Lade...
 

Die Stadt und ihre Nazis

Radolfzell wurde im Jahr 1937 mit dem Einzug eines Bataillons der SS-Verfügungstruppe (SS-VT) in die neu errichtete Kaserne Garnisonsstadt.

Doch die NS-Geschichte von Radolfzell beginnt wesentlich früher; eine erste NSDAP-Ortsgruppe gab es bereits 1926. Erster NSDAP-Ortsgruppenleiter war Willy Renz, gefolgt von Arnold Haller am 12. Oktober 1937, bis dieser nach seiner Bestellung zum Villinger Kreisleiter am 1. August 1938 das Amt an den Radolfzeller Heilpraktiker(!) Otto Gräble abgab.

Frühe NSDAP-Mitglieder

NSDAP-Mitglieder, die der Partei vor der nationalsozialistischen Machtergreifung beigetreten waren und eine Mitgliedsnummer unter 300.000 führten, wurden als "Alte Kämpfer" bezeichnet. Radolfzells "Alte Kämpfer'' sind durch eine zeitgenössische „Ehrentafel der alten PG der NSDAP-Ortsgruppe Radolfzell, Oktober 1930“ einschlägig dokumentiert:

Ehrentafel Nsdap Ortsgruppe Radolfzell 1930  

„Ehrentafel der alten PG der NSDAP-Ortsgruppe Radolfzell, Oktober 1930“; angefertigt 1933.1 Von links nach rechts, oben nach unten: E. Engelhardt, Friedrich Stoß, Viktor Graf (SA), Franz Hafner (SA), A. Berger, Rudolf Schwarzwälder (SS), Willy Renz (Ortsgruppenleiter), Richard Burk2 , Otto Hanauer, Ludwig Beck (SA), Egon Gabele, Willy Ritter, Ernst Weißhaupt | Hermann Gabele, A. Graf (SA), Johann Graf (SA), Vinzenz Miehle, Ch. Blessing, J. Poppe (SS), Emil Traub (SS), Eduard Schmidt, M. Renn, Oskar Klaumünzer, A. Haller, K. Hock, K. Glas, Eugen Speer | Emil Honold, W. Hügle, Otto Großhanser, Otto Braun, J. Frank, Georg Delp (SA), Rudolf Schoch (SA), Matthäus Renn (SA), Leo Bader (SA), Otto Bader, Alois Dellamaria, Karl Keck, Josef Häne, R. Riedmüller | Fritz Bachmann, W. Hügle, F. Straub (SA), Anton Simmendinger (SA), Anton Muffler, O. Keller (SA), Josef Mayer, Josef Ruh, Berthold Krembs, Josef Schlosser (SA), Ludwig Kurz, Ernst Bleyhl, Hermann Kirner (SA), Adolf Bonauer | Karl Truckenbrod, W. Schellinger (SS), E. Stier (SS), W. Stier, Franz Weschenfelder, K. Auer, Karl Riester (SA), Richard Bruttel, Johann Graf, Franz Sauter, E. Nutz, Theodor Thum, Oskar Bohl, Johann Hertenstein | E. Baumann, K. Barth (SS), G. Sigg (SA), Josef Deininger, Josef Glatt (SA), Reinhard Dischinger, Ernst Büche, J. Bertsche, Otto Bastian, H. Peter, O. Göhring, Th. Simmendinger, F. Heuer, Karl Stocker (SA).3

Einige der genannten „Söhne der Stadt Radolfzell“ finden sich auch auf den Namenstafeln am „Kriegerdenkmal“.

