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Offizielle Gedenkpolitik zur SS-Kaserne

Gedenkstätte an der ehemaligen Kaserne

Der Radolfzeller Gemeinderat hat sich in seiner Sitzung vom 11.10.2011 für die Realisierung eines Entwurfs des Pforzheimer Künstlers René Dantes (geb. 1962) zur Gestaltung einer „Erinnerungsstätte“ an der Kaserne (Errichtung voraussichtlich 2012) mehrheitlich entschieden. Die Kosten (EUR 10.000 für vier Informations-Stelen und EUR 30.000 für eine Edelstahl-Skulptur) werden von der Stadt getragen.1

Der anfänglich gewählte Terminus „Erinnerungsstätte“ anstelle von „Gedenkstätte“ scheint nicht ganz zufällig, angesichts eines Konzeptes, das nur zum Teil Gedenken an die NS-Zeit zum Ziel hat. Auf den Informationsstelen soll merkwürdigerweise im Anschluß an die Dokumentation der Geschichte der SS-Kaserne auch die Nutzung nach 1945 durch die Franzosen und die heutige kommerzielle Nutzung als Industriepark beschrieben werden. Man kann aber nicht gut mit einem Mahn­mal an den Ort einer Waf­fen-​SS-​Ka­ser­ne bzw. ein KZ-​Au­ßen­kom­man­do er­in­nern und gleich­zei­tig Wer­bung für ein mo­der­nes Ge­wer­be­ge­biet (RIZ) ma­chen. Letz­te­res braucht schlech­ter­dings kei­nen Ort des Ge­den­kens. Wer an bei­de Funk­tio­nen und an alle Zeitabschnitte der Geschichte des Ka­ser­nenareals gleichermaßen „erinnern“ will, miss­ver­steht den Zweck, den eine „Gedenkstätte“ zu er­fül­len hat.

In einer städ­ti­schen Ar­beits­grup­pe wurde auch deswegen über ein Jahr lang um jeden Satz ge­run­gen, der auf den vier ge­plan­ten Informationss­te­len vor der ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne stehen soll. In öffentlicher Sitzung des Gemeinderats stimmten die Stadträte schließlich am 16.10.2012 u.a. für die von der Arbeitsgruppe erarbeiteten Textentwürfe (Stelen I und IV: Achim Fenner, Stelen II und III: Markus Wolter).2

Gedenkstatte Kaserne  
Die Gedenkstätte kurz nach ihrer Einweihung 2013. Fotografie: Alfred Heim.

Am 8. September 2013, dem "Tag des offenen Denkmals", der in diesem Jahr unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ stand, wurde das Ensemble aus Gedenkskulptur und Informationstafeln im Eingangsbereich der ehemaligen SS-Kaserne mit einem Festakt eingeweiht. Es ist zusammen mit den Informations- und Gedenktafeln am Schießstand und dem Gurs-Mahnmal künftig Teil einer dezentralen NS-Gedenkstätte der Stadt Radolfzell.3

Gedenkstaette Kaserne Dezember 2018 5 Gedenkstaette Kaserne Dezember 2018 2 Gedenkstaette Kaserne Dezember 2018 7  

Die Gedenkstätte im Dezember 2018; die Trauerweide fiel 2014 einem Sturm zum Opfer; die verschmutzten Informationstafeln II und III zeigen Ansiedlungen von Flechten und Moos. Fotografien: Markus Wolter.

Die Texte auf den vier Informationstafeln:

Stele I: "Gebaut für die Ewigkeit"

Stele II: "Täter, Opfer, Zuschauer"

Stele III: Die Waffen-SS-Unterführerschule und das KZ-Außenkommando Radolfzell

Stele IV: Aus Besatzern werden Freunde / Eine Investition in die Zukunft - Gewerbegebiet Nord

Politik der Straßenbenennungen

Walter-Schellenberg-Straße

Walter Schellenberg Strasse  
Eine Straße auf dem Gebiet einer ehemaligen SS-Kaserne, die lt. städtischem Bebauungsplan seit 1991 den Namen Walter-Schellenberg-Straße trägt, sorgt für Irritationen. Nicht alle dürften wissen, dass hier nicht der verurteilte Kriegsverbrecher Walter Schellenberg (SS-Brigadeführer, Generalmajor der Polizei und Leiter der vereinigten Geheimdienste von SD und Abwehr im Reichssicherheitshauptamt), sondern der gleichnamige Vorstandsvorsitzende des Radolfzeller Unternehmens Schiesser-AG 1936-1945 gemeint ist. Um diese Irritationen zu vermeiden, müsste eine biografische Zusatzinformation am Straßenschild angebracht werden.4 Spätestens dann müsste allerdings auch die Frage beantwortet werden, welches die „Verdienste“ des Schiesser-Vorstandsvorsitzenden Schellenberg (1910-1992) gewesen sein mögen, die eine Straßenbenennung im Jahr 1991 rechtfertigten. So wurde unter Schellenbergs Führung der Schiesser-AG am 1. Mai 1940 im betrieblichen Leistungskampf 1939/40 von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) der Titel „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ verliehen. 5 Überdies setzte die Schiesser-AG nach Beginn des Russlandfeldzugs 1941 ukrainische Zwangsarbeiterinnen in ihrer Kriegsproduktion ein.6

