johann, geb. 08.05.1926 in Oberried. Häftlingsnummer Z-5392. Getötet am 12.4.1943 (?) im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Josef, geb. 16.04.1929 in Bielerfingen. Häftlingsnummer Z-5393. Getötet am 18.05.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Georg, geb. 06.05.1933 in Mühlheim (Müllheim?). Häftlingsnummer Z-5394. Getötet am ??? im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Franz, geb. 05.05.1938 in Schopfheim. Häftlingsnummer Z-5395. Getötet am 24.04.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.
  • Reinhardt, Walter, geb. 29.05.1941 in Schwandorf. Lagernummer Z-5396. Getötet am 12.5.1943 im KZ-Auschwitz-Birkenau.

Quellen

Einzelnachweise

1 Abgebildet in: Andreas Engwert und Susanne Kill: Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn, Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien, 2009, S. 88.
2 Ferner in: Ge­denk­buch. Die Sin­ti und Roma im Konzentra­tions­lager Auschwitz-Birkenau. Herausgegeben vom Staatlichen Mu­seum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deut­scher Sinti und Roma, Hei­de­lberg. 2 Bände München u.a. 1993, hier Band 2, S. 1580.
3 Vgl. den Ereigniseintrag des 27. März 1943: „Aus dem Reichsgebiet ist ein Transport mit Zigeunern eingetroffen. 251 Männer und Jungen erhalten die Nummern Z-5146 bis Z-5396 und 263 Frauen und Mädchen die Nummern Z-5700 bis Z-5962.“ In: Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 451.
4 Geschichtswerkstatt Singen (Hrsg.): "Seid letztmals gegrüßt". Biografische Skizzen und Materialien zu den Opfern des Nationalsozialismus in Singen. Singen 2005; vgl. ferner: Auschwitz-Haeftlingsdatenbank. Die Kenn- und Meldekarten der betroffenen Personen sind im Stadtarchiv Singen überliefert, die Entschädigungsakte zu Anton Winter im Staatsarchiv Freiburg, F 196/1 Nr. 7793 und F 196/1, Nr. 200.