Nazifizierung in den 1930er Jahren

Im Adressbuch der Stadt Radolfzell am Bodensee und Umgebung, das 1938 von Friedrich Stadler im Stadler Verlag herausgegeben wurde, finden wir auf den Seiten 22-41 viele der folgenden Eintragungen zu den Entwicklungen der Radolfzeller Nazis in den 30er Jahren:

  • Im Oktober 1930 die Bildung einer SA in Radolfzell, die sich am 17. Mai 1931 unter Truppführer Ludwig Beck (siehe oben) bei einem Aufmarsch erstmals öffentlich präsentierte. Prominente Gastredner waren Fritz Plattner und der Münchner Gauleiter Adolf Wagner.
  • die Gründung eines SS-Zugs in Radolfzell im Jahr 1931, unterstellt dem SS-Sturm 4/III/32, Konstanz. Im Spätherbst 1931 deckte die SS-Standarte 32 noch ganz Baden ab, ihr dritter Sturmbann (III/32), zu dem der 4. Sturm (Konstanz) zählte, hatte seinen Sitz in Lahr; der 4/III/32 verteilte sich auf Villingen, Donaueschingen, Engen, Tengen, Blumfeld, Singen, Radolfzell, Konstanz und St. Georgen.4
  • SA-Oberführer Hanns Ludin nimmt im November 1931 den Appell des Radolfzeller SA-Sturms 32 im Gasthaus „Adler“ ab.
  • die Wahlkampfveranstaltung mit Adolf Hitler am 29.7.1932 (vor angeblich 30.000 ZuhörerInnen) sowie zwei weitere Wahlkundgebungen im März 1938
  • die Propagandamärsche der SA und SS auf der Höri (1932, 1933 und 1938)
  • der Fackelzug der SA anläßlich der Machtübernahme durch Hitler im Jahr 1933
  • 1933 Gründung einer "Hilfspolizei"-Truppe aus SA-, SS- und "Stahlhelm"-Angehörigen zur politischen Gegnerverfolgung
  • "Judenbokott" am 1. April 1933: SA-Angehörige stehen mit einem antisemitischen Hetzplakat am Eingang des Konfektionshauses von Lotte und Josef Bleicher in der Schützenstr. 1 und hindern/fotografieren Kunden beim Eintritt
  • Gründung des Radolfzeller SA-Sturmbanns II/114 (SA-Standarte 114, Konstanz) im Jahr 1934 unter Obertruppführer Ludwig Beck und Adjutant Viktor Graf; starke Zunahme der SA. Radolfzell wird ferner Sitz der SA-Reiterstandarte 54; Standortführer und Standartenältester II/114:  SA-Standartenführer, Polizeimajor und Gemeinderatsmitglied (7.8.1935) Graf Cäsar von Beroldingen (1882, Ludwigsburg-1958, Radolfzell); Wohnadresse: "Haus Beroldingen", Mettnaustr. 31; Adjutant: SA-Sturmführer Eduard Rehm, Zeichenlehrer an der Mettnauschule, Oberschule für Jungen, am Luisenplatz. 13./14. Oktober 1934: Reitturnier der SA-Reiterstandarte 156 (500 SA-Reiter) in Radolfzell
  • erste braune Weihnachtsmesse im Scheffelhof: 8.-13.12.1934
  • Radolfzeller SA-Angehörige stehen anlässlich des Reichspogroms im November 1938 vor dem Überlinger Textilgeschäft Wilhelm Levi (heute Münsterstraße 12) und hielten Kunden davon ab, „beim Juden zu kaufen“.5