Schiesser   Briefkopf 1938   Vorstandsvors. Walter Schellenberg  

Briefkopf der J. Schiesser AG, 1938. "Vorstand: Walter Schellenberg". Sammlung Markus Wolter

Jakob-Dörr-Straße

Jakob Doerr Strasse  
In der Nähe der längst abgerissenen KZ-Unterkünfte wurde auf dem ehemaligen Kasernenareal 2004 eine Sackgasse nach dem 1941 von SS-Wachpersonal erschossenen KZ-Häftling Jacob Dörr (1916-1941) benannt. Das Straßenschild blieb ohne Kommentierung, weshalb nicht nur bei den Anwohnern bis heute weitgehend unbekannt blieb, dass mit dieser Straßenbenennung ein Opfer der NS-Gewaltherrschaft in Radolfzell gewürdigt werden soll. Erst auf einer Informationstafel der 2013 eingeweihten Gedenkstätte werden die Hintergründe dargestellt.

Leonhard-Oesterle-Str.

2016 wurde in einem Neubaugebiet im Norden der Stadt eine geplante Straße nach Leonhard Oesterle benannt, der zwischen 1941 und 1943 Häftling im KZ-Außenkommando Radolfzell gewesen war und dem zusammen mit dem tschechischen Mithäftling Oldřich Sedláček die Flucht in die Schweiz gelang.

Landserweg>Fritz-Klose-Weg

Geschichtsklitterung und Renazifizierung 1950-1956 - Von den „ehemaligen Wehrmachtswohnungen“ in der „Kasernensiedlung“ zum „Landserweg“

Kasernengebiet Einwohnerbuch 1952  

„Ehem. Wehrm.-Wohnungen“(!). Einwohnerbuch der Stadt Radolfzell, Konstanz, Stadler 1952.

Landserweg Radolfzell1956  
„Landserweg“: Der „Name ehrt den einfachen Soldaten der beiden Weltkriege.“ Einwohnerbuch der Stadt Radolfzell, Konstanz, Stadler 1956.

Die im Rahmen des Kasernen-Neubaus 1937 angelegte „Hans-Cyranka-Str.“, benannt nach dem Hamburger SS-Angehörigen, „Blutzeugen der Bewegung“ und „alten Kämpfer“ Hans Cyranka (1910-1932), führte von der damaligen SS-Wohnsiedlung bis zum Stabsgebäude der SS-Kaserne an der Steißlinger Straße; der heutige „Landserweg“ endet an der „Kasernenstraße“.

Durch Beschluss des Gemeinderates wurde die nach 1945 gebotene Umbenennung der „Hans-Cyranka-Str.“ offiziell erst im Jahr 1956 vorgenommen; wie auch die anderen, nach weiteren „Alten Kämpfern“ benannten Straßen in der ehemaligen SS-Wohnsiedlung war sie zunächst namenlos geblieben. Den Einwohnerbüchern zufolge wurde sie 1950-1956 ohne nähere Straßeneinteilung als „Kasernensiedlung“ bzw. „Wohnsiedlung bei der ehemaligen Kaserne“ geführt. Dass die aufgeführten „Blöcke I, II, IIa, III, IIIa und IV“ dabei fälschlich und offensichtlich wider besseres Wissen als „ehemalige Wehrmachts-Wohnungen“ bezeichnet werden, gibt zu denken und sollte wohl die spätere Namensgebung „Landserweg“ vorbereiten. Der Name bot dem Gemeinderat 1956 keinen Anlass für Kritik; auch nicht die damit verbundene und ausdrückliche „Ehrung des einfachen Soldaten der beiden Weltkriege“.7 Unkritisch und ohne zwischen Reichswehr- und Wehrmachtssoldaten zu differenzieren, bediente und tradierte man stattdessen vor allem das historisch falsche Stereotyp der vermeintlich „sauberen Wehrmacht“, deren Beteiligung an Kriegsverbrechen 1939-1945 man bis heute selbstredend unterschlägt.

Entlang der ehemaligen SS-Kaserne verlaufend, suggerierte der Name zudem, dass es sich um eine Wehrmachtskaserne gehandelt haben könnte, oder aber, bedenklicher noch, dass die hier 1937-1945 stationierten Angehörigen der Waffen-SS eben auch nur „einfache Soldaten“, „Soldaten wie andere auch“ gewesen wären - eine Problematik, die sich 1958 am Kriegerdenkmal fortsetzte und bis heute nicht gelöst ist.

Soldaten der Wehrmacht waren übrigens bis auf wenige Tage im April 1945 zu keiner Zeit in der Radolfzeller Kaserne stationiert.