  • die Radolfzeller Wahlerfolge der NSDAP bei der Reichstagswahl am 31.7.1932 (NSDAP wird zweitstärkste Partei) sowie bei den Scheinwahlen nach der Machtergreifung (z.B. 98% Ja-Stimmen für Hitler bei der Reichstagswahl am 29.3.1936 oder 98,37% bei der Reichstagswahl am 10.4.1938 bei jeweils extrem hohen Wahlbeteiligungen)6
  • die Ernennung des NSDAP-Kreisleiters Eugen Speer zum Bürgermeister im Februar 1934
  • diverse NS-Veranstaltungen im "Scheffelhof" („Gemeindepolitische“ Kundgebungen, „Braune Weihnachtsfeier“, Theateraufführung der Hitlerjugend (HJ), Vereidigung von NSDAP-Mitgliedern,…)
  • Feier des „Tags des deutschen Volkstums in der Welt“ mit 1000 Radolfzeller Schülern auf dem früheren Hindenburgplatz (Marktplatz) am 22.9.1935
  • Großkundgebung mit Reichsstatthalter und Gauleiter Robert Wagner als Redner; Gegenstand seiner völkischen Hetzrede: „Kampf dem Bolschewismus“, 25.10.1936
  • „Bodensee-Lager der Leipziger HJ“ in Iznang - Ankunft und Aufenthalt von rund 1000 Angehörigen der HJ aus Leipzig im Juli 1938. Empfang am Radolfzeller Bahnhof durch die SS7
  • Bemerkenswert ist vor allem das einträchtige Miteinander der Zivilbevölkerung, der verschiedenen NS-Organisationen (SA, SS, HJ, Bund Deutscher Mädel (BDM), Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), Kraft durch Freude (KdF) und der Waffen-SS im öffentlichen Leben der Stadt Radolfzell, sei es bei Turn- und Erntedankfesten, beim „Eintopfsonntag“, bei Fasnachtsumzügen, Weihnachtsfeiern oder sonstigen NS-Großveranstaltungen.
  • In der Garnisonsstadt kommt es nach 1937 zu zahlreichen Eheschließungen und Familiengründungen von SS-Angehörigen und Radolfzeller Frauen. Außerdem gab es seit Kriegsbeginn 1939, als der Reichsarbeitsdienst (RAD) für Frauen eingeführt wurde, Verbindungen von Radolfzeller SS-Angehörigen mit Arbeitsmaiden im RAD-Lager in Wahlwies. Mit den Arbeitsmaiden im RAD-Lager Grasbeuren, Salem soll es laut Erich Kuby 1941 zweimal von der SS organisierte Zusammenkünfte gegeben haben, die helfen sollten, das "schwere Nachwuchsproblem" zu lösen.8
  • Die „Radolfzeller Fastnacht“ und die SS: In den „Hochburgen“ des Karnevals (Rheinland) und der Fastnacht (schwäbisch-alemannischer Raum) verstanden es die Nationalsozialisten, sich der Tradition des verordneten Frohsinns zu bemächtigen, indem sie die Karnevalsvereine und Narrenzünfte gleichschalteten und die Umzüge für ihre Sache instrumentalisierten und organisierten. In Radolfzell übernahm die stationierte SS diese Aufgabe. So lag die Durchführung der Radolfzeller Fastnachtsumzüge der Jahre 1938 und 1939 im Verein mit der willfährig mitwirkenden „Narrizella Ratoldi“ in der Hand der SS-„Germania“. Fotografien der Teilnehmenden dokumentieren diesen ebenso bizarren wie beklemmenden Aspekt der SS-Garnisonsstadt.9