Außer in Radolfzell gab es in Deutschland wohl keinen weiteren „Landserweg“, „Landserstraße“ oder eine ähnliche Straßen- oder Platzbezeichnung.

Der Begriff „Landser“ wurde und wird vor allem in rechtsextremen Kreisen und Publikationen (v.a. „Der Landser“-Heftromane) als Inbegriff des besagten „einfachen“ Wehrmachtsoldaten 1939-1945 verklärt und heroisiert. Auch eine Rechtsrock-Band aus Berlin trug diesen Namen. Sie war bis zu ihrem Verbot im Jahr 2003 die bekannteste Musikgruppe aus dem neonazistischen Milieu.

Caserne Vauban Stadion Landserweg Ruine Des Ss Fuehrerheims  
Fotografie um 1947, die ehemalige SS-Wohnsiedlung noch im Tarnanstrich. Sammlung Markus Wolter

Ss Wohnsiedlung  
Die SS-Wohnsiedlung 1938 an der „Hans-Cyranka-Str.“, dem späteren „Landserweg“. Fotografie Hillebrecht. Sammlung Markus Wolter

Landserweg Dezember 2018 3  
Der Landserweg. Links die alte Kasernenmauer, rechts die ehemalige SS-Wohnsiedlung.

Landserweg Dezember 2018 Bundespolizei 3  
Landserweg 11: Bundespolizeiinspektion Konstanz. Fotografien: Markus Wolter, Dezember 2018.

Eine Umbenennung des „Landserwegs“ wurde vor diesem Hintergrund dringend empfohlen; von Markus Wolter wurde in einer Initiativanfrage an den Gemeinderat „Fritz-Klose-Weg“ vorgeschlagen, nach dem - neben Jacob Dörr zweiten namentlich bekannten KZ-Häftling, der im KZ-Außenkommando Radolfzell gewaltsam zu Tode kam: Fritz Klose (1904-1943).

Straßenumbenennung 2019

Fritz Klose Weg  
Im Juni 2018 war die entsprechende Initiativanfrage an den Ältestenrat des Radolfzeller Gemeinderats übermittelt worden. Am 27. November 2018 beschloss der Gemeinderat, den „Landserweg“ in „Fritz-Klose-Weg“ umzubenennen. Der Beschluss wurde am 1. Februar 2019 u.a. mit dem Anbringen der neuen Straßenschilder umgesetzt; 2020 hat schließlich auch google-maps die Umbenennung vorgenommen.

Kasernenstraße

Kasernenstrasse  

Im ersten Straßenverzeichnis 1950 erstmals und auch später noch lange als "Kasernenweg" ausgewiesen - "Führt von der Friedhofstraße zur Kaserne"; freilich ohne weitere historische Differenzierung.

Einzelnachweise

4 Vgl. hierzu: Bürger fragen, OB Staab antwortet, www.radolfzell.de, abgerufen am 28.10.2017.
5 Badens Betriebe im Leistungskampf. Auszeichnung zum Nationalen Feiertag des deutschen Volkes, in: Freiburger Zeitung, 1. Mai 1940; Digitalisat UB Freiburg.
6 Vgl. hierzu: Christian Ruch, Myriam Rais-Liechti, Roland Peter: Geschäfte und Zwangsarbeit: Schweizer Industrieunternehmen im «Dritten Reich», Zurich 2001.
7 Diese Benennung stellte faktisch einen (nachträglichen) Verstoß gegen Direktive Nr. 30 des Alliierten Kontrollrats dar, die die Entfernung aller Symbole des alten Regimes und seiner militärischen Tradition zum 1. Januar 1947 angeordnet hatte: „Von dem Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Direktive an ist untersagt und als gesetzeswidrig erklärt die Planung, der Entwurf, die Errichtung, die Aufstellung und der Anschlag oder die sonstige Zurschaustellung von Gedenksteinen, Denkmälern, Plakaten, Statuen, Bauwerken, Straßen- oder Landstraßenschildern, Wahrzeichen, Gedenktafeln oder Abzeichen, die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten, den Militarismus wachzurufen oder die Erinnerung an die nationalsozialistische Partei aufrechtzuerhalten, oder ihrem Wesen nach in der Verherrlichung von kriegerischen Ereignissen bestehen“. Dies sollte sich bereits beziehen „auf Kriegshandlungen nach dem 1. August 1914 zu Lande, zu Wasser oder in der Luft und auf Personen, Organisationen und Einrichtungen, die mit diesen Handlungen in unmittelbarem Zusammenhang stehen.“ Als allerdings der "Landserweg" 1956 Straßenname in Radolfzell wurde, war die besagte Kontrollrats-Direktive breits seit einem Jahr durch Artikel 2 des Gesetzes Nr. A-37 der Alliierten Hohen Kommission vom 5. Mai 1955 (ABl. AHK S. 3268) "außer Wirkung" gesetzt.