 

Zur Geschichte des 25. April 1945 - Die Stadt Radolfzell, ihre "Retter" und Ehrenbürger

„Neben dem heißen Dank an die Vorsehung Gottes gebührt öffentlich Lob und Anerkennung für ihre mutvollen Bemühungen um die Rettung und Erhaltung der Stadt folgenden Personen, deren Namen in der Chronik der Stadt ehrende Erwähnung verdienen: Kaufmann August Kratt, Bürgermeisterstellvertreter, Heilpraktiker Otto Gräble, Ortsgruppenleiter, Stadtpfarrer Josef Zuber, Vikar Karl Ruby, Polizeirevier-Hauptmann Karl Frei.“ Josef Zimmermann (1888-1974)

Das im Stadtarchiv Radolfzell überlieferte Typoskript des NS-„Ortschronisten“ Josef Zimmermann - von den letzten Tagen der NS-Herrschaft in Radolfzell bis zur „kampflosen Übergabe“ der Stadt am 25. April 1945 - wurde in der bisherigen Stadtgeschichtsschreibung fraglos kolportiert und unkritisch rezipiert, ohne dass die NS-Belastung des Autors und der genannten Protagonisten berücksichtigt worden wäre.10

So erkennt Zimmermann im 25. April 1945 auch weniger den Tag der Befreiung von der NS-Gewaltherrschaft als vielmehr der „Verschonung“ und „Rettung“ Radolfzells vor der Zerstörung durch den „Gegner“. Seine Chronik sah darin nichts Geringeres als „göttliche Vorsehung“ am Werk. Tatsächlich redete Zimmermanns Darstellung einem lokalgeschichtlichen Narrativ das Wort, das – sieht man von den Vertretern der katholischen Kirche, Pfarrer Josef Zuber (1897–1969) und Vikar Karl Ruby (1913-1990) ab 11 – mit NS-Bürgermeister August Kratt, NSDAP-Ortsgruppenleiter Otto Gräble und Polizeirevierleiter Karl Frei ausgerechnet die örtlichen Funktionsträger der NSDAP und NS-Polizei zu „Rettern“ der Stadt erklärte, sofern sie die drohende Zerstörung durch die anrückenden französischen Streitkräfte abgewendet bzw. den Verteidigungsbefehl von Wehrmacht und Waffen-SS unterlaufen hätten.

Optional August Kratt. Star
NSDAP-Ortsgruppenleiter Otto Gräble (rechts) und August Kratt; Kaufmann und NSDAP-Aktivist, Block- und Zellenleiter, förderndes Mitglied der SS, Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e.V. (Adefa), Bürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Radolfzell.

Vorbehalte gegenüber Zimmermanns „Chronik“ sind angebracht, die Revision seiner Darstellung geboten, da unabhängige Quellen fehlen und insbesondere Kratt und Gräble im Rahmen ihrer „Entnazifizierung“ 1946–1948 als „Betroffene“ und NS-Belastete daran interessiert waren, diese „Geschichte“ zu ihren Gunsten  zu erzählen bzw. erzählen zu lassen. Dass in Spruchkammerfahren gegen die örtlichen NS-Repräsentanten immer wieder der betont "militärisch auftretende" Stadtpfarrer Zuber -  ein mit EK I und silberner Verdienstmedaille dekorierter Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs - und Schutzpolizist Karl Frei als „Entlastungszeugen“ auftraten und uniforme „Persilscheine“ ausstellten, gibt zu denken. Zuber beispielsweise hatte laut Adolf Ströble keine Bedenken, sich für Otto Gräble "einzusetzen"; darüber hinaus zählte er die NS-Bürgermeister Jöhle und Kratt zu jenen, so wörtlich, „korrekten“ und „anständigen Nationalsozialisten“, „die an einen Sieg der gemäßigten Elemente im Nationalsozialismus glaubten und dafür innerhalb der Partei arbeiteten“. Den „Einsatz seiner Person“ habe Kratt schließlich „gewagt, um die Zerstörung der Stadt durch verbrecherische Elemente der SS zu verhindern“. Zuber attestierte dem „gläubigen protestantischen Christen“, nota bene "katholisch verheirateten" Kratt, die „ärgsten Auswüchse der Partei und ihren Gliederungen“, HJ, SS und SA, in ihrem „Kampf gegen die (katholische) Kirche“ verhindert zu haben und der „steigenden Macht der kirchenfeindlichen Kräfte innerhalb der Partei“ mäßigend entgegengetreten zu sein.

Radolfzell   Klerus   Zuber   Ruby   Simon Hirt   Glockenweihe   Hausherrenfest   Marktplatz   1953

Klerikale "Entlastung" - Stadtpfarrer Josef Zuber (links am Tisch), Karl Ruby (rechts), in der Mitte Generalvikar Simon Hirt, bei einer Glockenweihe am Hausherrensonntag 1953. Zeitgenössische Fotokarte. Fotoarchiv Markus Wolter.

Sowohl die wiederholten Stellungnahmen der örtlichen Kratt-Apologeten als auch Kratts eigene Einlassungen entwerfen das Porträt eines selbstlosen, stets um das Wohl der Stadt und vornehmlich der (katholischen) Kirche besorgten Bürgermeisters, Christenmenschen und „guten Nationalsozialisten“, der durch sein „unermüdliches Eintreten für Sauberkeit und Gerechtigkeit“ die SS zuletzt veranlasst habe, ihn zur „gelegentlichen Liquidation auf die Liste der Todeskandidaten“ zu setzen. Trotz gegenteiliger, Kratt deutlich belastender Stellungnahmen beurteilte die Spruchkammer Kratt 1948 wohlwollend. Zwar müsse man den umtriebigen und – nach Umsätzen und Gewinnen 1933–1945 – auffällig erfolgreichen Geschäftsmann und „ehrenamtlichen“ Bürgermeister, NSDAP-Funktionär und SS-Förderer als Partei-„Aktivisten“ bezeichnen, zumal er „den Nationalsozialismus nach außen hin in erheblichem Maße repräsentiert“ habe, doch sei er kein „Nutznießer“ des NS-Systems gewesen; dies, obwohl die Kammer zugleich einräumte, dass Kratt „durch seine Stellung in der Partei zweifellos geschäftlichen Gewinn“ gehabt habe. So war es „Textilhändler“ August Kratt 1937 möglich, sein Unternehmen zu vergrößern und mit dem denkmalgeschützten „Hohen Haus“ in der Höllstraße ein weiteres, repräsentatives Gebäude zu erwerben, das dem „ersten Kaufhaus am Ort“, Marktplatz 13, seit 1940 als Ausstellungs- und Lagergebäude diente. In einem ersten Urteilsspruch 1947 verurteilte die Spruchkammer den „minderbelasteten“ (Gruppe III) Kratt zur Abgabe von 50 % (später 70 %) seines – nicht unerheblichen – Vermögenszuwachses seit 1933, ferner sollte ihm über 10 Jahre verboten werden, eine leitende Stellung oder selbständige Tätigkeit auszuüben. Gegen dieses Urteil legte Kratt, vertreten von Rechtsanwalt Theopont Diez, erfolgreich Revision ein. Die Kammer ordnete Kratt schließlich 1948 erneut der Gruppe der „Minderbelasteten“ zu, verhängte aber nur noch eine Geldstrafe in Höhe von RM 5.000,– und sprach Kratt das Verbot aus, sich während einer dreijährigen Bewährungsfrist politisch zu betätigen oder wählen zu lassen. „Die Kosten des Verfahrens trägt der Betroffene. Der Streitwert wird auf RM 33.000 festgesetzt.“
Als strafmildernd wurde Kratts mutmaßliches Verhalten am 25. April 1945 bewertet, als er nach Überzeugung der Spruchkammer „unter Einsatz seines Lebens“ und „gegen die Anweisung des Generals und Hauptsturmführers der SS“ (recte: General der Wehrmacht Hans Schmidt und SS-Kampfkommandant N.N. Schmidt) die Stadt Radolfzell dem französischen Kampfkommandanten „übergeben“ habe. Die Kammer folgte – in teils wörtlicher Übernahme – der Selbstmystifizierung Kratts und dessen mitunter zynischen Argumentation; wie auch den Stellungnahmen seiner örtlichen Unterstützer.

„Ich möchte hiermit ausdrücklich betonen, daß ich mich in keiner Weise vor den Folgen meiner formellen Zugehörigkeit zur NSDAP drücken will, aber ich habe, wie mir jedermann zuerkennt, mehr für die Rettung von Menschenleben und Eigentum getan als viele heutige Antifaschisten, die in der Zeit, als es um das Letzte ging, nicht hervortraten und allerdings hierzu nicht in der Lage waren.“

In Radolfzell schien man dieser Einschätzung noch 1962 zu folgen und verlieh Kratt aufgrund seiner „besonderen Verdienste als erster Beigeordneter und Bürgermeisterstellvertreter während des zweiten Weltkrieges“ die Ehrenbürgerwürde; im selben Jahr wurde auch Stadtpfarrer Josef Zuber diese Ehrung zuteil.

Fortgeschrieben wurde dieses Narrativ auf einer Steintafel, die am 50. Jahrtag des Geschehens vom 25. April 1945 am Münsterbrunnen angebracht wurde und folgende Inschrift trägt:

„Zur Erinnerung an die Bewahrung von Radolfzell: Am 25. April 1945 verhinderten verschiedene Personen die totale Zerstörung der Stadt: Bürgermeister-Stellvertreter August Kratt und Erwin Berger verhandelten mit den Franzosen über die gewaltfreie Übergabe. Stadtpfarrer Josef Zuber ließ durch seinen Vikar Karl Ruby unter Mithilfe von Manfred Lipp und Heinz Frank eine weiße Fahne auf dem Münsterturm hissen, mit Mathäus Hermann und Franz Stuber sicherte er den Turmeingang. Franz Stuber hisste auf Veranlassung von Gastwirt Fritz Volk eine zweite weiße Fahne auf der Obstbaugenossenschaft. 1962 wurden Stadtpfarrer Josef Zuber und August Kratt zu Ehrenbürgern ernannt. Große Kreisstadt Radolfzell am Bodensee, 25. April 1995.“

Kaufmann bleibt Kaufmann

Vor der Spruchkammer hatte der „ehrliche und ordentliche Kaufmann“ (Kratt über Kratt) 1946 vollmundig behauptet, er sei „der einzige gewesen, der es wagte, gegen alle Befehle die Stadt Radolfzell zu übergeben und die von mir gelieferte weiße Fahne hissen zu lassen.“
 

Einzelnachweise

1 Stadtarchiv Radolfzell (StAR); abgebildet in: Sebastian Hausendorf: »Eine böse Mißwirtschaft«. Radolfzell 1933-1935. Konstanz, UVK 2012, S. 34/35.
2 Zu Richard Burk vgl. Thorsten Mietzner: Richard Burk, in: Badische Zeitung, 3. September 2012.
3 Zur Ergänzung der Vornamen diente u.a.: Adressbuch der Stadt Radolfzell am Bodensee und Umgebung, Stadler Verlag 1938.
4 Diesen Hinweis verdanke ich Heiko Wegmann, Freiburg, 2020.
5 Lt. Überlinger Stadtführung von Oswald Burger am 13.10.2013, sowie Südkurier, 13.3.2013.
6 Zur Bedeutung der Wahlen im Nationalsozialismus vgl. Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Wahlen 1933-1938).
8 Vgl.: Erich Kuby: Mein Krieg. Aufzeichnungen aus 2129 Tagen, München, Nymphenburger Verlagshandlung 1975, S. 324 f.
9 Recherche und Text: Markus Wolter 2013.
10 Josef Zimmermann (1888–1974), Volksschullehrer und Heimatforscher, NSDAP-Mitglied, Ortsgruppenobmann des NSLB, Radolfzell. Vgl. Zimmermann, J.: „Kurze Stadtchronik“, in: Adressbuch der Stadt Radolfzell am Bodensee und Umgebung, Konstanz 1938, S. 37–41; vgl. ferner: „Ausführliche Darstellung der Vorgänge bei der Übergabe der Stadt R. am 25. April 1945“. Das unveröffentlichte Typoskript (StAR) liegt auch der umstrittenen Darstellung von Otto Roggenbass zugrunde: Trotz Stacheldraht. 1939–1945. Konstanz 194, S. 99 ff.; Spruchkammerakte Josef Zimmermann, StAF D 180/3 Nr. 1402; Archiv der französischen Besatzung, La Courneuve Cedex.
11 Zum örtlichen Katholizismus in der Zeit des Nationalsozialismus allgemein und zu Stadtpfarrer Josef Zuber und Vikar Karl Ruby im Besonderen vgl: Tobias Engelsing: "Wir sind in Deutschland und nicht in Russland". Eine Alltagsgeschichte der Volkssschule in den Jarren 1933-1949 am Beispiel der Stadt Radolfzell am Bodensee. Konstanz, Faude 1988, S. 70-82.